Es gibt Taten, die verjähren im Gedächtnis einer Gesellschaft nicht. Der RAF-Terror liegt zudem nicht so lange zurück, dass Opfern und Angehörigen die Grausamkeiten nicht immer noch gegenwärtig wären. Wenn die Täter lebenslang einsitzen, erscheint das also gerecht. Sollte einer früher entlassen werden, wäre Mitleid angebracht, wenn ihm ein friedliches Leben missgönnt wird? Sollte es verwundern, wenn sich Menschen finden, die auf Rache sinnen? Schattenwelt verwischt diese Grenzen zwischen Täter und Opfer. Die Botschaft ist fragwürdig und nach dem eigentlichen Sinn fahnden, lohnt nicht.
Nachdem die NS-Zeit jüngst mit einer ganzen Reihe Filme (wieder einmal) eingehend ins Visier der Filmmacher rückte, ging es in der Folge weiter in eine historisch weniger gut aufbereitete Zeit. Der Baader Meinhof Komplex widmete sich den Agitationen der Roten Armee Fraktion (RAF) in den 1970er Jahren. Bis heute hallt die Wirkung dieser Gewalttakte in unserer Gesellschaft nach. Und erst vor kurzem erlangte die Diskussion um die RAF wieder besondere mediale Beachtung, als der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar, nach über zwei Jahrzehnten der Haft, vorzeitig entlassen wurde (Klar war unter anderem wegen der Beteiligung an den Morden an Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hans-Martin Schleyer ursprünglich zu mehrfach lebenslänglich verurteilt worden). Schattenwelt behandelt, leicht verfremdet, augenscheinlich das "Danach"; den Versuch eines Lebensentwurfes nach der Haftentlassung. Bald aber gleitet die Geschichte auf eine schlecht definierbar-zwielichtige Ebene ab und entwickelt fragwürdige Rehabilitierungsansätze.
Volker Widmer (Ulrich Noethen), ein ehemals führendes Mitglied der zweiten Generation der RAF, wird nach 22 Jahren Haft entlassen. Bereits vor dem Tor wird ihm aufgelauert, er kann der Hatz aber erstmal entgehen. Es scheint, egal wie lange die Taten der RAF her sein mögen, die Medien und die Menschen können und wollen sie nicht vergessen. Seine Anwältin Ellen (Tatja Seibt) sorgt sich um Widmer, hat ihm eine Wohnung in einem Hochhaus verschafft. In der Vergangenheit stand sie der "Organisation" offenbar auch sehr nahe. Widmer, der früher auch "Saul" von den anderen Aktivisten gerufen wurde, versucht in der nächsten Zeit, in seiner neuen Bleibe, unerkannt und anonym, sich an ein Leben in Freiheit zu gewöhnen.
Doch so ruhig, wie er es sich gewünscht hätte, bleibt es nicht: In der Wohnung nebenan lebt die junge Valerie (Franziska Petri); auch sie ist eine Klientin Ellens. Ähnlich Widmer, ist ihr Leben auch aus der Bahn geraten: gerade wurde ihr das Sorgerecht für ihren Sohn entzogen, nachdem sie ihn krankenhausreif geprügelt hat. Valerie zeigt schnell ein reges Interesse an Widmer, obwohl sie mit einem Polizisten liiert ist. Aber auch der war früher im Sympathisantenumfeld der RAF zu finden; damals wurde er "Fisch" genannt. Ein verworrenes Beziehungsgeflecht entspinnt sich und unvermittelt wird klar: Schattenwelt löst die strikte Trennung zwischen Täter und Opfer; Terrorist und Staatsdiener bewusst auf. Mit zunehmendem Verlauf dreht sich der Spieß immer weiter um. Dieses merkwürdige Vierergespann, Anwältin, Polizist, Ex-Terrorist und eine junge Frau, die die Kontrolle über ihr Leben verlor; alle haben Schuld auf sich geladen oder sind im Begriff dies zu tun. Brisanz bringt zudem, dass Valerie die Tochter eines der Opfer der RAF ist und insgeheim auf Rache sinnt.
Dass Widmer oder "Saul" synonym für Christian Klar steht, scheint offensichtlich. Hervorzuheben aber ist, dass am Drehbuch zu Schattenwelt ein ehemaliges RAF-Mitglied als Co-Autor mitgewirkt hat: Peter-Jürgen Boock, der wegen einer ganzen Reihe von Mittäterschaften insgesamt 17 Jahre einsaß, war an dem Filmprojekt beteiligt und erhielt sogar Mittel einer öffentlichen Filmförderung. Dass sich dann Stimmen der Entrüstung erheben, scheint die Regisseurin Connie Walther aber zu verwundern. Den Einwand, Solche Art von Filmförderung ist eine Verhöhnung der Opfer, hält sie für ein "bedenkliches Rechtsverständnis". In ihren Augen dient Schattenwelt eindeutig der Auseinandersetzung mit den Opfern - auf beiden Seiten.
Doch die Regisseurin muss sich nicht nur der unangenehmen Frage stellen, ob sie diesem Ziel und dem gesetzten Anspruch letzten Endes gerecht wird, sondern auch, ob das Gezeigte nicht die Intention verfälscht und am Ende eine ganz andere Botschaft (unfreiwillig) entstehen lässt? Schattenwelt verharrt derart lange in Zwischentönen und Andeutungen, dass Zweifel an der Absicht der Filmemacherin aufkommen. Natürlich ist es nur richtig, die Figuren zu erden. Ein "Mythos-RAF" ist das letzte, was man braucht. Ebenso sollten aus den damaligen Terroristen keine Monster skizziert werden, aber die Opfer derart auf Augenhöhe an die Täter heranzuführen und sie ihnen so ähnlich zu machen, erscheint unlauter. "Sympathy for the Devil" ist nicht angesagt. Und besonders das Ende führt zudem in einen Grenzbereich mit expliziter Verkehrung der Vorzeichen, dass es als "Aussage" unkommentiert nicht stehen bleiben darf. Wer Zweifel an der Grausamkeit des RAF-Terrors hat, kann in jedem Geschichtsbuch nachlesen. Wenn jemand Mitgefühl verdient, sind es eindeutig die echten Opfer, dass herauszuarbeiten, ist in Schattenwelt nicht gelungen und sollte sich eine Entschuldigungsbotschaft des Mitautors und Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boocks irgendwo versteckt haben, bleibt sie auf ewig an diesem imaginären Ort verschollen.