Der Meisterregisseur der unterschwelligen bürgerlichen Groteske trumpft gemeinsam mit dem französischen Superstar Gerard Depardieu in einer verzwickten Kriminalgeschichte auf. Vor lauter intensitätsarmer Fadheit und einer Kameradynamik, die nicht einmal den Puls der methusalemischen Abteilung eines Altenheims zu beschleunigen vermögen würde, liefert Kommissar Bellamy aber nichts, was an Kino eigentlich Spaß macht und verliert sich in endlosen zähen Dialogen und kaugummiartiger Erzählstruktur. Wirklich nur was für hartgesottene Chabrol-Fans.
Claude Chabrol ist zurück. Der Mitbegründer der Nouvelle Vague (Neue Welle) liefert knapp 80-jährig konsequent ein Stück seines Könnens ab. Mit Kommissar Bellamy bewegt sich Chabrol genau in jenen Gefilden, oder Niederungen, die er so trefflich zu skizzieren vermag: Mitten in die scheinbar aufgeräumte Welt des Bürgertums, der Bourgeoisie entführt Chabrol den Zuschauer und baut drumherum seine erzählerischen Gebäude der menschlichen Niedertracht auf; ganz still und hintergründig.
Der Pariser Kommissar Paul Bellamy (Gerard Depardieu) verbringt gemeinsam mit seiner hübschen Frau Francoise ( Marie Bunel) die Sommerferien in ihrem Elternhaus im südfranzösischen Nimes. Der Kommissar selbst: irgendwo zwischen Agatha Christies Hercule Poirot und Colombo einzuordnen. Auf jeden Fall die gemütliche Natur des ersteren und die leicht düsfunktionale Verdattertheit des letzteren. Francoise würde zwar viel lieber verreisen, aber Paul hasst Veränderungen und schätzt Ruhe und Gemütlichkeit. Also fügt sich die gute Ehefrau folgsam dem Willen ihres Gatten. Mit Ruhe und Gemütlichkeit ist es aber schnell vorbei, als ein Fremder auftaucht, der von sich behauptet, er hätte im Zuge eines Versicherungsbetruges einen Obdachlosen umgebracht, um mit der Leiche sein eigenes "Dahinscheiden" zu tarnen und anschließend ein neues Leben zu beginnen.
Warum nun der Kommissar mit dem Charme eines "Santa Claus" auf Johanniskraut-Dragees den Verdächtigen nicht sofort festsetzt und ihn ordentlich im Polizeirevier ins Verhör nimmt, wird wohl das Geheimnis Chabrols bleiben. Stattdessen erlebt man einen Depardieu, der aus dem letzten Loch pfeifend, eine vortrefflich-unabsichtliche Obelix-Parodie, mit leider viel zu viel Realbezug, abliefert; und den Mörder mit dem kriminalistischen Enthusiasmus eines Liebonkels befragt. Etwa so würde ein Großvater seinen Lieblingsenkel durch die Mangel drehen, damit der mit der Schokolade rausrückt, die er der Oma aus dem Schrank stibitzt hat.
Auf die Story und die Verwicklungen einzugehen lohnt nicht wirklich. Zwingend erwähnenswert lediglich noch das Auftauchen Jacques (Clovis Cornillac); des jüngeren Halbbruder des Kommissars: Ein depressiver Alkoholiker, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Zwischen den beiden lodert unterschwellig eine Hassliebe: Sie sind für einander wie verzerrte Spiegelbilder und beide sehen ineinander etwas, um das sie den anderen beneiden und etwas, weshalb sie ihr Gegenüber verabscheuen. Noch mehr Niederungen in der feinen Welt der Bourgeoisie. Und Chabrols roter Faden durch alle seine Filme hindurch.
Vorneweg: Modernes Kino ist das nicht. Die Anfänge dieser Technik "Film zu erzählen", liegen in den 1950er Jahren: In Frankreich entstand damals eine Bewegung junger Cineasten, die sich gegen die eingefahrene Bildsprache und den vorhersagbaren Erzählfluss des etablierten "kommerziellen Kinos" wandte. Sie stellten sich gegen die Verbiederung und Vorhersehbarkeit des französischen Qualitätskinos Cinema de Qualite und propagierten Filme von Regisseuren wie Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Jean Renoir und Roberto Rossellini; einer von diesen jungen Wilden war Claude Chabrol. Charakterisierend für Chabrols "essayistische Art" Filme zu machen, langsam erzählend, nah am Schauspieler und ohne großen technischen Schnickschnack, ist stets der massive Einsatz von Musik, welche die Handlung trägt und der Dramaturgie den Weg ebnet.
Allerdings ist den Begriff Dramaturgie in diesem Zusammenhang zu verwenden, schon gewagt. Chabrols Filme mögen mit allerlei unterschwelligen Motiven arbeiten und für den Kenner kleine Juwelen sein, aber besonders viel Leben steckt da nicht drin. Visuell ist Kommissar Bellamy auf extrem sparsame Mittel reduziert. Das ist schon anstrengender Purismus. Hinzu gesellt sich ein szenisch derart unaufgeregter Stil, dass man schon gar nicht mehr die Lust verspürt, aus den endlosen Dialogen etwas Gehalt zu extrahieren. Der Freund dieser Filme mag die Nase ob solch übler Nachrede rümpfen, aber das ist langweiliges Kino, das mit nichts aufwartet, was zu bezaubern vermag. Und die Subtilität, mit der irgendwelche moralische Untiefen der menschlichen Natur offen gelegt werden, vermag einfach nicht zu faszinieren.
Nicht, dass dies in ein Plädoyer für kommerzielles, aktionalisiertes und amerikanisch geprägtes Kino ausufern soll, aber es würden eine Reihe alter Filme in den Sinn kommen, die all das, was Chabrol in Kommissar Bellamy inszenieren will, besser und inspirierender machen. Doch wer es genauso mag, dem sei das alles unbelassen. Es ist eben ein Film für Kinofreunde mit dem besonderen Geschmack. Für alle anderen vermutlich nicht mehr als eine kostspielige Schlummerstunde im Kinosessel; zu Hause auf der Couch dösen ist günstiger.