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Und wieder erhellt ein Französischer Stern das Firmament des Horrorgenres! Mit nur wenig Regie-Erfahrung inszenierte Pascal Laugier mit Martyrs ein packendes und brutales Drama, welches eher auf Motivationen und Hintergründe, als auf rudimentäre Metzelei setzt. Die erstklassigen, obwohl ähnlich unerfahrenen, Darsteller sorgen dafür, dass man als Zuschauer richtig mitfühlen kann, weswegen der Film mit verstreichender Laufzeit immer ungemütlicher und somit effektiver wird. Nur wer mit fixen Erwartungen an den Film herangeht, die zentrale Aussage scheut oder den Zugang zur eigentlichen Handlung nicht findet, kann hier enttäuscht werden.
Kein anderer Europäischer Horrorfilm hat 2008 auch nur annähernd so viel Aufsehen erregt, weswegen viele dieses Werk kaum erwarten konnten. Verantwortlich dafür war die Französische Kultusministerin Christina Albanel, welche sich persönlich dafür einsetzte dass Martyrs nach einer Neuprüfung dank einer Altersfreigabe "AB 16" doch in den französischen Kinos laufen konnte. Schon bald gab es diverse Meldungen, dass es sich hierbei um den wohl härtesten Horrorfilm der Neuzeit handelt, und dass vorherige Französische Werke, wie High Tension oder Inside, daneben vollkommen verblassen würden. Wie so oft, muss man auch bei diesem Beispiel sehr vorsichtig mit solchen Aussagen umgehen, denn auch wenn der Film tatsächlich mit zu den härtesten Filmen zählt, so ist er es doch aus ganz anderen Gründen, als seine beiden genannten Landeskollegen.
Nachdem sie während einer unbestimmten langen Zeit ohne bekannte Gründe gefoltert wurde, kann die kleine Lucie (Morjana Alaoui) ihren Peinigern entkommen und wächst anschließend in einem Waisenhaus auf. Nur in Anna (Mylene Jampanoi) findet sie eine Freundin der sie sich auch anvertraut. Fünfzehn Jahre später will sie endlich mit dem Erlebten komplett abschließen können und geht, mit einer Schrotflinte bewaffnet, zum Haus der Familie ihrer - zumindest ist sie davon überzeugt - Peiniger. Es dauert nicht lange und sie benötigt dringend Annas Hilfe, doch deren Albtraum hat damit noch nicht einmal begonnen.
Es gibt immer wieder Filme, denen man so offen wie möglich begegnen sollte. Das bedeutet, dass man so wenig wie nur irgendwie möglich darüber wissen sollte, und dabei für alles empfänglich bleibt. Dies ist wichtig, weil bestimmte Filme nur dann funktionieren und ansonsten ihre komplette Wirkung verlieren können. Das Horror-Terror-Drama Martyrs ist ein Paradebeispiel für solch einen Film, denn Regisseur und Drehbuchautor Pascal Laugier (Saint Ange) bricht gleich mehrmals auf sehr effektive Weise mit bekannten Handlungsschemata des Horrorgenres. So schafft er es, den Zuschauer nicht nur zu überraschen, sondern ihn auch vollkommen unvorbereitet in einen regelrechten Hammer laufen zu lassen. Bis man in diesem speziellen Moment realisiert, worauf der Film eigentlich zusteuert, ist es zu spät und man kann sich der einfangenden Wirkung dieser vollkommen kranken und abscheulichen Geschichte nicht mehr entziehen (und dies, obwohl man es doch so gerne würde).
Doch auch abgesehen von der überraschenden Handlung - welche von vielen als absurd oder auch lächerlich bezeichnet wird, obwohl sie gar nicht so abwegig ist - wird hier mit einer eher unauffälligen und sehr zurückhaltenden Geräusche-Kulisse (was zusätzlich zur Handlung und der Subgenre-Zugehörigkeit einen großen Unterschied zu High Tension und Inside darstellt), sowie blassen Farben eine passende kalte und beklemmende Atmosphäre erschaffen, welche ideal zum Grundtenor des gesamten Werkes passt. Wer hier übrigens ein richtiges Splatterfest erwartet, wird enttäuscht werden, denn statt graphische Gewalt zu zelebrieren, setzt Pascal Laugier diese ausschließlich dort ein, wo sie auch für die Wirkung der Geschichte benötigt wird. In mehreren Szenen hätten andere - selbstzweckhaft denkende - Regisseure viel mehr draufgehalten, doch dies ist im Grunde trotz der vorhandenen Gore-Elemente ein intelligenter Horrorfilm und kein Torture-Porn. Das heißt natürlich auch nicht, dass man nicht doch hin und wieder einen robusten Magen braucht, aber die wahre Qual des Zuschauers besteht nicht in dem was er sieht, sondern in dem Fakt wie eiskalt, schonungslos und kategorisch das Ganze dargestellt wird.
Damit der Zuschauer auch wirklich mitleiden kann, sind gute darstellerische Leistungen ebenso wichtig, wie eine solide Inszenierung. Auch in diesem Punkt erhält der Film sehr gute Noten, denn beide Hauptdarstellerinnen liefern eine mehr als überdurchschnittliche Leistung ab. Morjana Alaoui (demnächst im Thriller Zimmer zu sehen) wirkt ebenso glaubwürdig wie bedrohlich, während Mylène Jampanoi (Die purpurnen Flüsse 2 - Die Engel der Apokalypse, Valley of Flowers) in jeder Szene ein sehr intensives Spiel an den Tag legt. Ähnlich wie Cecile De France in High Tension, transportiert sie jedes Gefühl ihrer Figur und lässt uns so an dem Leiden und der Resignation teilhaben. Eine bemerkenswerte Leistung, und man darf gespannt sein, was man von ihr in Zukunft noch zu sehen bekommt.
Dieser Film ist hinterhältig und tut weh! Was für die einen Unterhaltung ist, gehört für die anderen verboten, und sicher ist es eine berechtigte Frage, ob man solche Filme braucht. Doch es handelt sich noch immer lediglich um das Erzählen einer Geschichte, und es besteht für niemanden ein Zwang sich gerade Martyrs anzusehen. Diese Geschichte ist extrem abartig und abgrundtief verstörend, doch genau in demselben Maße ist sie auch fesselnd, interessant und regt zum Denken an. So ist die zentrale Aussage des Filmes im Grunde sehr ähnlich zu derjenigen in Der Nebel, wo es ebenfalls darum ging, dass der Mensch zu allen erdenklichen Gräueltaten fähig ist, wenn er nur genügend Angst hat. Bei Martyrs ist einfach die Verpackung an sich das wahre Monster, und egal ob es einen zu fassen bekommen hat oder nicht, irgend etwas löst dieses Monster in jedem von uns aus.
Am Ende sitzt man vor dem Bildschirm und fühlt sich alleine gelassen. Der letzte schonungslose Akt und dessen Finale lassen einen auch Stunden nach dem Film noch nicht los, wobei sich die Aussage mehr und mehr manifestiert und weitere interessante Fragen zum Vorschein kommen. Es empfiehlt sich von daher eine der Lieblingskomödien griffbereit zu halten, um sich kurzfristig von diesem extrem bösen, aber gleichermaßen genialen Kunstwerk zu erholen. |