Manche Länder haben eine ganz spezielle Beziehung zur Natur. Japan hält an einer Tradition fest, die uns mehr als unverständlich ist. Es legitimiert sein Handeln in Bezug auf Walfang mit dem Verweis auf Wissenschaftlichkeit. Die Bucht - The Cove ist ein Dokumentarfilm in Spielfilmmanier, der diese Schutzbehauptungen nicht nur ad absurdum führen will, sondern offen Anklage gegen eine bestialische Tradition erhebt. Spannender kann eine Dokumentation nicht gemacht sein. Unbedingt ansehen, darüber reden und Stellung beziehen.
Das Wasser ist dunkelrot. Männer in Boten fahren herum und stechen immer wieder auf die Geschöpfe ein, die sich noch bewegen und verzweifelt nach Luft ringen, während sie aus zahllosen klaffenden Wunden bluten. Immer wieder versuchen sie, bereits im Todeskampf, zu entkommen. Manche von ihnen springen in wilder Panik auf die scharfkantigen Felsen, prallen ab und rutschen wieder ins Wasser zu ihren sterbenden Artgenossen zurück. Glücklich, wem ein schnelles Ende beschieden ist. Diese Bilder sollen einen kleinen Vorgeschmack auf das Grauen in Die Bucht - The Cove geben, möglicherweise einem der wichtigsten Dokumentarfilme seit langem.
Japan ist eines der letzten Länder, das an einer archaischen Tradition festhält: Seit 1986 ignoriert es das Wahlfangverbot: 13.000 Großwale sind seither getötet worden und Japan erweitert sein Walfangprogramm stetig: Fangquoten werden seit Jahren erhöht, und immer neue Arten - wie die hochbedrohten Finn- und Buckelwale - ins Visier genommen. Das alles erfolgt unter dem Deckmantel der Wissenschaft: Japan hat gleich zwei Forschungsprogramme hierfür ins Leben gerufen. Und tatsächlich gesteht die Internationale Wahlfangkommission (IWC) Japan das Recht zu, für "wissenschaftliche Forschungszwecke" eine festgelegte Quote Wale töten zu dürfen. Die "Forschungsobjekte" werden noch auf hoher See in Fabrikschiffen zu handelsfreundlichen Paketen zerlegt, verpackt und tauchen später in japanischen Gourmetshops sowie Edelrestaurants auf. Dies alles ist nicht neu und zahlreiche Organisationen, Aktivisten und Antiwalfang-Lobbyisten machen, konsequent und richtigerweise, Front dagegen.
Gegen die Jagd auf Großwale gerät aber ein anderes Massaker an Meeressäugern regelrecht ins Abseits. In dem japanischen Küstenort Taiji findet alljährlich ein bestialisches "Schauspiel" statt: 23.000 Delphine werden nach und nach in eine Bucht getrieben, und nachdem sich Delphintrainer die schönsten Jungtiere für Delphinarien weltweit herausgepickt haben, werden die Unglücklichen anderen abgestochen. Saison für dieses grausame Tun ist jedes Jahr von September bis März. Die Öffentlichkeit soll davon nichts mitbekommen und so werden Journalisten, Fotografen und Mitglieder von Tierschutzorganisation radikal vertrieben. Das Ganze besitzt Strukturen, die denen der organisierten Kriminalität nicht unähnlich sind.
Die Bucht - The Cove ist nicht nur ein mutiger Dokumentarfilm, der das alles schonungslos aufzudecken versucht; er stellt ebenso eine vehemente Anklage gegen einen primitiven Ritus dar, der viel weniger auf spezifisch kulturelle Eigenheiten und Traditionen zurückzuführen ist, als anzunehmen wäre. An diesem wird auch aus wirtschaftlichen Gründen festgehalten: Ein Delphin für ein Delphinarium bringt bis zu einer Viertelmillion Dollar. Und den Fischern wird von Staatsstellen weisgemacht, dass die Delphine für den Rückgang des Fischreichtums verantwortlich sind (nicht etwa die Überfischung der Ozeane). Für diese zentral organisierte Indoktrination gibt es ebenfalls Gründe, aber der Film ist viel zu spannend und sehenswert, um sie an dieser Stelle nennen zu wollen.
Tragende Figur der Dokumentation ist Ric O'Barry. In den 1960er Jahren war er Trainer der Delphine, die in der TV-Serie Flipper auftraten. Eine Serie, die Generationen von Fernsehzuschauern begeisterte und Millionen von Menschen zu "Delphinfreunden" werden ließ. Eine Serie aber, die Tausenden von Delphinen zum Verhängnis wurde. Die ausgelöste Euphorie und die übersteigerte Liebe zur Kreatur sorgten dafür, dass ein florierender Handel mit Delphinen entstand: unzählige Delphinarien, Delphin-Shows und Zentren für Delphin-Therapien wollten mit Tieren versorgt sein. Für das Entstehen dieser Industrie fühlt sich Ric O'Barry mit verantwortlich.
Inzwischen ist der ehemals willfährige Erfüllungsgehilfe zu einem der führenden Aktivisten und Tierrechtler geworden. Diese Wandlung, die ein wenig wie eine Saulus-zu-Paulus-Geschichte anmutet, hatte einen tragischen Auslöser: Einer der Flipper-Delphine beging in seinen Armen regelrecht Selbstmord. Für O'Barry der Beweis für das Ich-Bewusstsein dieser Tiere und ihr depressives Dahinsiechen in Gefangenschaft, welchem sie damit ein Ende machen. Delphine atmen nicht automatisch, wie es Landsäugetiere und auch der Mensch tun; sie müssen bewusst atmen, können ihrem Leben, wenn sie dem überdrüssig geworden sind, somit durch Einstellen der Atmung ein Ende bereiten.
Trotz eingängig gelieferter wissenschaftlicher Information ist Die Bucht - The Cove keine einzige Minute trocken oder gar langatmig. In einem Stil zwischen Lifeaction-Reportage und mit der Handkamera inszeniertem Spielfilm nimmt die Dokumentation von Beginn an gefangen. Es ist als ob ein Hitchcock-Thriller mit einem Michael-Moore-Film und Ocean's Eleven kombiniert worden wäre. Das wirkt mitunter pathetisch und überzogen theatralisch. Nötig hat das der Film nicht. Ganz im Gegenteil: mancherorts wäre sogar mehr visuelle und unkommentierte Unmittelbarkeit vonnöten gewesen, um noch stärker aufzurütteln. Solche Kritikpunkte sind aber vernachlässigbar angesichts der Bedeutungsschwere, der nackten Tatsachen. Journalistisch betrachtet, ist dies natürlich eine einseitige, teils undifferenzierte Sicht; aber mal ehrlich, was gibt es da zu differenzieren?