Nach seinem Oscarerfolg mit dem Musicalfilm Chicago, wagt sich Regisseur Rob Marshall erneut an die Adaption eines Musicals. Dieses Mal entführt er die Zuschauer jedoch nach Italien und macht eine Zeitreise in die frühen 60er Jahre. Marshall setzt erneut auf eine hochkarätige Starbesetzung und verzaubert mit prachtvollen Bildern. Doch wenn es zum Kern des Films kommt, dann scheint er dieses Mal etwas nachlässig gewesen zu sein.
Der bekannte italienische Regisseur Federico Fellini sagte einmal: "Träume sind die einzige Realität". Wenn man Rob Marschalls neues Musical Nine ansieht, dann scheint es wirklich keine sichtbare Grenze zwischen Realität und Traum zu geben. Die Inspiration für Marschalls neuen Film ist Maury Yestons gleichnamiges Musical, das 1982 den Broadway unsicher machte und sich an Federico Fellinis Klassiker Achteinhalb orientiert. In dem Streifen lässt Fellini seine Hauptfigur Guido Contini eine Regieblockade durchleben, während er selbst genau solch eine Blockade durchlitt. Diese künstlerische Midlife Crisis wird von Marshall wieder aufgegriffen und mit viel Emotionen, Musik, Kreativität und schwungvoller Kameraarbeit in das filmische Medium übertragen.
Im Zentrum steht dabei das verwirrende Seelenleben des Regisseurs Guido Contini (Daniel Day-Lewis) und die Frauen, die ihm wichtig sind, ihn inspirieren und verführen. Doch der berühmte Regisseur, dessen letzte Filme leider nicht so erfolgreich waren, soll in zehn Tagen mit dem Dreh zu seinem neusten Film "Italia" beginnen und hat noch immer kein Drehbuch. Ihm fehlt es an Ideen und er versucht verzweifelt, dem Presserummel zu entgehen. Dazu kommt, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen und das ist ein Problem. Er ist immer wieder hin und her gerissen zwischen seiner bildschönen Muse (Nicole Kidman), seiner Geliebten (Penélope Cruz) und seiner Frau Luisa (Marion Cotillard), die als einzige einen festen Platz in seinem Herzen hat. Er pendelt zwischen Erinnerungen an seine verstorbene Mutter (Sophia Loren) und frühe Kindheitserinnerungen an erste, erotische Abenteuer. Dabei ist Contini doch auf der Suche nach einem Sinn in seiner Arbeit und seinem Leben.
Und da scheint die Umsetzung von Michael Tolkins und Anthony Minghellas Drehbuch zu scheitern. Alles, selbst die "realen" Szenen wirken phantastisch. Eine visuelle Grenze zwischen Realität und Traum ist nur schwer zu finden. Auch die vereinzelten schwarz-weiß Episoden sind dabei leider nur bedingt eine Hilfe. Hinzu kommt, dass einige der Gesangseinlagen etwas zu aufgezwungen wirken und man gelegentlich etwas Substanz vermisst. Musicals haben es immer schwerer als normale Filme. Was das Team um Marshall dennoch schafft, ist eine lockere Atmosphäre zu zaubern, die einen von Italien in den 60er Jahren träumen lässt. Aber mit der oberflächlichen Darstellung der sehr kopflastigen Hauptfigur hat sich der Regisseur selbst ein Bein gestellt.
Als damals bekannt wurde, dass die Hauptrolle an den zweifachen Oscarpreisträger Daniel Day-Lewis (There Will Be Blood) geht, war man sehr erstaunt. Er ist bekannt für seine exzessive Auseinandersetzung mit der Figur und seine Verbissenheit mit dem Thema. Day-Lewis lernte zwecks Authentizität fließend Italienisch und beweist, dass er singen, tanzen und schauspielern kann und das alles in der gleichen Szene. Er haucht Guido Leben ein. Aber wenn es zu überragenden Stimmen in dem Streifen kommt, dann stiehlt ihm eindeutig Marion Cotillard (La Vie en Rose) die Show. Neben der eleganten Marion beweisen auch Nicole Kidman (Australia) und Kate Hudson (The Killer Inside Me), deren Gesangstalent sehr überrascht, wenn sie den sehr klangvollen und energiegeladenen Song "Cinema Italiano" singt, dass sie wunderbare Stimmen haben. Judi Dench (Tagebuch eines Skandals) verzückt als kluge Kostümbildnerin, doch kommt es zu ihrer Gesangseinlage, dann wünscht man sich, der Regisseur hätte darauf verzichtet und hofft, dass es bei diesem einen Song bleibt. Etwas enttäuschend ist leider auch Sophia Loren (Zwischen Fremden), die eine Ikone des italienischen Films ist, doch immer etwas entrückt vor der Kamera erscheint.
Fellini wäre sicher sehr amüsiert gewesen, herauszufinden, dass Sophia Loren seine Mutter spielt, doch ob er auch mit Marshalls Version des Musicals zufrieden gewesen wäre, ist schwer zu sagen. Marshall, dessen Karriere am Theater begann, und Kameramann Dion Beebe bezaubern mit sinnlichen Bildern und vertrauen zu Recht auf eine eindrucksvolle Lichtdramaturgie. Doch auch wenn sie ihr hochkarätiges Darstellerensemble in atemberaubende Kostüme stecken und sinnliche Szenen spielen lassen, tröstet es nicht darüber hinweg, dass die ganze Zeit nur vage an der Oberfläche gekratzt wird. Es scheint etwas zu fehlen. Bei den Charakteren vermisst man Tiefe und der allzu menschlichen Geschichte fehlt ein Fundament.