Wenn man sich auf die literarischen Schöpfungen Stephenie Meyers einlässt, ist eines von vornherein gewiss: Mit klassischen Vampirerzählungen hat das wenig zu tun. Diese Blutsauger sind anders: Sie wandeln im Tageslicht herum, besitzen Spiegelbilder, man kann sie sogar fotografisch Ablichten und sie gehen im Wasser nicht einfach unter, wie in den Mythen und Legenden um die Nosverati beschrieben. Diese zwielichtige Wahrheit der Geschichte zugestanden, bleibt nur noch Inhalt, Plot, schauspielerische Leistung, Erzählrhythmus und technische Umsetzung zu bewerten. Doch sucht man vergebens nach etwas, was nach generellen filmischen Kriterien einer Wertschöpfung auch nur nahe kommen könnte.
Twilight ist zurück und von den Fans mehr als heiß ersehnt. Geblieben ist aber alles beim Alten: Es wird endlos prüde geschmachtet und hilflos umeinander herumgebalzt. Zu groß scheint der Graben zwischen Menschen- und der Vampirwelt zu klaffen, als dass Bella (Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) miteinander glücklich werden könnten. Auch wenn es in Edwards Clan ausschließlich "vegetarische Vampire" gibt. Damit gelangt man ohne Umschweife zur eigentlichen Kernwahrheit der Geschichte, welche die Autorin geschickt in einer Fantasy-Romanze verpackt: Enthaltsamkeit und immer wieder Enthaltsamkeit und der Vampirbiss symbolisch als Entjungferungsakt. Bücher ebenso wie der Film, der so nah wie möglich an der Romanvorlage gehalten wird, sind durchsetzt von diesen mormonischen Moralvorstellungen.
Meyer gehört selber dieser "christlichen" Splittergruppe an, die den Mann über alles stellt und die Frau an seiner Seite ihm zum Untertan gereicht. Und so besitzt Bella im Film ein Seelenleben, das sich im Prinzip auf zwei Motive reduziert: Sich für den einen Wahren und Richtigen aufzusparen und ihm in ewiger Liebe treu ergeben sein. Andere männliche Figuren dienen zu nicht mehr als etwas Teenager-Verwirrung zu stiften - der "Dramaturgie" zuliebe. Wie Bella aber Edwards Nebenbuhler gegenüber bekennt: Er ist es und er war es schon immer... Was sich moderne selbstbestimmte junge Frauen dabei denken, wenn sie diese rückwärts gerichtete Moral zu einer edlen Romeo-und-Julia-Geschichte hochstilisieren, erzeugt nur nacktes Unverständnis.
Wie reaktionär das transportierte Gedankengut wirklich ist, zeigt sich noch an anderer Stelle: Nebst den Vampiren bekommen in diesem Sequel auch Werwölfe ihren Auftritt. Hier ist tatsächlich sogar alles klassisch gehalten, da sie, wie traditionell üblich, die erklärten Feinde der Vampire sind. Wenn aber ein Werwolf in Rage gerät und seine Menschenfreundin so übel verletzt, dass er sie für immer im Gesicht entstellt, wird das mit einem Achselzucken abgetan: Er ist halt so, es ist seine Natur. Was soll aus solch einer Szene gelernt werden? Dass im Mann ein wilder Kern steckt und wenn ihm mal die Hand ausrutscht, muss seine Frau das nicht so eng sehen und einfach hinnehmen?! Da beklagt man sich in unserer Gesellschaft darüber, dass Migranten (aus islamischen Ländern) mit solchem Verhalten keine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zulassen und das, was wir an ideologischen Fortschritt, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erreicht haben, zu negieren versuchen, und solch eine subversiv - damit weitaus gefährlicher - vermittelte Botschaft wird jungen Heranwachsenden einfach dargereicht, ohne dass zumindest die Bundesprüfstelle das mal in Frage stellt.
Neben dieser sehr fragwürdigen Subebene gibt es aber tatsächlich noch etwas wie eine vordergründige Filmhandlung: Bella hat Geburtstag und ihr ist bewusst, dass sie immer weiter altert, wohingegen Edward immer gleich jung bleibt. Das führt dazu, dass sie an der Beziehung zu zweifeln beginnt. Ebenso ist sich Edward nicht sicher, ob er sie wird immer beschützen können. Und so beschließt er aus ihrem Leben zu verschwinden. Inzwischen sind sage und schreibe 75 belanglose Minuten vergangen. Danach irrt Bella monatelang durch ihr sinnentleertes Leben; wie soll es ohne Edward auch weitergehen können? Eine kleine neue Romanze bahnt sich zwar an, dient aber nur dazu, die Story zwischendurch auf ein anderes Gleis zu befördern. Und damit auch jedem klar wird, wie verhängnisvoll die Liebe zwischen Bella und Edward, die nicht sein darf, enden könnte, gibt es "dezente Hinweise" wie herumliegende Romeo-und-Julia-Romane oder Schulunterricht, bei dem sich eine alte Filmadaption dieses Stoffes zu Gemüte geführt wird.
Tatsächlich schwelgt der Film sogar reichlich in Todesromantik, ohne das ernstlich zu relativieren; was moralisch ebenfalls gut in Frage gestellt werden könnte. Doch weiter in den Hard-Facts: Endlos lang gedehnte Szenen reihen sich aneinander; jede Einstellung wird zunächst optisch realisiert und oft anschließend im Dialog noch einmal erklärt. Redundanz reiht sich an Redundanz. Der Plot, mit der Komplexität einer Bravo-Fotolovestory, entspinnt sich mit der Zähigkeit von altem Kautschuk und die Szenen werden künstlich aufgeblasen und durch lächerliche Kamerafahrten gedehnt und wieder gedehnt, ohne dass irgendetwas passiert. Manchmal wird dabei eine naive Plumpheit an den Tag gelegt, dass man schon nicht anders kann, als laut loszulachen: Bella sitzt auf einem Stuhl und schmachtet ihrer verflossenen Liebe hinterher - draußen vergehen Monate; aber anstatt das in Bildern einzufangen, werden die Monate einfach als Text eingeblendet. Das ist eines Films auf der Big Screen einfach unwürdig.
Für die "optische Befriedigung" der Östrogenfraktion laufen ständig fünf junge knackige Burschen mit freiem Oberkörper herum, die gelegentlich dazu neigen sich in (Wer)Wölfe zu verwandeln. Die Hosen behalten sie aber immer an - auch nach der Rückverwandlung sind die Beinkleider wieder wie hingezaubert an Ort und Stelle (das ist prüde zum sich Wegwerfen). Für die einzigen schauspielerisch lichten Augenblicke sorgt nur Michael Sheen, der nach seinem Auftritt bei Underworld - Aufstand der Lykaner auch mal einen Vampir mimen wollte. Hollywoods Wunderkind Dakota Fanning bleibt hingegen äußerst blass. Unterm Strich hat New Moon - Biss zur Mittagsstunde das Niveau einer gehobenen Telenovela-Episode, die auf endlos zähe 131 Minuten gedehnt wurde. Und wird allen Unkerufen zum Trotz die Kinokassen trotzdem ordentlich klingeln lassen.