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Es kommt der Tag

(Es kommt der Tag, 2009)

Dt.Start: 01. Oktober 2009 Premiere: 28. Juni 2009 (Festival, Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 108 min Land: Deutschland
Darsteller: Katharina Schüttler (Alice Rybka), Iris Berben (Judith Müller), Jacques Frantz (Jean-Marc), Jean-Claude Arnaud (Robert), Xavier Boulanger (Winzer), Andrée Damant (Claire), Sophie-Charlotte Kaissling-Dopff (Francine), Maxim Mehmet (Mo), Sebastian Urzendowsky (Lucas)
Regie: Susanne Schneider
Drehbuch: Susanne Schneider


Inhalt

Als junge Mutter musste sich die Terroristen Judith zwischen ihren Idealen und ihrer Tochter entscheiden - und gab das Kind zur Adoption frei. Viele Jahre später hat sie sich im Elsass eine neue Identität aufgebaut, inklusive neuer Familie. Doch dann steht eine 29-jährige Frau namens Alice vor ihrer Tür - und die Vergangenheit holt Judith ein. Die Gespräche zwischen Alice und der Frau, die ihr das Leben geschenkt hat, über Reue und Verantwortung laufen am Ende auf eine große Frage hinaus: Wie weit darf man für seine Ideale gehen?
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Es kommt der Tag hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 50%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Harald Witz
Es kommt der Tag hat eine Wertung von 50%
Das Elsass ist eine der schönsten und idyllischsten Regionen in Europa. Hier hat sich Judith mit ihrer Familie niedergelassen und baut Wein an. Doch eines Tages kommt die erwachsene Alice auf Besuch und gibt sich als ihre zur Adoption freigegebene Tochter zu erkennen. Als wäre dieser Schock nicht genug, legt Alice Beweise auf den Tisch, dass ihre Mutter einst eine Terroristin war. Alice will Judith zwingen, sich den deutschen Behörden zu stellen. Mode-Erscheinung Terrorismus: Kurz nach Schattenwelten drängt Susanne Schneiders Familiendrama in die deutschen Kinos und gibt der Nachfolgegeneration eine Stimme.

Bild aus Es kommt der Tag Immer stärker gerät das Zeitalter des deutschen Terrorismus in den Fokus der deutschen Filmemacher. Bearbeiteten deutsche Regisseure wie Volker Schlöndorff (Die Stille nach dem Schuss, 1998) in den Neunziger Jahren das Thema noch zurückhaltend, so suchen nach dem Jahrtauendwechsel Andreas Veiel (Black Box BRD, 2001) und Michael Petzold (Die Innere Sicherheit, 2000) nach neuen Perspektiven und Ansätzen. Christopher Roth macht in Baader (2002) aus der ersten RAF-Generation Pop-Outlaws. Andere Werke wie Die Fetten Jahre sind vorbei (2004) und Was tun wenn's brennt? (2000) nutzen das Terrorismusthema zur freien Spekulation über Anarchismus.

Mit Uli Edels erfolgreicher Stefan Aust-Bestsellerverfilmung Der Baader Meinhof Komplex (2008) erfolgt eine Zäsur. Trotz seines kommerziellen Ansatzes bildet der Film die RAF-Zeit am detailliertesten ab und kommt als Referenz für alle weiteren Projekte in Frage. Parallel hierzu häufen sich die Dokumentationen und Dokudramen im TV rund um das 30 Jahre Deutschland im Herbst. Sie sind allesamt mit möglichst korrekten historischen Abrissen beschäftigt.

Eine bemerkenswerte Eigenschaft, denn kaum ein Film lässt sich auf eine Analyse der Beweggründe für die Radikalisierung, auf eine Auseinandersetzung mit den Zielen und auf die politische Botschaft der Terroristen ein. Man möchte doch meinen, dass für ein tieferes Verständnis der menschenverachtenden Taten die Motivation ein entscheidender Faktor ist. Dieser Bereich bleibt bei fast allen Terrorismus-Filmen unangetastet oder wird mit Allgemeinplätzen erfüllt. Auch der im Juni angelaufene Schattenwelten von Connie Walthers und nun Susanne Schneiders Es kommt der Tag umgehen den schwierigen Bereich. Dabei haben diese beiden wie zuvor auch Michael Petzold eine außerordentlich interessante und aktuelle Perspektive für ihre Geschichten gefunden.

Ihr Ansatz erforscht die Auswirkung der Gewalt, die die Terroristen für ihre Ziele eingesetzt haben. Diese Wirkung beschränkt sich nicht auf den Tod oder den direkten Schaden an Personen und Gütern. Sie wirkt fort, hinterlässt Spuren und erreicht auch die Folgegeneration von Tätern und Opfern. Das darf man als gemeinsames Merkmal mit dem Holocaust begreifen, dessen Aufarbeitung bis heute andauert und selbst noch die übernächste Generation auf Opfer- und Täterseite beeinflusst. Und weil man ähnliches auch über die Auswirkungen militärischer Konflikte sagen kann, darf man dies als Gesetzmäßigkeit ansehen.

Deshalb ist es legitim, wenn sowohl Connie Walthers als auch Susanne Schneider durch die Augen der Kinder auf den Terrorismus blicken. Während in Walthers Schattenwelten die Tochter eines Opfers Vergeltung für den Tod ihres Vaters nehmen will, erzwingt in Schneiders Es kommt der Tag eine seelisch verletzte Täter-Tochter das Schuldeingeständnis der Mutter. In beiden Fällen stehen die Täter der vorgetragenen Anklage ohnmächtig und ohne Erklärung gegenüber. Die Möglichkeit des Dialogs und den Einstieg in das Denken und die Motive der Radikalisierung sind also gegeben. Doch besonders Susanne Schneider nutzt diese nicht (Connie Walthers muss dank des Rache-Motivs nicht zwingend in den Diskurs einsteigen). Frau Schneider umgeht das Eindringen in den politischen Komplex, in dem sie die Konfrontation ganz auf einen Tochter-Mutter-Konflikt reduziert. Der Titel Es kommt der Tag suggeriert eine Abrechnung, das Ende der Flucht und das Ende überhaupt. Dafür bietet die Regisseurin mit dem Elsass eine der schönsten Regionen Europas als Hintergrund auf. Doch davon kriegt man nur wenig mit.

Im Mittelpunkt steht die Deutsche Judith (Iris Berben), die mit Ehemann und zwei fast erwachsenen Kindern jenseits der Grenze ein Weingut führt, das mehr schlecht als recht läuft. Ein Kredit vom Schwiegervater muss her, sonst ist der Familienbetrieb nicht mehr zu retten. Doch vorm entscheidenden Wochenende macht sich plötzlich ein ungebetener Gast im Fremdenzimmer des Hofes breit.

Alice (Katharina Schüttler) hat gerade ihren Freund auf einem Autobahnparkplatz zurückgelassen und ist durch die halbe Republik gereist, um in der Nähe des Gutes einen Unfall zu inszenieren. Nun muss sie auf die Reparatur ihres Autos warten und lernt bei der Gelegenheit Judiths Familie kennen. Doch an den anderen ist sie zunächst gar nicht interessiert. Offen steuert sie auf eine Konfrontation zu, vor allem wenn sie den Familienalltag betrachtet. Ihre Aggressivität hat einen Grund: Vor 30 Jahren hat Judith ihre kleine Tochter zur Adoption freigegeben, kurz bevor sie sich dem Untergrund anschloss und zur Terroristin wurde.

Das kann ihr Alice trotz behüteter Kindheit nicht verzeihen. Gerade weil Judith im Elsass ein neues Leben angefangen hat und noch einmal eine Familie gegründet hat, entflammt die Rachelust besonders stark, wird ihre Verbitterung immer größer. Und Alice verlangt von ihrer Mutter Unmögliches - sie soll sich den deutschen Behörden stellen...

Filmemacherin Susanne Schneider hat sich als Autorin einen Namen gemacht und gibt mit Es kommt der Tag ihr Regiedebüt. Ihr breit und laut ausgelegter Tochter-Mutter-Konflikt, der zur Existenzkrise der ganzen Familie ausartet, benötigt von vorne herein nicht zwingend das Thema Terror. Statt Terrorist hätte Judith auch eine gewöhnliche Kriminelle sein können, die ein neues Leben angefangen hat. Diese Austauschbarkeit lässt zwei Schlüsse zu. Entweder reduziert die Filmemacherin die Terroristen auf das Niveau von gewöhnlichen Verbrechern oder sie scheut tatsächlich die politische Auseinandersetzung. Es wird wohl letzteres sein, wenn man einige Streitsequenzen Revue passieren lässt.

Iris Berben, Grande Dame des deutschen Kinos, versteht es blendend den Konflikt zu orchestrieren. Ihre stete Alarmiertheit und ihr Taktieren angesichts der fast schon wahnsinnig wirkenden jungen Frau sind beeindruckendes Schauspiel. Doch sind ihr durch die Dialoge und die Geschichte auch merklich Grenzen gesetzt. Das Drehbuch weist ihr eine Allgemeinschuld zu, die durch Beschwichtigungsargumente wie "Das kannst du nicht verstehen. Das waren andere Zeiten." keine Linderung finden. So bleibt Frau Berben nicht viel mehr übrig, als eine Schuld geplagte Miene aufzusetzen und dem Hass-Irrwisch Katharina Schüttler das Feld zu überlassen.

Die geht dem Betrachter trotz all ihres Mutes, Talentes und Willens zur Konfrontation recht schnell auf die Nerven. Ihre Alice ist ein greinendes und wütendes Kind, das dickköpfig und perfide seinen Willen durchboxen will und unwillkürlich den unpädagogischen Reflex auslöst, sie mal "ordentlich übers Knie zu legen". Das liegt natürlich an Drehbuch und Inszenierung, die ihr die Rolle einer verkappten Psychopathin zuweist und von ihr nur extreme Emotionen einfängt. Reduziert auf 30 Jahre vermisster Mutterliebe und Abschiebung in die Adoption ist sie von vorne herein dank Indifferenz nicht für eine tiefere Auseinandersetzung geeignet.

Dabei hätten die allgemeinen Familienkonflikte zwischen Eltern und Kindern, Alices Beziehung zu ihren Stiefgeschwistern (Sebastian Urzendowski, Sophie-Charlotte Kaissling-Dopff) einen hervorragenden Tummelplatz für eine detailreiche und faszinierende Erörterung von Schuld, Trauma, Aufarbeitung und Verständnis gegeben. Doch es bleibt bei hektischen Szenenwechseln, fortwährenden Streitereien und unmotivierten Übersprungshandlungen, die weder die Geschichte noch das Kernthema vorantreiben.

Der Reiz des Generationenkonfliktes bietet zwar genügend Spannung, dennoch macht sich Ernüchterung breit, wenn selbiger vorangetrieben wird, ohne dass echte Argumente ausgetauscht werden.

So erscheint Es kommt der Tag nur vordergründig als ein emotional gewichtiges Werk. Die Konflikte verlieren sich mangels echter Argumente und tieferer Auseinandersetzung in Nichtigkeiten. Das Thema Terrorismus erfährt hier einmal mehr seine Reduktion auf Schuld und Verbrechen, womit auch diese Gelegenheit verschenkt wäre, die Hintergründe der RAF-Radikalität zu erhellen.



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