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The One Man Village

(Semaan Bil Day'ia, 2008)

Dt.Start: 10. September 2009 Premiere: Dezember 2008 (Festival, Vereinigte Arabische Emirate)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 86 min Land: Libanon
Darsteller: Semaan El Habre
Regie: Simon El Habre
Drehbuch: Simon El Habre


Inhalt

Seit dem libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 ist das kleine Dorf Ain el-Halazoun in den Bergen völlig unbewohnt, abgesehen von Semaan, der noch auf seinem Hof ein ruhiges Leben führt. Er kümmert sich um seine Kühe, die sein ganzer Stolz sind, und beliefert die Nachbardörfer regelmäßig mit deren Milch.
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Kritik

The One Man Village hat eine Wertung von 80%
In den libanesischen Bergen unweit von Beirut und im Dunstkreis von Israel und Syrien wohnt Semaan ganz allein in einem Geisterdorf. Sein ganzer Stolz sind seine sauberen Milchkühe, mit deren Milch er die Nachbardörfer versorgt. Doch sein genügsames, vermeintlich idyllisches Leben ruht auf den Trümmern einer blutigen Vergangenheit. Während des libanesischen Bürgerkrieges 1983 flohen die Bewohner oder wurden Opfer von Massakern. Simon El Habre berichtet in The One Man Village vom Alltag seines Onkels, der als einziger ins Heimatdorf zurückgekehrt ist. Dabei reflektiert er über die Schatten eines Krieges, dessen Spuren bis heute sichtbar und spürbar sind.

Bild aus The One Man Village Es ist eine Szene mit Symbolkraft: jeden Abend öffnet Semaan die Tür einer zum Stall umfunktionierten Hütte und entlässt sein graues Pferd zu einem Ausflug. Wild wiehernd rast es die Straße hinunter, voll überschäumender Freude über die kurze Zeit der Freiheit. Semaan lächelt dazu und schmust ausgiebig mit dem Tier, wenn es von seiner Tour zurück ist.

Der stille Bauer trägt all seinen Tieren eine offene Liebe entgegen, vor allem seinen Kühen. Diese liefern ihm die Milch, die er an die Menschen in den Nachbardörfern verkauft. Die kleine Herde ist sein ganzer Stolz und auffallend sauber, tragen sogar Namen wie Princess Vicky oder Mrs. Hanouni. Früher, zu Zeiten seines Großvaters, dem der Hof einmal gehörte, waren es mehr. Doch über früher spricht Semaan nicht gerne.

Vor fünf Jahren ist er als einziger seiner Verwandtschaft hierher zurückgekehrt, nachdem die 45 Familien des Dorfes 1983 während des schrecklichen libanesischen Bürgerkrieges vertrieben worden sind. Wie die meisten von ihnen lebte Semaan lange Zeit in Beirut. Doch er entschloss sich zur Rückkehr, weil er eine so große Sehnsucht nach Zuhause hatte. Auch andere Verwandte schauen zwischendurch, meist an den Wochenenden, im Dorf vorbei. Dann reparieren sie ihre Häuser oder sehen sich einfach nur um. Allerdings bleibt keiner über Nacht.

Die Erinnerungen an den Krieg zwischen Christen und Drusen, angefeuert von den verschiedenen Kräften rings um das kleine Land, die Gräuel der Massaker und das Elend beschämen die Menschen bis heute. Und wie Semaan spricht keiner darüber. Er zeigt nur das Foto der geliebten Eltern, die viel zu früh starben, und äußert den Wunsch, dass sie noch einmal lebendig werden sollen. Dabei ist Semaan auch kein junger Mann mehr und die Ereignisse liegen bereits Jahrzehnte zurück. 1994 gab es eine offizielle Aussöhnung zwischen den Bürgerkriegsparteien. Doch an eine Aufarbeitung hat sich bis heute keiner gewagt.

Doch davon erzählt Semaan nicht. Er erzählt von den Abenteuern seiner Katze Zizi und davon, dass er sich in dieser Einsamkeit wohl fühle, auch wenn er gerne eine Frau hätte. Allerdings sei dies schwierig wegen seines Alters und der Abgeschiedenheit seines Hofes. Und außerdem muss er erst noch das Badezimmer im Haus renovieren.

Es dauert lange, bis Filmemacher Simon El Habre so viele kleine Puzzleteile zusammengetragen hat, dass der Zuschauer erahnen kann, dass Semaans Leben voller tragischer Brüche ist. Es dauert über eine halbe Stunde, bis man erfährt, dass das Dorf Ain al-Halazoun einmal zerstört worden ist. Lange nimmt man die Bilder als idyllisch auf. Eine prächtige Berglandschaft, ein karges Leben, hart an der Armutsgrenze. Provisorische Häuser, Wege und Mauern. Semaans alter verrosteter US-Schlitten, bei dem man sich fragt, wie lange es wohl noch dauern wird, bis er durchgerostet ist. Geradezu pittoreske Bilder findet El Habre, die nichts verschleiern und doch nur widerwillig preisgeben.

The One Man Village versteht sich nicht als intensiver Akt der Aufarbeitung. Sensibel folgt der Filmemacher seinem Onkel bei seinen Alltagstätigkeiten und findet dort die Anhaltspunkte, die auf den Schmerz und den Verlust verweisen. Eine Mauer in der Einfahrt, die nach der Zerstörung notdürftig geflickt wurde, Ruinen in der Nachbarschaft. Plötzlich sind sie keine Zeichen der Armut mehr sondern Überreste von Krieg und Zerstörung. Stumme Mahnmäler eines Traumas, das es erst noch zu überwinden gilt.

Das Porträt des stoischen Einsiedlers in dem Geisterdorf hat Mut zur Lücke, interessiert sich nicht für die Vollständigkeit der Biographie, sondern dafür, wie die Vergangenheit in der Gegenwart weiter wirkt.

Letztlich gelingt dem Filmemacher eine Meditation über die Wunden des Krieges, ohne selbige offen zur Schau zu stellen. Das Porträt des stoischen Einsiedlers in einem Geisterdorf berührt vor allem deshalb so ungemein, weil es die Schönheit des Lebens an sich feiert und sich nicht in der sezierenden Analyse ergeht. Wenn Verwandte zu Besuch kommen und geschäftig ein einfaches Festmahl vorbereiten, verschwinden die Schatten der Vergangenheit in der strahlenden Nachmittagssonne. Aber die Einsamkeit und die Erinnerungen kehren zurück. Man kann sie erkennen, wenn am Abend Semaans Haus von einer einzigen Glühbirne erleuchtet wird und draußen nur noch ein Hund bellt.

von Harald Witz


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