Weichgespültes Rührstück über das ach so harte Leben zweier Brüder in Berlin, die mit ein paar Kumpels als Gang auftreten und ein erstes ernstes Problem mit einer konkurrierenden Bande bekommen. Das ungeschminkte Star-Vehikel für die Brüder Ochsenknecht hat so gar nichts mit echten Gangs, Gangstern, Kriminalität oder einem harten Los zu tun und bleibt dramaturgisch leider beim absoluten Minimum. Dabei hätten die jungen Schauspieler endlich zeigen können, ob wirklich etwas in ihnen steckt.
Die Berliner Gang der Rox war lange nicht komplett: Chris saß ein, weil er sich bei einem Drogenkurierjob erwischen ließ. Doch die neun Monate sind um, Chris kommt raus, heute wird gefeiert. Doch dazu soll es nicht kommen: Kaum ist Chris wieder mit seinem Bruder Flo sowie den anderen Gangstern Rambo, Nuri und Jan vereint, sprengt Rico mit seiner Gang, den Killaz, die Party. Er will von Chris die 30.000 Euro zurück, die er wegen des verpatzten Kurierauftrags verloren hat, und zwar pronto.
Kaum resozialisiert, sieht Chris sich samt den Rox also wieder in die Kriminalität gezwungen, denn ehrliche Arbeit oder gar die schlichte Meldung der Situation an die Behörden kommt ihnen irgendwie nicht in den Sinn. Es wird also der Überfall auf einen Geldtransporter geplant, doch das ist nicht so einfach, denn Flo ist nicht ganz bei der Sache. Er hat nämlich die schnuckelige Sofie kennengelernt und würde seine Zeit am liebsten nur noch mit ihr verbringen.
Chris, der sich seit der gemeinsamen Flucht mit Flo vor dem gewalttätigen Vater um seinen jüngeren Bruder gekümmert hat, spielt natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle in dessen Leben. Hin- und hergerissen zwischen den Loyalitäten verpatzt Flo daher beinahe den Überfall, der geschickterweise auch noch auf dem Gebiet der verfeindeten Gang der 78er stattfindet. Während Flo sich im Anschluss noch einem Abend mit Sofie widmet, bricht für den Rest der Rox eine Welt zusammen, denn irgendwie hatte noch keiner von ihnen jemals von Sicherheitsvorkehrungen für Geldkoffer gehört. Und Rico ist nicht unbedingt glücklich, dass er auf seine Kohle doch noch länger warten muss.
Gangs als echten Gang-Film oder gar als Wiederbelebung des Genres zu bezeichnen, ist schlichtweg eine Beleidigung für das Genre. Zwar sind alle Faktoren für einen Gang-Film rein technisch erfüllt, aber mal ehrlich: Fünf unbewaffnete Teenies mit Lederjacken versetzen trotz Hund noch kein Stadtviertel in Angst und Schrecken. Ebensowenig beeindrucken die ach so harten Jungs der Killaz (hier wurden sogar echte Erwachsene gecastet), die "sogar mal jemanden umgebracht haben sollen", denn eine Gang, die komplett in ein Auto passt, kann man wohl nicht wirklich ernstnehmen. Und die Kiddies der 78er wirken sowieso nur noch wie die Goonies.
Es gibt eine Szene, da vermöbeln die Rox beinahe jemanden, der es wagte, sich zu beschweren, dass sich die Gang vor der Disco wohl zu gut zum Anstellen sei. Fakt ist: Die Jungs sind sich offenbar tatsächlich zu gut zum Anstellen, und der Kleindarsteller, der den eingeschüchterten Discobesucher spielt, der sich dann entschuldigen muss, hätte sämtliche Rox im echten Leben wohl mit der linken Hand zusammengefaltet. Bis auf Rambo vielleicht.
Natürlich ist von vornherein klar, dass der Schwerpunkt von Gangs darin besteht, die Ochsenknechts möglichst fangerecht zu vermarkten. Jimi Blue, der Jüngere, spielt den sanften Flo, für den der Weg in die Kriminalität noch nicht zwingend vorgezeichnet ist, und der sich sogar in ein Theater quält, um ein Ballett zu sehen. Sein älterer Bruder Wilson Gonzales gibt den knallharten, kompromisslosen Gangster Chris, der frisst, um nicht gefressen zu werden (zumindest hält er das für nötig). Beide lassen die Mädchenherzen schmelzen, das ist natürlich selbstverständlich, doch im Grunde ist Gangs genauso zahm wie sämtliche Aufgüsse von Die wilden Kerle.
Dramaturgisch ist der Film ein Lehrstück für die klassische Heldenreise und eignet sich, da keinerlei Würze hinzugegeben, sprich, Abweichungen vom Grundrezept vorgenommen wurden, bestens für die Analyse in der Schule. Für alle, die die Pubertät jedoch schon hinter sich haben, ist Gangs leider nur ein lauer, wenn auch farbenfroher Teeniefilm, der plump ein paar moralische Basics zu vermitteln sucht.
Wer sich vom Film (und seinem viel versprechenden Titel) Messerstechereien, Straßenschlachten, Schießereien oder wenigstens ein paar ordentliche Schlägereien erhofft oder auch nur eine ernsthafte, Angst und Schrecken verbreitende kriminelle Tat, sollte sich fürs Erste lieber Knallhart angucken, oder City of God, Tropa de Elite, 96 Hours, Gangs of New York, Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra, oder vielleicht auch einfach nochmal Der Pate. Denn in Gangs gibt es nichts dergleichen, sogar der Überfall auf den Geldtransporter rutscht ins Lächerliche, und jede Auseinandersetzung mutet an wie eine Sandkastenschlägerei. Im ganzen Film fällt nur ein Schuss, und das ist ein Warnschuss. Gangs ist unter den Gang-Filmen wie jemand, der mit einem Messer zu einer Schießerei kommt. Der Film kann nicht einmal absichtlich als Satire fehlinterpretiert werden.
Gangs verfehlt im Grunde genommen das Thema, denn es handelt sich eigentlich um eine Coming-of-Age-Romanze. Das Ärmelrascheln und die wilde Aufmachung können darüber vielleicht so manchen hormongetränkten Teenager hinwegtäuschen, doch der tatsächliche Bezug zur titelgebenden Gang-Kultur entspricht der eines sanften Musicals zur Realität. Tatsächlich ist auch die für den Film (und die Gang der Rox!) getroffene Musikauswahl nicht sehr rockig, sondern eher softpop-kuschelig. Wie so oft in deutschen Produktionen wirken die Dialoge gestelzt und brav aufgesagt, aber nicht natürlich in die Szene eingeflossen. Dass dies auch im deutschen Kino möglich ist, zeigte jüngst zum Beispiel 66/67 - Fairplay war gestern zu Genüge. Und überhaupt, wer entwirft eigentlich immer diese schicken Gang-Logos und näht diese dann akribisch mehrschichtig hinten auf die Lederjacken?
Nichtsdestotrotz werden die Ochsenknecht-Fans die Kinosäle stürmen und ihre Vorbilder als krasse Gangster lieben. Kein Problem, so etwas in der Art hat schließlich jeder einmal gemacht in seiner prägsamen Phase irgendwann in der Jugend. Dass Gangs eben doch nicht so kompromisslos hart ist und die Unfairness des Lebens vermittelt, werden die jüngeren Zuschauer dann eben erst durch spätere Filme merken müssen. Denn bei den knallharten Rox sind natürlich immer frische Eier im Kühlschrank, ganz wie bei Mutti.