Eine junge Frau fährt um die Welt. Keine große Sache? 1927 mit dem Auto 48.000 Kilometer zurückzulegen: beginnend in Berlin, nach Südeuropa, quer durch den nahen- und mittleren Osten, in die sibirischen Weiten, durch die Mongolei und China; mit dem Schiff übers Meer nach Südamerika und über die Anden nach Nordamerika; schließlich zurück über den Atlantik nach Europa und Berlin. Das ist schon eine außergewöhnliche Leistung. Fräulein Stinnes fährt um die Welt kombiniert geschickt realdokumentarische Aufnahmen mit liebevoll gemachten Spielszenen zu einer feinen und lehrreichen Abenteuergeschichte.
Ganze zwei Jahre dauert das Abenteuer, diese wagemutige Weltumrundung, die zu den nennenswertesten Leistungen des 20. Jahrhunderts zählt, aber öffentlich wenig bekannt ist. Die junge Industriellentochter und Rennfahrerin Clärenore Stinnes begibt sich gemeinsam mit dem schwedischen Spielfilmkameramann Carl-Axel Söderström und zwei Technikern auf diese beschwerliche Reise. Und schnell zeigt sich, dass nicht alle im Team den Strapazen und Herausforderungen gewachsen sind. Bald schon sind Clärenore und ihr Kameramann allein auf sich gestellt. Während der ganzen Reise läuft die Kamera, zusätzlich werden zahllose Fotos gemacht. Am Ende steht genug Film- und Fotomaterial für einen Dokumentarfilm bereit. 1931 kommt Im Auto durch zwei Welten in die deutschen Kinos.
78 Jahre später nimmt sich Filmemacherin Erica von Moellner dieser außergewöhnlichen Reise noch einmal an und beschert eine Spielfilm-Dokumentation, in der die ursprünglichen Filmaufnahmen, die vollständig erhalten sind, das Kernstück bilden. Ergänzt wird die Handlung durch Spielszenen, die das authentische Flair des Originals erhalten, und durch die Tagebuchaufzeichnungen des Kameramanns, die als Off-Kommentar "mitlaufen". Am 25. Mai 1927 steigt Clärenore Stinnes (Sandra Hüller) in den Adler Standart 6, ein normales Straßenautomobil, und bricht zu ihrer Reise auf. Anfänglich ist noch ein Versorgungslaster mit dabei, doch muss dieser bald zurückgelassen werden.
Die Reise führt durch sämtliche Klimazonen, von eisiger sibirischer Hölle bis zum Wüstenglutofen. Immer wieder geht am Auto etwas zu Bruch, muss mühsam repariert werden, manchmal können keine Ersatzteile beschafft werden, dann muss sich mit Flickwerk und Selbstgebasteltem beholfen werden. Und mehr als alles wundert, dass Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström (Bjarne Henriksen) auf ihrer Reise durch wilde Steppen, Kriegs- und Krisengebiete, immer mit heiler Haut davonkamen - wenn manchmal auch nur sehr knapp. Erstaunlich die Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die sie immer wieder von wildfremden Menschen andersartiger Kulturen erfahren. In der Not zeigt sich oft erst die pure und wahre Menschlichkeit.
Ohne eine Riesenportion Glück, unerschütterlichen Glauben an das Gelingen und ein unverfrorenes Quantum Naivität ist solch ein Unterfangen kaum zu bewerkstelligen. Clärenore Stinnes besaß das alles und viele andere, zu einer Zeit, in der Frauen gerade Mal seit kurzem wählen durften, erstaunliche Eigenschaften. Für Emanzipation gab es damals womöglich noch nicht mal einen Begriff. Aber Clärenore Stinnes war der Prototyp der emanzipierten selbstbestimmten Frau. Zu ihrer Zeit machte sie das zu einem Enfant Terrible, das in der männerdominierten Welt Anstoß erregte. So musste sie sich ohne die Unterstützung ihrer wohlhabenden Familie aufmachen. Doch bei ihrer Rückkehr wurde sie frenetisch gefeiert.
Fräulein Stinnes fährt um die Welt liefert durch den Mix aus dokumentarischen- und Spielszenen nicht nur kurzweilige Unterhaltung, sondern zeichnet auch ein solides Charakterprofil der resoluten Abenteuerin, was vor allem dem überzeugenden Spiel Sandra Hüllers zu verdanken ist. Größerer Kritikpunkt vielleicht die Besetzung der männlichen Hauptrolle: prinzipiell ist Bjarne Henriksen ein guter und authentischer Darsteller, nur sieht er dem Original weder besonders ähnlich, noch haben sie annähernd das gleiche Alter: Der echte Carl-Axel Söderström war zu Beginn der Reise 34 Jahre alt, Henriksen ist 50. Das spielt vor allem eine Rolle, da Stinnes und Söderström bald nach ihrer Rückkehr ein Paar wurden, nachdem sich Söderström von seiner Frau getrennt hatte, heirateten und ein glückliches langes Leben in Schweden führten. Solch ein Abenteuer gemeinsam zu überstehen, schweißt offensichtlich zusammen. Abgesehen von diesem Manko aber, ist diese Spieldoku ein feines Stück reale Abenteuergeschichte und ehrt eine Frau, die man getrost als eine Art deutsche Amelia Earhart bezeichnen darf.