Un autre homme zeigt, was passiert, wenn ein Regisseur vor Ideen sprudelt und krampfhaft versucht Metaphern irgendwie in Bezug zur Handlung zu stellen und in den Film einzubauen. Regisseur Lionel Baier hatte einen interessanten Grundgedanken, scheitert aber leider daran, diesen auch dem Zuschauer zu vermitteln. So bleibt ein halbgares, über weite Strecken langatmiges kleines Kunstwerk mit ambitionierten Darstellern und einer zumindest teilweise interessanten Story, das aber leider im Mittelmaß untergeht.
Der Durchschnittsfilmkritiker ist schon eine geschundene Seele. Manche sind frustrierte Regisseure und andere Idealisten, die hoffen ihren Beitrag zum Wohle der Menschheit zu leisten, indem sie Filmfreunden dabei helfen, nicht im Meer aus Filmerscheinungen zu ersaufen. Ganz gemein wird es allerdings, wenn man als solch eine gute Seele eine Kritik über einen Film über Kritiker schreiben muss. Regisseur Lionel Baier fordert nun die Kritikerzunft mit Un autre homme heraus. Aber das ist nicht alles, denn der junge Schweizer Filmemacher hat mit seinem neuen Film noch sehr viel mehr zu sagen.
Zumindest versucht er das, so richtig gelingen will es ihm aber nicht. Denn Un autre homme entpuppt sich schnell als überladenes, streckenweise langatmiges Kunstkino, das versucht durch einen inflationären Einsatz von Metaphern und Analogien besonders intelligent zu wirken, sich dabei aber in seinem eigenen Konstrukt verliert. So gibt es über die gesamte Laufzeit etliche Szenen, deren Zuordnung in die Geschichte sich oft im Nichts verliert. Vieles muss man sich schon vom Regisseur selbst erklären lassen, um es zu verstehen. Denn so manches, was an scheinbar beliebigen Stellen in den Film einfließt, muss bei einem Interpretationsversuch schon sehr weit hergeholt werden. Das Problem dabei ist, dass Baier dem Publikum diese etwas zu sehr gewollte Tiefgründigkeit schon beinahe unangenehm aufdrängt und große Erkenntnisse herausfordert, die einem leider häufig verwehrt bleiben. Ein Problem ist dabei auch, dass Un autre homme einfach nicht interessant genug ist, um sich wirklich darüber den Schädel zu zerbrechen. Exemplarisch für dieses Hauptproblem von Baiers Film ist Francois' ständiges Rauchen. Immer wieder zündet er sich eine Kippe an und wird gezwungen, diese auszumachen. Der Regisseur sieht das Rauchen als filmsprachlich historisch immer wiederkehrendes Symbol der Männlichkeit. Durch das Löschen der Zigarette wird seine Männlichkeit kastriert, was als eine Analogie zu seiner Affäre mit der dominanten Rosa verstanden werden kann. Denn diese nimmt eine eher männliche Rolle in der Beziehung der Beiden an, das Rollenverhältnis wechselt, hier ergibt sich auch ein Bezug zum Titel und es wird klar, sie ist Un autre homme. Alles klar?
Die Story fängt wirklich vielversprechend an. Die Geschichte eines Kritikers habe ich so noch nie gesehen und es macht durchaus Spaß Francois in seiner misslichen Situation zu beobachten. Jeder Kritiker der Gus Van Sants grauenvollen Last Days rezensieren musste, weiß in welchen Seelenzustand einen dies versetzen kann. Doch hier fängt das Problem auch schon an, denn leider krankt der Film des Öfteren an einiger Unglaubwürdigkeit. So ist mir beispielsweise nicht ganz klar geworden warum Francois' einziger Verlagskontakt ein Drucker ist und vor allem will ich mich nicht damit anfreunden, dass ein Altfranzösischstudent nicht im Stande ist, eine Kritik inhaltlich eins zu eins zu übernehmen und sie dennoch so umzuschreiben, dass man diese nicht mehr als das Original erkennt. Ebenso wird die verbotene Affäre mit Rosa nicht wirklich als Solche erkennbar. Dies liegt daran, das irgendwann Francois' Freundin ohnehin recht abrupt von der Bildfläche verschwindet.
Die in schwarz-weiß gehaltene Optik gibt dem Ganzen einen passenden Kunstfilmlook. Interessant ist das schon für tot erklärte 1:1,33 Format welches so im Kino eher selten zu sehen ist. Auch hierfür hatte Baier sicherlich seine ästhetischen Gründe, welche auch immer das sein mögen.
Letztlich bleibt die Erkenntnis, dass Baier zwar eine gute Grundidee hatte, diese aber viel zu verworren und pseudointellektuell umgesetzt hat. Dennoch ist Un autre homme kein schlechter Film. Einzelne Szenen wissen tatsächlich zu gefallen. Über die provokanten Sexszenen kann man sicherlich geteilter Meinung sein, wenigstens kommen hier die Gedanken des Regisseurs auch beim Publikum an. Auch gibt es einige wirklich sehr schöne Bilder und der erste Teil des Filmes, der sich lediglich mit Francois' Kritikerdasein beschäftigt, ist an sich interessant zu sehen. Wäre die Geschichte besser strukturiert und hätte man sich auf das Wesentliche konzentriert, wäre Un autre homme sicherlich ein guter Film geworden.