Höchst atmosphärischer Spielfilm über einen Arzt in der Steppe Kasachstans, der auf dem so ziemlich einsamsten Posten aller Zeiten praktisch ohne Medikamentenvorrat auskommen muss. Das Leben ist mehr als skurril da draußen in der Einsamkeit, und so betrachtet der wunderschöne Film von Mikhail Kalatozishvili das heutige Leben auf diesem Planeten aus einem ganz besonderen Blickwinkel und mit einem gewaltigen Augenzwinkern.
In der kasachischen Steppe steht ein einsames Haus. Es ist halb verfallen und hat schon weit bessere Zeiten gesehen. Selbst wenn man auf dem Dach steht, könnte man bis zum Horizont, und der ist weit entfernt in der kasachischen Steppe, kein weiteres Zeichen von Zivilisation erkennen. Hier lebt Mitya, ein junger Arzt. Zu ihm kommen all die Verletzten und Verwundeten der Umgebung. Bezahlt wird gar nicht, oder in Naturalien. Geld hat hier keiner. Mitya wartet offenbar sehnsüchtig auf etwas: Immer wieder fährt er mit seinem klapprigen alten Motorrad zum Briefkasten, der ein paar hundert Meter weiter den Feldweg hinab bei der Telegrafenleitung aufgestellt ist. Ach ja, hier wird noch gemorst.
Trotz aller Einsamkeit leidet Mitya nicht an Langeweile: Wenn er nicht gerade einen Trinker nach 40 Tagen Komasaufen mit ungewöhnlichen, aber wirksamen Methoden ins Leben zurückholt, sich den jugendlich-plumpen Avancen des nach eigenen Angaben schönsten Mädchens im Umkreis von 100 Kilometern, die noch meint, vom Küssen schwanger werden zu können, erwehren muss, wird er auch immer wieder zu Hausbesuchen gerufen. Zum Beispiel, wenn ein Hirte vom Blitz getroffen wurde, oder wenn eine Schießerei ansteht.
Wild Field lässt sich nicht in ein Genre pressen. Der Film ist dramatisch, aber auch lustig. Langatmig, aber doch von komplexer Handlung. Die Optik erinnert an einen Western, gemischt mit einem Kammerspiel. Es gibt Liebesgeschichten, Eifersucht, Mord und Totschlag. Und doch gibt es immer nur den Horizont, die Steppe, die Wolken. Moskau ist weit, weit weg, und scheint überhaupt nicht zu existieren. Als das Drehbuch geschrieben wurde, war Kasachstan noch Teil der UdSSR, doch diese Details sind für den Filmgenuss unwichtig.
Regisseur Mikhail Kalatozishvili entstammt einer russischen Künstlerfamilie, sein aktueller Film hat bereits Preise aus Russland, sowie der Filmfestivals Venedig, Sotchi, Cottbus und Marrakesch erhalten. Wild Field empfiehlt sich für kulturell ambitioniertes Publikum, Liebhaber des russischen Kinos, bedingt für Westernfreunde und allgemein für Cineasten. Die skurrile russische Landversion einer klassischen Krankenhausserien-Episode ist dahingegen sicher nichts für Leute, die den schnellen Gag suchen. Dazu ist Wild Field viel zu tiefgründig, vielschichtig und wertvoll.