Einer schillernden Masseninvasion gleich, bevölkern Abertausende das kleine Bethel drei Tage und feiern ein Musikevent, das für alle Zeiten in die Geschichte eingeht: Woodstock. Ang Lee inszeniert diese filmische Ode an die Zeit und ein bis dato nicht gekanntes Lebensgefühl. Sein Protagonist ist nicht die Musik. Lee rückt die Menschen ins Zentrum seines Films, allen voran den jungen Elliot, der die Kuhwiese seiner Eltern den Veranstaltern als Austragungsort stellte. Ohne diese hätte es Woodstock in dieser Form vielleicht nie gegeben. Tolles visuelles Spektakel mit viel Witz und skurrilem Charme.
Vor vierzig Jahren setzten nicht nur zum ersten Mal Menschen ihren Fuß auf den Erdtrabanten, noch ein anderes Großevent veränderte die innere Befindlichkeit einer ganzen Generation: Vom 15. bis zum 17. August 1969 fand auf einer Farm in Bethel, einer kaum 4.000 Seelen zählenden Gemeinde, im Bundesstaat New York, eines der größten Musikevents aller Zeiten statt: Das legendäre Woodstock Festival. Inzwischen zu einer Art Mythos verklärt, feiert in diesen Tagen dieses epochale Ereignis sein 40. Jubiläum. Nach dem autobiographischen Roman von Elliot Tiber: Taking Woodstock: A True Story of a Riot, inszeniert der gebürtige Taiwanese Ang Lee seine persönliche Hommage an diese drei Tage des Chaos, der Musik und eines völlig neuen Lebensgefühls.
Der junge Elliot Teichberg (Demetri Martin) träumt von einer Karriere als Innenausstatter in New York. Aber angesichts der Zwangslage, in der sich seine Eltern Sonia (Imelda Staunton) und Jake (Henry Goodman) befinden, muss seine Zukunftsplanung nachstehen. Er kehrt in das winzige Bethel zurück, um das heruntergewirtschaftete Motel, das seine Eltern seit Jahr und Tag betreiben, wieder auf Vordermann zu bringen; leichter gesagt als getan: Die resolute und ebenso verschrobene Sonia akzeptiert kaum einen seiner Vorschläge. Ohne ein mittleres Wunder wird es kaum eine Zukunft für das marode Haus geben. Es droht die Zwangsvollstreckung.
Als er aus der Zeitung erfährt, dass ein groß angekündigtes Open-Air-Musikfestival ein neues Zuhause sucht, wittert er die Chance etwas Geld in die leeren Kassen zu spülen. Die Kuhwiese hinterm Haus der Teichbergs kommt den Veranstaltern, die dringend einen neuen Austragungsort suchen, gerade recht. Welche Welle der kollektiven Euphorie da aber anrollt, kann niemand absehen: Anstelle der ursprünglich erwarteten 60.000 Besucher, erobern über 400.000 den kleinen Ort. Und aus einem dreitägigen Konzert wird das größte bis dato dagewesene Musikhappening aller Zeiten. Neben dem Geld, das seine Eltern auf einen Schlag saniert, werden diese drei Tage aber auch zu Elliots persönlicher Initiations-Erfahrung, die ihn für immer verändern wird.
Regisseur Ang Lee ist für seine Wandelbarkeit inzwischen bekannt. Ob Eastern, der besondere Western oder eine Comicadaption, in jedem Genre scheint er sich recht sicher bewegen und den Filmen seine individuellen Stempel aufdrücken zu können. Nach Tiger & Dragon, Brokeback Mountain und Hulk inszeniert er mit Taking Woodstock einen Film, der das größte Musikereignis des letzten Jahrhunderts aus der Perspektive der Menschen erzählt, die bei seiner Entstehung und Durchführung einen großen Beitrag leisteten.
Das begleitende Lebensgefühl steht dabei eindeutig im Mittelpunkt. Musik vernimmt man als Kinogast nur als fernen Klang: Irgendwo da hinten auf einer Bühne, die aus der Distanz mikroskopisch erscheint, spielen Musiklegenden wie Canned Heat, Janis Joplin, Iron Butterfly, Joe Cocker, Jimi Hendrix und The Who, um nur ein paar zu nennen. Genauso ist es wohl den Besuchern des Festivals ergangen, die teilweise so weitab der Bühne einen Platz ergatterten, dass sie von der Musik kaum etwas mitbekamen. Ang Lee verschiebt das Event in das Drumherum. In den gigantischen Massenauflauf, in die bunte Vielfalt von Menschen aller Hautfarben und Ethnien, die friedlich zusammenkamen diese Tage zu begehen und in eine Lebensbejahung, die sich über alle Konventionen ihrer Zeit hinwegsetzte.
Und natürlich werden auch die besonderen Momente nicht ausgeklammert, die dem Ganzen seinen außergewöhnlichen Flair verliehen: freie Liebe und reichlich psychotrope Substanzen. In der Haut des Protagonisten, der über die bevölkerten Wiesen lustwandelt und allerlei Erfahrungen sammelt, erlebt man - als Drogenunerfahrener - wie LSD die Welt in ein schillerndes dreidimensionales Kaleidoskop verwandeln kann. Ob das nun wirklich so aussieht, können nur Eingeweihte bezeugen. Sicherlich gehört dies aber zu den lustigsten Szenen des Films - und unwillkürlich möchte man sich fragen, woher Lee so genau darüber im Bilde ist? Der andere Höhepunkt ist eindeutig Liev Schreiber alias "Vilma" geschuldet, als Ex-Marine und bekennender Transvestit; einfach unbeschreiblich schrill und skurril.
Taking Woodstock versetzt unmittelbar in eine Zeit, die den Jüngeren nur aus dokumentarischem Material geläufig sein kann. Ein Gefühl der Leichtigkeit zeichnet diese Bilder und die Atmosphäre durchgängig aus und der Aufwand, der betrieben wurde, dieses Spektakel so echt aussehen zu lassen, muss immens gewesen sein. Allerdings kann Lee nie völlig aus seiner Haut: Gleichgültig in welchem Genre er sich bewegt, er verwandelt die Story immer auch ein wenig in ein Drama. Zu verliebt ist er einfach in eine präzise Skizzierung der Charaktere, ihres Innenlebens und ihrer Beweggründe. Was anderorts von Vorteil ist, strengt aber bei Taking Woodstock gelegentlich etwas an. Insbesondere, da dies der visuellen Leichtigkeit entgegenläuft. Etwas weniger tiefe Psychogramme und etwas mehr von der Musik, die man ganz individuell vermissen kann, hätten dem Film möglicherweise noch mehr Tempo und Pepp verliehen. Aber auch so ist es eine gelungene und sehenswerte Momentaufnahme.