Er referiert in einem unendlich erscheinenden Redeschwall über Marx, Lacan, Ideologie im Kapitalismus und wie diese Dinge miteinander zusammenhängen: Slavoj Zizek. Regisseurin Astra Taylor begleitete ihn bei seinen Vorträgen in den USA oder in seine Heimat, nach Slowenien, und liefert eine an Eindrücken reiche Dokumentation über den "Elvis der Kulturtheorie", die höchst amüsant verschiedenste Themenbereiche anreißt, aber bei deren Verknüpfungen nur selten ein roter Faden erkennbar ist.
Dieser Mann ist populär. Er ist ein Unikum und originell. Es macht Spaß, ihm beim Philosophieren zuzusehen oder zuzuhören mit seinem wilden Gestikulieren, seinem Akzent, der seinem gesprochenen Englisch beinahe witzige Züge verleiht, während ihm sichtbar die Schweißtropfen auf die Stirn treten. Slavoj Zizek vermochte es schon, einen hauptsächlich aus seinen Ansichten zu Hitchcock bestehenden Film zu einem kleinen Meisterwerk werden zu lassen: Wie originell er in Pervert's Guide to Cinema psychoanalytische Erkenntnisse auf bspw. Die Vögel oder Psycho anwendete, ließ diese Filme in völlig neuem Licht erscheinen.
Aus diesem Grund kann man verstehen, warum sich die Dokumentarfilmerin Astra Taylor in ihrem Regiedebüt dieses beeindruckenden Philosophen und Theoretikers annahm. Allein seine Präsenz und seine nicht enden wollende, pointierte Redseligkeit würde genügend Material für mehrere Filme hergeben. Doch genau dies ist das Problem von Zizek!: Zwischen all den menschlichen Begebenheiten und Episoden, in denen man von seiner Wohnsituation (u. a. die Beschaffenheit seiner Küche und warum ein Bild von Stalin an der Wand hängt), seinen Lieblingsfilmen (beim mit der Kamera verfolgten DVD-Kauf), seiner politischen Vergangenheit als Präsidentschaftskandidat oder seine Sicht auf die Mitmenschen erfährt, ist keine klare Linie zu erkennen. Einmal abgesehen davon, dass ein ausgewogener Spagat zwischen der Dokumentation des Privatmenschen und des Denkers Zizek nicht immer gelingt.
Wir erfahren während der Vorträge von Zizek, die er in Buenos Aires und den USA hält, wie Kapitalismus als Ideologie aufgefasst werden kann und wie sich erst mit einem Konsum über die bloße Befriedigung eines Bedürfnisses hinaus Genuss einstellen kann. In diesem Denken sind die Menschen schon so stark verhaftet, dass sie sich eher das Ende der Welt als das Ende dieser Logik vorstellen können. Zizek spricht weiter über den Dekonstruktivismus als Ersatzreligion oder Freiheit unter einer Ideologie, wobei es dem Zuschauer ohne den philosophischen Background hin und wieder schwer fällt, seinen Argumenten (u. a. basierend auf Psychoanalytiker Jacques Lacan) gänzlich zu folgen. Ob das wiederum auch damit zusammenhängt, dass - wie einige als Textpassagen hineinmontierte Auszüge aus seinen zahlreichen Büchern beweisen - wiederum kein klarer Fokus gesetzt wurde, welchen komplexen Gedanken von Zizek man primär folgen wollte?
Abgesehen davon ist Zizek! jedoch hoch unterhaltsam. Seinen improvisierten Ausführungen, warum er stets im Zwiespalt gefangen ist zwischen Popularität (die man nur durch Humor erreicht) und sachlicher Wissenschaft oder wie ein sauberer Suizid in einem Treppenhaus auszusehen habe, die er in seiner unnachahmlichen Art vorträgt, hört man gerne zu. Es ist seiner sympathischen und bisweilen auch verschrobenen Art zu verdanken, dass oben angesprochene leichte Unausgewogenheiten, die durch die für eine gewisse Zeit tagtägliche Begleitung mit der Kamera unvermeidbar scheinen, dahinter zurücktreten. So ist Zizek! zwar kein intimes Porträt des Slowenen, aber ein kurzweiliger Ego-Trip für ein anspruchsvolles Publikum. So macht Philosophie Spaß!