Nach dem Sündenfall, ist vor dem Sündenfall. Ein Mann und eine Frau kehren nach Eden zurück, um den Tod ihres Sohnes aufzuarbeiten. Eden ist ein kleines Wäldchen, augenscheinlich harmlos, für die Frau aber mit großen Ängsten belegt. Ihr Mann, der Therapeut ist, möchte sie dort an den Urgrund ihrer Furcht führen und landet in einer Orgie der Gewalt. Expliziter ist kaum möglich, kein Wunder, es ist der neue Film von Lars von Trier. Antichrist bedient sich religiöser Motive des Katholizismus, ebenso wie esoterischer Bilder und kreiert einen surreal-bestialischen Trip, der nicht jedem zusagen wird.
Kaum ein Filmemacher ist so umstritten, wie der Däne Lars von Trier. Von seinen Anhängern als Visionär vergöttert, von anderen unverstanden oder - wegen manch eindeutiger Darstellung - sogar verhasst, gehört er auf jeden Fall zu den bedeutendsten Regisseuren Europas. Von Trier ist Mitbegründer des Manifest Dogma 95, einer Bewegung, die dem Film zu einem neuen Realismus verhelfen und vom Ballast der Effekte befreien soll. Die unmittelbare Handlung soll wieder in den Mittelpunkt. Dabei ist von Triers persönlicher "Modus Operandi" nicht gerade das, was eine klare homogene Handlung produziert: Allzu gerne reiht der Meister manch bizarrer Phantasie Szenen grundlos aneinander und von einer klassischen Dramaturgie zu sprechen, würde ihn nur beleidigen. Für Antichrist, den Film, den er selbst als seinem möglicherweise wichtigsten ansieht, bleibt er diesem Credo treu. Die Surrealität der Bilder aber zeigt, dass gewisse Geschichten eines visuellen Einsatzes bedürfen, der nicht ganz ohne technische Hilfsmittel realisierbar ist.
Die "Overtüre" des Films ist eine Sequenz, die genauso gut aus einem Albtraum entlehnt hätte sein können: In einem Akt der Leidenschaft gibt sich ein Paar seiner Lust hin: ekstatisch vereinigen sie sich - vermutlich in der offenherzigsten Kopulations-Szene der Filmgeschichte (von Trier belässt es nicht bei Andeutungen und macht seinem Image als Produzent von "Pornos für Frauen" alle Ehre). Sie streben dem gemeinsamen Höhepunkt entgegen und zeitgleich stürzt, mehrere Stockwerke tief, ihr kleiner Sohn in den Tod. Leben und Tod, Zeugung und Vernichtung, Geburt und Verwesung, liegen beim Antichrist nahe beieinander und sind den ganzen Film über Zaungäste seiner Bühne.
Das namenlose Paar (Charlotte Gainsbourg und Willien Dafoe) trauert, jeder wie er kann oder sich erlaubt. Sie bricht zusammen, kommt in eine Klinik, wird psychiatrisch überwacht und mit Medikamenten vollgepumpt. Er erlaubt sich den Schmerz nicht, ist stets rational und wirkt perfekt in sich balanciert. Wieder zu Hause steigert sich diese Dissonanz: Er, selbst sogar Psychotherapeut, nimmt sich des Schmerzes, Kummers und Schuldempfindens seiner Frau an, versucht sie an diese heranzuführen und zu therapieren. Augenscheinlich beginnt hier die Reise ins Metaphysisch-Unterbewusste: Die Frau, das emotionale Wesen fühlt, der Mann, Herr der Ratio, kontrolliert Kraft seines Verstands. Die Konfrontationstherapie läuft aber nicht, wie er sich das wünscht: Seine Frau lässt das nicht zu. Immer wenn er ihr mit seinen Seelenklempnereien zu nahe kommt, lenkt sie ab - mit Sex. Koitus gegen Schmerz, Gewaltvögeln, um zu vergessen und für einige Minuten der Realität zu entrücken. Er versucht das zu unterbinden: Fick nicht deinen Therapeuten, sagt er ihr, macht aber trotzdem mit.
Von Trier öffnet sein archaisch-christliches Labyrinth, man braucht nur noch eintreten. In diesem sind die Dinge wie zu Beginn im Garten Eden. Der Mann ist die Krone der Schöpfung und Ebenbild Gottes, sein Geist ist klar, unverdorben und rein, und erst durch die Frau, das animalisch lustvolle Wesen, wird er verführt und verdorben. Und da die innere Realität der Akteure immer den äußeren Handlungsrahmen bei von Trier vorgibt, begeben sich die Protagonisten eben dorthin: an den Ort wo alles (den drei großen monotheistischen Religionen nach) begann; an den Urgrund der Dinge: den Garten Eden.
Neben dem Thema Natur, das in allen Filmen Lars von Triers eine bedeutende Rolle einnimmt und sich auch hier kraftvoll wieder findet, greift er diesmal tief in die (Rumpel)Kiste des Katholizismus. Die beiden kehren zurück in ein Wäldchen, das tatsächlich den Namen Eden trägt. Seine Frau hat große Furcht vor diesem Ort und er möchte in der Abgeschiedenheit seine Therapie mit ihr fortsetzen. Es ist die Karikatur des männlichen Überlegenheitsdenkens: Der Arzt sieht nur die Krankheit des anderen; der Therapeut stößt den Patienten über die Klippe, damit der sich seiner Angst stellt und daran gesundet. Diese Befreiung löst mehr aus: Ab hier trifft Szenen einer Ehe auf Der Exorzist. Nebst dem Vordergründigen, dem Abstieg in die Abgründe der menschlichen Seele und dem Ehedrama, gesellen sich religiöse, esoterische und vollends surreale Elemente hinzu. In der Abgeschiedenheit dreht sich die verheerende Spirale aus Sex, Gewalt, ringen um Dominanz, Nähe und Ablehnung, Schuld und Sühne immer schneller. Wie Adam und Eva lieben sie sich; Unschuld trifft auf Verführung; Liebe auf Obsession; Realität auf Wahnsinn.
Die Inszenierung gleicht einer kafkaesken Oper, die Optik scheint aus einem avantgardistischen Traum zu stammen. Gefilmt wird teilweise in Ultrazeitlupe, somit spiegelt sich das erstarrte Innere der Figuren in bizarren, aber großartigen Bildern. Keine der Wendungen ist absehbar, kein Motiv bemüht. Sofern von Logik in dieser Inszenierung zu sprechen möglich, die sich final visueller Motive im Stile apokalyptischer Visionen Hieronymus' Bosch bedient, wäre zumindest zu sagen, dass es schon eine Auflösung gibt. Wenn man solange durchhält. Antichrist ist Suspensthriller, Horrorfilm, Ehedrama und hat seine absurd bizarren und irgendwie komischen Momente. Ebenso gibt es aber explizite Brutalität, die manch einen aus dem Kino treiben wird. Lars von Trier legt einen Film vor, der nicht nur die Gemüter scheiden wird; es ist möglich ihn gleichsam genial wie abscheulich zu finden. Es ist der ultimative Geschlechterkampf, der am Anfang aller Dinge begann und bis zum bitteren Ende geführt wird. Jedes Wort mehr würde aber den "Spaß" am Film nehmen. Für die, welche das Ende ertragen, stellt sich dann dennoch die Frage nach von Triers Frauenbild, doch beim Versuch einer Beantwortung kann es keine Hilfestellung geben.