Was augenscheinlich im Gewand eines flotten, frechen und fröhlichen Kinderabenteuers daherkommt, entpuppt sie als leicht schwermütiges Familiendrama, das passgenau in die melancholische irische Landschaft integriert wurde. Ein bisschen führt die Werbung den ahnungslosen Kinogänger schon irre: Das Große Rennen - Ein abgefahrenes Abenteuer sieht auf den ersten Blick den mundgerecht konfektionierten Geschichten aus dem Hause Disney nicht unähnlich. Bald jedoch zeigt die deutsch-irische Koproduktion ihre Ecken und Kanten, die, zugegebenermaßen, überwiegend aus Drama-Versatzstücken bestehen.
In Irland scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Auch wenn die Geschichte im Hier und Jetzt angesiedelt ist; das Aroma des Stallmuffs und den Flair der BBC-Serie Der Doktor und das liebe Vieh will sie nicht ganz abstreifen: Die Elfjährige Mary Kensay (Niamh McGirr) ist ein quirliger sommersprossiger Rotschopf und lebt gemeinsam mit ihren Eltern auf einem Bauernhof in Irland. Von der Aussicht in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und eines Tages selber Landwirtin zu werden, ist sie alles andere als begeistert. Viel lieber würde sie Autokonstrukteurin werden. Derweil übt sie sich schon mal, in jeder freien Minute, an der Perfektionierung ihrer Seifenkiste.
Ihr Vater Frank (Colm Meaney) steht dem Treiben seiner Tochter durchaus skeptisch gegenüber, lässt sie aber zunächst gewähren. In der Schule hat Mary ebenfalls einen schweren Stand: überwiegend von Kindern aus der privilegierten Mittel- und Oberschicht bevölkert, wird sie dort tagtäglich gehänselt, drangsaliert und wegen ihrer "bäuerlichen Herkunft" gemobbt. Als eines Tages ein richtiges, mehrere Kilometer langes, Seifenkistenrennen in ihrer Heimatstadt angekündigt wird, ist Mary gleich Feuer und Flame. Natürlich ist sie auf den Pokal und das Preisgeld scharf, aber vor allem will sie es den aufgeblasenen Snobs aus ihrer Schule zeigen. Die treten natürlich auch an - mit aufgemotzten High-Tech-Karts.
Leider hat Mary aber gerade mächtig Stress mit ihrem Vater und absolutes Seifenkistenverbot. Und als sie gegen seinen Willen weiter an ihrem Projekt arbeitet, brennen bei Frank eines Tages die Sicherungen durch, und er schlägt Marys Seifenkiste kurz und klein. In Wahrheit sucht er sich nur ein Ventil für seinen Frust: Der Hof ist überschuldet, er wird ihn vermutlich nicht halten können, und in seiner Ehe kriselt es auch ganz mächtig. Das alles hilft Mary natürlich nicht weiter. Sie möchte einzig und allein ihr Rennen fahren dürfen.
Selbst auf einen Erwachsenen wirkt diese Geschichte nicht ohne weiteres leicht bekömmlich. Wie mag es der hypothetischen Zielgruppe zwischen zehn und 14 Jahren ergehen (oder noch jünger, da der Film sogar eine Altersfreigabe von sechs Jahren hat)? Das was versprochen wird, hält der Film jedenfalls frühestens auf der Schlussgeraden ein. Vorher darf sich durch allerlei Familienzwist und einige Männer-Frauen-Rollenstereotypen geackert werden. Colm Meaney, dem einen oder anderen vielleicht noch als Transporter-Chief der Enterprise aus der TV-Serie Star Trek - The Next Generation oder als Terrorist im frühen Steven-Seagal-Meisterwerk Alarmstufe Rot bekannt, leistet als Hinterwäldler-Betonkopf ganze Arbeit: Mit seinen tradierten Wertvorstellungen und dem primitiven Herr-im-Hause-Gehabe liefert er alles was nötig ist, damit jede Feministin auf die Palme geht und wild applaudiert, wenn ihn seine Frau verlässt.
Abgesehen davon, dass es dem einzigen "Star" in diesem Film nicht allzu schwer fiel, diese vorangelegte Rolle genauso zu spielen (Meaney schien eher unterfordert, der Film enthält zwar einige Drama-Elemente, schauspielerisch aber wird nicht allzu viel abverlangt), wirkt die Figur nicht wirklich glaubwürdig. Die Landwirtschaft ist nicht nur in Irland ein ökonomisch wenig einträgliches Gewerbe. Und es erscheint obendrein alles andere als schlüssig, dass ein Vater seiner klugen und gewitzten Tochter die Chance missgönnen soll, Autodesignerin oder Ingenieurin zu werden. Derart borniert kann nicht mal der "dümmste Bauer" sein. Wobei zum Schluss noch reichlich Ausgleich reinkommt, um die Figur nicht vollends negativ zu brandmarken.
Neben solch charakterlichen Unstimmigkeiten wirkt auch die gesamte Story alles andere als gut austariert. Insgesamt überwiegen deutlich die Schichten des Drama-Beziehungsgeflechts zwischen Vater und Tochter, Ehemann und Gattin. Das eigentliche Thema kommt damit viel zu kurz. Gerne hätte man mehr von Seifenkisten, Tüftlernachtschichten und fetzigen Abfahrrennen gesehen; am besten eingebetet in saftig-grüne irische Hügel. Die knapp anderthalb Stunden wirken aber durch die familiären Streitigkeiten einerseits reichlich überladen, andererseits zu verkürzt, um die tieferen Motive richtig zu beleuchten (auch wenn es dann vollends ein anderer Film geworden wäre). Richtig fahrt auf nimmt der Streifen ohnehin erst gegen Ende und kann damit nicht mehr wirklich entschädigen. Für jüngere Kinder ist Das Große Rennen eigentlich ohnehin nicht zu empfehlen und auch die um die zwölf Jahre, sollten nicht unbedingt ohne elterlichen Beistand den Film schauen. Es könnte danach durchaus Redebedarf bestehen.