Abseits inflationärer Comicadaptionen, Autorenkino oder Blockbuster-Rummel kommt ein Film daher, der im Prinzip mit einer ganz klassischen Angst arbeitet: Der Unbekannte, dem man Vertrauen geschenkt und den man in sein Leben gelassen hat, entpuppt sich als Psychopath und startet in bester Shining-Manier eine Metzelorgie. Angesiedelt in der idealisierten amerikanischen Mittelschicht, hätte der Film durchaus Potenzial gehabt, wenn man ihn als boshafte Satire inszeniert hätte. Ernst gemeint ist Stepfather aber ein langatmiger, unterschwellig mit gesellschaftlichen Paranoiamotiven spielender, TV-Thriller, der sich ins Kino verirrte.
Nur rund 50 Prozent der in Übersee für den Kinomarkt produzierten Filme gelangen bis zu uns. Oder genauer gesagt: erhalten die Chance, sich der Kritik und dem Votum des Publikums zu stellen. Der Rest ist schlichtweg zu schlecht; meist sogar für einen Direct-to-DVD-Release. Dass die Hälfte, welche auf den europäischen und deutschen Markt gelangt, nun trotzdem nicht immer der Weisheit letzter Schluss ist und mitunter alles andere als Verzückung beim Zuschauer auslöst, darüber braucht man sich selbstverständlich nicht streiten.
Manchmal gelangt aber so ein Glanzstück amerikanischer Filmkunst, das besser nie synchronisiert gehört hätte und auf ewig ein unbeachtetes Dasein in von der Welt vergessenen Videotheken fristen sollte, aufgrund wenig nachvollziehbarer Verleih-Logik doch in die deutschen Lichtspielhäuser. Stepfather gehört zweifellos zu der Sorte Film, die im US-amerikanischen TV bei einem Sender, der überwiegend semiparanoides, konservatives Bürgertum versorgt, möglicherweise noch gerade sinnvoll platziert wäre. Leider aber werden nichtsahnend-unschuldige Kinogänger in die Gefahr gebracht, sich hierzulande in eine Vorstellung zu verirren. Und dieses augenscheinlich ernst gemeinte, aber oft unfreiwillig komisch anmutende, Machwerk droht sogar mit einem Sequel.
Dabei beginnt der Film sogar halbwegs verheißungsvoll und beschert dem Zuschauer einige schwarz-makabere Illusionen auf eine böse Killer- und Mittelschichtssatire. Doch zu viel erhofft und glatt um ein paar Ecken zu weit gedacht: Viel simpler ist dieser Streifen gestrickt. Über sowas wie Handlung zu fabulieren erübrigt sich eigentlich auch von selbst, passt doch der dünne und äußerst voraussehbare Plot regelrecht auf einen Bierdeckel: Es gibt einen Soziopathen, David (Dylan Walsch), der in Kuckucks-Manier von einer Familie zur nächsten flattert. Seine Masche: Er sucht sich alleinerziehende Damen, arrangiert ein zufällig wirkendes Treffen und erzählt ihnen, dass er vor einiger Zeit bei einem tragischen Unfall seine Familie verloren hat. Natürlich ist David nicht nur ein sehr guter Schauspieler, sondern auch ein gutaussehender eloquenter Charmbolzen. Und die Frauen sind alleine und sehnen sich nach einem Partner und einer männlichen Bezugsperson für ihre Kinder.
So schleicht sich David erst in die Herzen dieser Damen, anschließend in ihre Betten und alsbald ist er der neue Lebensgefährte und Stiefvater. Zunächst wähnen sich die Frauen auch wie in einem Traum: Es mutet an, als hätten sie ihren langersehnten Prinzen gefunden. David scheint der perfekte Partner und Familienmensch zu sein. Doch diese paradiesische Idylle hält nicht lange vor: Es zeigt sich zuerst im Kleinen, wenn David plötzlich wegen Nichtigkeiten die Kontrolle über seine Aggressionen verliert und steigert sich schnell, bis er beginnt wie ein Psychopath über Leichen zu gehen. Und letzten Endes hinterlässt er ein Blutbad; zieht anschließend weiter, als wäre nichts passiert und schlüpft in eine neue Identität - auf die nächsten Opfer lauernd.
Diesmal hat er sich aber eine Familie ausgesucht, die gleich zwei wachsame Beschützer hat: Den Ex-Mann seiner momentanen Favoritin Susan (Sela Ward), der seine Kinder über alles liebt und den Erwachsenen Sohn Michael (Penn Badgley), der gerade erst von der Militärakademie zurück ist. Nachdem man also über eine Stunde damit zubringt, zuzusehen, wie der ideale amerikanische Familientraum gelebt wird, beginnt im letzten Drittel des Films die Story tatsächlich so etwas wie Fahrt aufzunehmen. Das Finale kommt dann ebenso unausweichlich wie vorhersehbar und offenbart ein paar fragwürdige Scream - Schrei!-Qualitäten, die für reichlich groteske Komik sorgen. Es ist aber stark anzunehmen, dass die Macher dies so nicht unbedingt im Sinn hatten.
Das einzig Erstaunliche an diesem Streifen ist, dass er trotz eines faden 08/15-Thriller-Strickmusters, im Wesentlichen sehr solide durchbesetzt ist. Die Darsteller wirken in ihren Rollen auch glaubwürdig und mühen sich redlich, noch das Beste aus dem Ganzen zu machen. Bekanntestes Gesicht des Cast dürfte vermutlich Dylan Walsh, der Star der Serie Nip/Tuck sein; aber auch Sela Ward, die unter anderem in der erfolgreichen Serie Dr. House mit von der Partie war, ist keine Unbekannte. Aber das grottige Grundkonzept und die schlaftablettenartige Inszenierung taugen höchstens dazu, dass sich ein paar furchtsamen Großmütterchen enger in ihre wärmenden Rheumadecken kuscheln.
Stepfather, der sowas wie ein Remake von Kill, Daddy, kill! (1987) sein soll, entpuppt sich in seiner Gänze als ein einziges Desaster, dem es kaum gelingt, irgendeine Form kreativer Eigenständigkeit zu entwickeln oder dem Zuschauer sehenswerte Momente mit einer Spur Neuwert zu bescheren. Dramaturgisch belanglos rotiert das Plot-Hamsterrad vor sich hin und wären nicht einige Gewalteskalationen zwischendurch, man würde glatt im Kinosessel weggeschlummert sein, wenn man nicht schon lange vorher den Ausgang gesucht hat.