2007 waren die Blicke starr auf die Leinwand gerichtet, Blicke des Entsetzens und der Angst. Hatte man bei Blair Witch Projekt 1998 noch auf einen groß angelegten Internethype und grobkörnige Aufnahmen gesetzt, verzichtete der spanische Horrorfilm Rec komplett darauf, dem Zuschauer schon im Vorhinein das Geschehen als real anzupreisen. Der technisch perfekt durchdachte Einsatz von Handkameras schuf von selbst eine höllisch reale, pseudo-dokumentare Atmosphäre, die sowohl Publikum wie Presse überzeugte und international Preise abräumte. Mit Rec 2 potenziert sich nun der Einsatz von Kameras auf technischer Ebene, inhaltlich wird dem Zuschauer aber eine Axt ins Bein gejagt, die auch im Nachhinein einen bitteren Schmerz hinterlässt.
Seien wir mal ehrlich, wie viele Sequels und Prequels der letzten Jahre erreichten inhaltlich das Niveau ihres Vorgängers? So gut wie keine. An mehr als nur einer Hand abzählbar sind hingegen die gescheiterten Versuche der Studios, das Original zu übertreffen. Eine Tatsache, über die meist nur der Erfolg an den Kinokassen hinwegtäuscht. Ob Fluch der Karibik, Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, Underworld, Harry Potter und der Stein der Weisen, Shrek - Der tollkühne Held, Toy Story, Stirb Langsam oder Star Wars, früher oder später lautet die Devise Quantität statt Qualität. Das Konzept nutzt sich ab und Überraschungen bleiben aus, simpel gestrickte Drehbücher und Special Effekts gehen zu Lasten inhaltlicher Originalität. Ebenso verhält es sich auch bei Rec 2, ein inkonsequenter Sumpf aus Ungereimtheiten, der sich trotz aller Enttäuschung nicht vor vergleichbaren Hollywoodproduktionen zu verstecken braucht.
So beginnt der Film sehr vielversprechend. Der Vorhang öffnet sich und der Zuschauer blickt auf die laufenden Vorbereitungen einer Spezialeinheit der spanischen Polizei. Eine letzte Überprüfung der vier Helmkameras sowie der Ausrüstung, schon öffnen sich die Türen des Vans und geben den Blick auf das isolierte Gebäude frei. Nachdem der erste Teil die leblosen Körper im Dunkeln des Hauses zurückließ und auch für die Protagonistin alle Hoffnungen zunichtemachte, schließt man nun mit vier gut gelaunten Einsatzkräften unmittelbar an die Ereignisse an. Als anfängliche Sympathieträger schaffen sie die nötigen Voraussetzungen für einen angsteinflößenden, lebensnahen Horrortrip. Zusammen mit der Aufstockung auf eine Handvoll Kameras wird somit ein enormes Potenzial freigelegt, das optisch zuweilen originell, jedoch nicht zu voller Zufriedenheit entfaltet wird. Ermöglichen die vielen flexiblen Helmkameras neue Schnitte und Perspektiven, werden die Linsen leider schnell auf ein Minimum reduziert und ein an sich gutes Konzept geht verloren. Die Macher bleiben der Einzelkamera des ersten Films treu und verschenken die Möglichkeit, weitaus kreativer agieren zu können. Dennoch schafft man innerhalb der gesamten Spielzeit viele gute Aufnahmen, zum Beispiel wenn die Gruppe auseinandergerissen wird. Wenngleich nicht ganz so stark wie im ersten Teil wird auch hier die Angst der Protagonisten fühlbar gemacht.
Aber die Ruhe kommt bekanntlich vor dem Sturm und so werden schon bald die vergleichsweise starken Nerven der Protagonisten auf die Probe gestellt. Statt Dunkelheit und Stille weiterhin zu nutzen, wird die Spannung allzu schnell ausgeschöpft. Zwar legt die höllische Achterbahnfahrt ein beachtliches Tempo vor, verzichtet aber auf einen längeren Spannungsaufbau und wird schließlich von einigen hanebüchenen Ideen ausgebremst. Auf Ruhe folgt sogleich der Sturm, auf Ebbe ohne jegliche Verzögerung die Flut und so fehlt es an jeglicher Spannung, wenn ein Infizierter nach dem anderen aus seinem Loch gekrochen kommt. Schon nach kurzer Zeit ist die Spezialeinheit nur noch halb so groß und die Lichter der Kameras erloschen. Für wenige Sekunden tiefschwarze Stille, dann eine Gummipuppe und Feuerwerkskörper. Auf der Suche nach einer neuen Möglichkeit, die Geschehnisse weiterhin dokumentieren zu können, präsentieren die Macher eine kleine Gruppe Jugendlicher die ihre pubertären Späße filmisch festhalten. Der menschenförmige Kunststoff eignet sich leider nicht ganz wie gewollt als Flugobjekt und während das organische Polymer noch qualmt, werden die Teenager aus der Gefahrenzone evakuiert. Zeitlich setzt man demnach erneut gegen Ende des ersten Films an, präsentiert ein Grüppchen Klischee-Teenies, wie sie in Filmen dieser Art mittlerweile Gang und Gebe sind. Wo der Tod eines Kollegen die Polizeibeamten nur minimal belastet, bieten die hysterischen Kids ein starkes Kontrastprogramm zu den unglaublich gefühlskalten Polizeibeamten. Hinzu kommt, dass der Regisseur so mehr Kanonenfutter für die wahrhaft standfesten Infizierten bereithält.
Von nun an folgt der Film größtenteils gängigen Horrorklischees und präsentiert eine ebenso simple wie kurzweilige Mischung aus Teenie-Horror und präapokalyptischen Albtraum. Intelligenz und menschlicher Instinkt sind fehl am Platz. Es wird geschrien, gekreischt, gebissen, gebetet, im Dunkeln rumgetappt und ohne Rücksicht auf Verluste drauf losgeschossen. Der vorerst so realistisch anmutende Streifen fährt handlungstechnisch Dauerschleife und die Herkunft des Virus ist wie ein Schlag auf den Kopf, verzichtet man doch auf eine einigermaßen realistische Erklärung. Anstatt etwaigen Pharmakonzernen oder chemischen Kriegswaffen die Schuld in die Schuhe zu schieben, grenzt die Geschichte, die der Regisseur dem Zuschauer vermitteln will, an intellektuelle Selbstgeißelung, wie sie im realen Leben glücklicherweise kaum noch Anklang unter Gläubigen findet. Es klingt mit Sicherheit etwas übertrieben, aber so groß das Erstaunen über Rec, so groß ist die Ernüchterung über Rec 2. Die inkonsequente Art, wie die einst realitätsnahe Infektion ins übernatürliche abdriftet, hält dem Zuschauer hämisch grinsend sein bereits bezahltes Kinoticket vor die blutige Nase.
Teufel, Paralleluniversum, Exorzismus, heilendes Blut. Es gibt so viele bewährte Wege, dem Geschehen neuen Schwung zu verleihen, nur sollte man im Hinblick auf die Gefühle der Zuschauer nicht den falschen wählen. Auch ein Film sollte dem Publikum gegenüber respektvoll und kulant sein, schreit man doch zuweilen verzweifelt nach Infizierten, die auch sind was sie zu sein scheinen. Stattdessen eine Aufklärung, die sämtliche Ungewissheit und damit verbundene Ängste zu Nichte macht. Wirkte der erste Teil noch schockierend real, führt die hier angebrachte Erklärung über die Herkunft der tollwutartigen Seuche die gesamte Reihe ad absurdum, verleiht ihr eine überraschend diabolische Note. Über längere Zeit hinweg an der Nase herumgeführt, findet ein Teil des Publikums nach der letzten Blende auch dieses Mal mit Sicherheit keinen Schlaf und wird noch darüber grübeln, warum man unbedingt im Dunkeln rumtappen muss anstatt einfach zwischenzeitig das Licht anzuknipsen. Andere Zuschauer dürften skeptisch gähnend ihre Augen reiben und betroffen dem verlorenen Geld nachtrauern.
Aber Rec 2 ist kein schlechter Horrorfilm, hat er doch größtenteils lediglich mit den hohen Erwartungen des Zuschauers zu kämpfen. Akzeptiert man erst einmal die Naivität der Macher, so findet man durchaus sehenswerte, kurzweilige Unterhaltung. Gegen Mitte mehr Schießerei als Spannung, fesselt der Film trotz blasser Figuren und erreicht anstelle der stark klaustrophobischen Atmosphäre des ersten Teils eine nicht minder effektive achluophobische Atmosphäre. Sicher wurde Rec 2 vor allem des schnellen Geldes wegen gedreht, konnte man in Spanien doch allein über eine Millionen Zuschauer gewinnen. Aber trotz aller Kritik wird die effektive Kameraführung und die gegen Ende hin präapokalyptische Atmosphäre 2011 mit Rec Genesis und 2012 mit Rec Apokalypse auch weiterhin die Leute ins Kino ziehen. Trotz aller Enttäuschung liegt schließlich noch viel Potenzial in der Horror-Franchise. Und gegenüber dem gängigen Hollywood-Einerlei bietet sie eine willkommene Abwechslung, ein Balanceakt zwischen genial und banal. Man darf gespannt sein, welchen Weg das amerikanische Remake Quarantäne einschlagen wird. Fest steht, dass Der Letzte Exorzismus nun nicht mehr halten kann, was sein Name verspricht.