Nicht alle waren Nazis und haben das Hitler-Regime wohlwollend abgenickt oder sind bereitwillig mitmarschiert. Die großen Produktionen der letzten Zeit zeichnen ein anderes Bild von einem Deutschland des Widerstandes, in dem es den Willen gab sich dem Irrsinn entgegenzustellen. Und auch im Kleinen gab es Menschen, die Außergewöhnliches leisteten. Unter Bauern erzählt die Geschichte solcher Menschen, die ihre Freunde nicht ihrem Schicksal überließen, als die braune Obrigkeit diese als Juden zu Feinden erklärte. Wichtiges Thema, das leider weder sorgsam inszeniert wurde, noch die Botschaft ausdrucksvoll trägt.
Mit Spielbergs Epos Schindlers Liste wurde vor 15 Jahren erstmalig im großen Umfang das Bild des anderen Deutschen kreiert. Des Deutschen, der unter dem Risiko seines eigenen Lebens Juden vor einem furchtbaren Schicksal rettete. Inzwischen aber werden sogar Figuren wie Stauffenberg zu hehren Rittern des Widerstandes verklärt, weil sie einmal etwas Richtiges taten. Man mag diesbezüglich durchaus anderer Meinung sein und nicht voreilig bereit, dem medialen Trend folgend zu glauben, dass der Verschwörerkreis des 20. Juli die Demokratie in Nazi-Deutschland wiedererrichten wollte.
Beim "einfachen Volk" hingegen gab es durchaus mehr redliche Menschen, die bereit waren, Juden bei sich aufzunehmen und bis Kriegsende zu verstecken, als man vermuten würde. Und das ist kein Geschichtsrevisionismus und auch nicht der Versuch das patriotische Empfinden der Nation aufzuwerten. Genau solch eine Tat greift Unter Bauern auf und erzählt die reale Geschichte einfacher Menschen vom Land, die ihre Freunde nicht einfach im Stich ließen, weil Dekrete und zentral propagierte Hasstiraden plötzlich alle Juden zu "Feinden des Deutschen Vaterlandes" stempelten.
Eine alte Freundschaft aus den Tagen des ersten großen Krieges rettet der Familie Siegmund Spiegels (Armin Rohde), Menne genannt, das Leben. 1918 hatten er und sein Kriegskamerad Aschoff (Martin Horn) Schulter an Schulter im Schützengraben gekämpft und sich gegenseitig am Leben erhalten. Nun kommen Mennes Frau Marga (Veronica Ferres) und die gemeinsame Tochter Karin (Luisa Mix) unter falschem Namen auf dem Hof der Aschoffs unter. Andernfalls wären sie mit den Zugtransporten nach Osten deportiert worden, was einem sicheren Todesurteil gleichkäme. Die Aschoffs riskieren durch das Beherbergen von Juden nicht wenig: Auf dieses "Verbrechen" steht unterm Hakenkreuz die Todesstrafe. Menne selbst muss ohnehin bei einem anderen Bauern unterkommen.
Es beginnen Wochen, Monate und Jahre des Wartens in ständiger Angst vor Entdeckung. Auf dem Hof der Familie Aschoff wissen nur der Bauer und seine Frau (Margarita Broich) von der wahren Identität der Gäste. Nach anfänglichem Misstrauen entwickelt sich zwischen der jungen und obrigkeitsgläubigen Anni (Lia Hoensbroech), der Tochter des Hauses, und Marga allmählich eine tiefe Freundschaft. Doch dann wird Marga Spiegel von der Wirtin im Ort erkannt und Anni erfährt die Wahrheit über ihre neue Vertraute. Anni wird damit vor die Entscheidung gestellt: Linientreue aus Prinzip oder Hochverrat zugunsten ihrer Freundin. Menne Spiegel muss sich derweil in seinem Verschlag ständig versteckt halten. Dann spitzt sich die Lage noch zu, und Menne muss sein Versteck wechseln, findet aber bei einer anderen Bauernfamilie Unterschlupf.
Als historisches Drama präsentiert sich Unter Bauern. Fakt ist, die Geschichte beruht auf den Erinnerungen der heute in Münster lebenden Marga Spiegel, geboren 1912 in Oberaula, die 1969 erstmalig als Buch mit dem Titel Retter in der Nacht erschienen. Sie schildert in ihrem Bericht, wie beherzte Bauern im Münsterland von 1943 bis 1945 ihrer Familie Unterschlupf gewährten. Dass dies so war, braucht nicht angezweifelt werden. Und sicherlich sind solche (kleinen) Geschichten ebenso des Erzählens würdig, wie die Taten eines Oskar Schindlers.
Leider gelingt es dem Film aber zu keiner Zeit, das Szenario glaubhaft bedrohlich wirken zu lassen und die seelische Zerrüttung, die durch solchen Druck zwangsläufig entsteht, authentisch einzufangen. Besonders im Falle Mennes, der, einem Isolationshaft-Insassen gleich, langsam entmenschlicht und sich innerlich aufzulösen beginnt, reicht es nicht aus, schematisch ein paar Hospitalismus- und Borderline-Einlagen abzurufen, um die Figur in ihrem Leid scharf einzufangen. Symptomatisch auch der recht geruhsame Erzählstil, der den Aufenthalt der Spiegels fast wie "Urlaub" erscheinen lässt. Wären da nicht die indoktrinierten und hitlerhörigen Jugendlichen, die verblendet immer wieder ihre braunen Parolen vom Stapel lassen, man könnte glatt vergessen, was für eine Geschichte erzählt werden sollte.
Dieser Kontrast wird gar ein wenig zu sehr bemüht: Die Älteren, die früher mit Juden freundschaftlich zusammenlebten, halten nicht wirklich viel von der neuen politischen Linie und stehen treu zu den Menschen, die ihnen früher lieb und teuer waren. Der Jugend hingegen fällt die Rolle zu, das Deutschland von 1933 - 1945 zu repräsentieren. Hier macht man sich das Ganze zu einfach. Regimefolgsame hat es quer durch alle Bevölkerungsschichten und Altersstufen gegeben, ebenso wie auch junge Menschen bereit waren, sich dem Irrsinn zu widersetzen. Zuspitzung findet bei Unter Bauern ebenfalls viel zu selten statt: Das einzige Mal, bei dem das Gefühl aufkommt, die Handlung könnte kippen und alle Bemühung letzten Endes vergebens sein, ist zweifellos der Punkt, an dem Anni entdeckt, dass die Gäste auf dem Hof, mit denen sie sich angefreundet hat, Juden sind und ihr Glauben an die Naziideologie damit auf den Prüfstein kommt. Der moralische Kompass des Mädchens schlägt in der Folge dann kurz hierhin und dorthin aus, letzen Endes wird aber alles recht simpel und plakativ positiv aufgelöst. Ganz glaubhaft wirkt das nicht.
Schauspielerisch gibt es nicht viel zu bemäkeln, allerdings auch nicht viel herauszuheben. Da die Inszenierung aber insgesamt nicht über durchschnittliches Fernsehware-Niveau kommt, lässt sich ungelogen behaupten, dass Veronica Ferres und Armin Rohde Überdurchschnittliches leisten. Erinnerungswert wird Unter Bauern dennoch nicht haben. Es ist weder der Stoff für die große Leinwand, noch wird die Umsetzung dem sich gestellten Ziel gerecht. Abzuwarten bis der Film in absehbarer Zeit im Fernsehen läuft, sollte nicht allzu schwer fallen.