"Schweden-Krimis" stehen hoch im Kurs. Besonders Romane aus der Feder von Stieg Larsson. Seine Millennium-Trilogie ging allein in Deutschland drei Millionen Mal über den Ladentisch. Weltweit verkaufte sich die Krimireihe sogar 15-millionenfach. Larssons Geschichten werden in der Presse gelobt, sowohl wegen der erzählerischen Virtuosität, als auch wegen der Leistung aus dem Genre des Krimis/Polit-Thrillers literarischen Stoff zu entwickeln, der an große Gesellschaftsromane erinnert. Mit Verblendung steht nun der erste Teil ins Haus, der nicht nur die Kenner der Romane ansprechen könnte.
Wenn literarische Geschichten sich großer Beliebtheit erfreuen, ist es nur eine Frage der Zeit bis diese für das Medium Film adaptiert werden. Nicht selten aber wird die Vorlage, wenig ambitioniert, fürs Fernsehen umgesetzt und dem Werk damit keine Ehre erwiesen; nicht so in diesem Falle: Die Romane Stieg Larssons schafften es, die Herzen einer breit gestreuten Fangemeinde, von Krimifreund bis zum eingefleischten Feuilletonisten, zu erobern; also wurde gleich ein Kino-Spielfilmdreiteiler in Angriff genommen.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der rechtschaffene Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist (Michael Nyqvist), der seinen Job und den Berufskodex noch wirklich ernst nimmt. Bei seiner letzten Enthüllungsstory ist allerdings einiges schief gelaufen: gefälschte, ihm untergeschobene, Beweise brachten ihm eine Verurteilung ein. Bis Strafantritt sind es aber noch sechs Monate. Der Industrielle Henrik Vanger (Sven-Bertil Taube) macht Blomkvist ein lukratives Angebot: Er soll in der Zwischenzeit für ihn ermitteln. Vor über vierzig Jahren ist seine, damals 16-jährige, Lieblingsnichte während eines Familientreffens verschwunden. Eine Leiche wurde niemals gefunden. Der mittlerweile 82-jährige Vanger kann aber mit dieser Geschichte nicht abschließen. Schuld daran sind merkwürdige Botschaften, die er seither einmal jährlich, am Tag des Verschwindens, mit der Post erhält: Jeweils eine getrocknete Blüte, wie sie seine Nichte machte. Vanger vermutet den Entführer oder Mörder hinter diesem Ritual, der ihn damit verhöhnen will.
Blomkvist willigt ein und beginnt sorgsam Informationen zusammenzutragen. Doch erst als sich eine virtuelle Helferin einschaltet, nehmen seine Ermittlungen Fahrt auf. Es handelt sich um die junge punkige Cyberermittlerin Lisbeth Salander (Noomi Rapace), die ihm zunächst anonym via Mail Informationen zukommen lässt, ihm bald aber auch als reale Assistentin zur Seite steht - und mehr. Schicht für Schicht tragen sie gemeinsam die Geheimnisse ab, welche den Vanger-Clan umgeben und stoßen auf viele dunkle Punkte in der Lebensgeschichte einiger Familienmitglieder. Es gibt Hinweise auf eine Nazivergangenheit, aber auch eine völlig andere Spur: eine Reihe bestialischer Ritualmorde, die über mehrere Jahrzehnte hinweg, miteinander verbunden zu sein scheinen. Umso näher beide der Wahrheit kommen, desto bedrohlicher und mysteriöser wird alles - und auch gefährlicher.
Es dauert etwas, bis die Geschichte vollends zupackt. Die eine oder andere erzählerische Länge ist nicht von der Hand zu weisen. Ganz ähnlich dem "Kampf", den man sich mit einem anspruchsvollen Buch liefert. In diesem Punkt erweist der Film seiner literarischen Vorlage alle Ehre. Besonders sind es die Familienverflechtungen, die den Einstieg nicht gerade einfach gestalten. Die Komplexe Vanger-Genealogie sorgt zudem für einige Verwirrung. Wie aber bei jeder guten Geschichte zeigt sich bald, dass vieles außen vor gelassen werden und man sich getrost auf die Hauptcharaktere und die Kerngeschichte konzentrieren kann. Spätestens dann entfaltet der Film seinen vollen Charme.
Mit zu verdanken ist dies, neben der komplexen und facettenreichen Story, einem hervorragenden Schauspielerensemble, das zu jeder Zeit überzeugend und authentisch agiert. Trotz der durchweg sehr guten darstellerischen Leistung aller Akteure aber wirkt nicht jede Figur richtig ausbalanciert: Man mag darüber hinweg sehen, dass Blomkvist eher als Detektiv agiert, denn wie ein investigativer Journalist, andererseits ermangelt es ihm der besonders hervorstechenden Merkmale: Er ist intelligent und vermag schnell und vernetzt zu denken, wie es für Menschen seines Berufsstandes notwendig ist, im Übrigen wirkt er aber regelrecht nivelliert. Da vermisst man einfach die besondere Smartnes oder eine ausgeprägtere Gewitztheit.
Diese bringt seine Assistentin mit, die nicht nur eine kongeniale Hackerin ist, sondern auch sonst mit allerlei Wassern gewaschen. Die Gründe hierfür werden teils im Nebenplot, teils in Rückblenden veranschaulicht. Es entsteht das Bild einer Frau, die ihr Leben lang immer wieder misshandelt und traumatisiert wurde und sich zu einem Menschen wandelte, der es den Tätern mit mindestens der gleichen Münze heimzuzahlen bereit ist. Ihr aggressives Auftreten und anarchistisches Äußeres spiegeln somit ihr zerfurchtes Inneres wider. Die Dissonanz zwischen Opfer und Täter in einer Persönlichkeit vereint, machen diese Figur zwar außergewöhnlich interessant, erzeugen auf der anderen Seite aber eine Dysbalance zwischen ihr und dem Journalisten Blomkvist. Seine Figur wirkt dagegen regelrecht simpel, gar extrem puristisch und mit eher trivialem Innenleben ausgestattet; sie ist dafür seelisch mehr als überladen. Selbst als gewollte Polarität, entsteht damit kein "Yin-und-Yang-Feeling".
Inwiefern das alles durch die Romanvorlage vorgegeben wurde und inwieweit das gut oder schlecht umgesetzt ist, kann an dieser Stelle nicht erschöpfend beantwortet werden. Filme müssen zwangsläufig einerseits vereinfachen, andererseits exzessiver die Figuren zeichnen, damit in der Verkürzung gewisse Merkmale und Motive immer noch hervorstechen. Somit stellen die Unvollkommenheiten möglicherweise beabsichtigte Ecken und Kanten dar, an denen sich bewusst gestört werden soll. Nach der Auflösung liefert aber Verblendung noch ein zweites kleines Finale, das zu sehr an simpel-positive Schemata aus Hollywood-Landen erinnert. Es wirkt gar zu sehr aufs Gas gedrückt, damit am Ende des ersten Teils der Trilogie der Zuschauer nicht mit allzu vielen Fragen aus dem Saal entlassen wird. Angesichts der Tatsache, dass Teil zwei und drei beide für 2010 angekündigt sind, erscheint dies recht überflüssig. Für ein, über weite Strecken, gehobenes Kinoerlebnis ist der Film dennoch zu empfehlen. Spannend, atmosphärisch dicht erzählt und abwechslungsreich, wenn auch manchmal etwas zähflüssig.