Der Mensch ist ein Herdentier und wenn einer etwas hat, dann wollen es gleich alle haben. Wie lässt sich sonst die aktuell über den Kinogänger einbrechende Welle von Superhelden- und Vampirfilmen erklären? Zwischen all die Twilight-Filme und TV-Ableger wie True Blood und The Vampire Diaries platzieren die Spierig-Brüder nun eine neue Wendung ins Geschehen. Gewürzt mit einer Prise Gesellschaftskritik und einem ordentlichen Schuss Gore hauen sie ordentlich auf den Putz.
Im Normalfall sind Vampire eine unscheinbare Bedrohung. Sie leben unter uns, aber man weiß oft nicht genau, wer nun alles ein Vampir ist und wer nicht. In Alan Balls TV-Serie True Blood gab es die interessante Wendung, dass durch künstliches Blut Vampire fortan in aller Öffentlichkeit leben können. Die Spierig-Brüder sind noch einen Schritt weiter gegangen. In ihrem Film wendet sich nicht nur ein Detail, sondern gleich das ganze Blatt. Hier stellen die Vampire die Mehrheit dar und die Menschen sind unscheinbar und leben im Verborgenen. Zumindest die Menschen, die noch existieren. Die Vampirgesellschaft melkt die übriggebliebenen Menschen in Charles Bromleys Firma wie Vieh. Mit dem einzigen Problem, dass sich die menschliche Bevölkerung ihrem Genozid nähert.
Bis zum Ende des Monats geht das Blut zur Neige. Dann hat es sich erledigt, mit dem Schuss Blut in den morgendlichen Kaffee oder einem schönen Blood on the Rocks zum Feierabend. Während Bromley und Co. nur ein drohendes Ende ihrer Produktion sehen, sorgt sich Edward Dalton, Hämatologe in Bromleys Firma, um den Fortbestand der Menschheit. "You pity the humans", konstatiert Bromley auch selbst und kann auf gewisse Weise mitfühlen. Ist er selbst doch nur zum Vampirtum konvertiert, weil er unheilbar krank war. Seine Tochter wiederum hat sich gegen eine Transformation entschieden. Ein kleines Familiendrama für den Antagonisten - die Spierigs sind sich nicht zu schade, auch in einem Vampir-Slasher ihren Figuren ein wenig Tiefe zu verleihen.
Als Edward sich mit dem menschlichen Widerstand einlässt, überschlagen sich die Ereignisse. Der Blutbestand neigt sich dem Ende, die Vampire proben in blutigen Aufständen den eigenen Niedergang, der einige von ihnen nochmals zu fledermausähnlichen Wesen mutieren lässt. Eine Folge des Blutmangels. Die Ironie des Ganzen ist, dass in Daybreakers die meiste Zeit eigentlich keine Menschen sterben. Denn dafür sind diese ja viel zu wertvoll. Wer tötet schon die Kuh, wenn er ihrer Milch bedarf? Das bedeutet allerdings nicht, dass es unblutig oder gar harmlos zugeht. Die Spierig-Brüder wissen sehr wohl, wann es Zeit ist, das Gore-o-Meter wieder ein wenig anzudrehen. Und wem das alles den Film hindurch viel zu gezügelt daherkommt, der kann sich im Finale auf eine wahre Gore-Orgie freuen.
Inspiration für seine Prämisse bezieht der Film dabei fraglos von Matrix, wenn Menschen auch hier wie Batterien als Nutzprodukt dienen. Eine Ressourcenkritik gibt es gleich noch obendrauf. Was passiert, wenn man ebenjene Ressourcen auslaugt? Wenn der Mensch kein Wasser mehr hat oder die Meere leer gefischt werden? Daybreakers will diese Fragen nicht beantworten - und wie stünde es ihm auch zu? -, aber wie ein guter Science-Fiction-Film präsentiert es dem Zuschauer ein Szenario, das Ähnlichkeiten besitzt mit dessen eigener Realität. Es geht hierbei um Verantwortung, nicht die für seine Ressourcen, sondern auch für sich selbst, für die eigene Menschlichkeit. Und was passiert, wenn man sich dieser Verantwortung nicht stellt, beschwören die Spierigs in unterschiedlichen kleinen Episoden herauf.
Das Thema verlangt, dass sich die meiste Handlung nachts oder in beleuchteten Räumen abspielt. Dies bringt mit sich, dass nicht nur die Personen/Vampire, sondern auch die Stadt als solche blass und kränklich erscheint. Wie gekonnt die Brüder mit dem Licht-Problem spielen, zeigt sich in einer Verfolgungsjagd mit Edwards abgedunkeltem Wagen, dessen Einschusslöcher und das durch diese strömende Tageslicht mit Händen und Stofffetzen abgedeckt werden müssen. Löblich auch, dass man sich nicht davor scheute, bisweilen auch drastische Charakterentscheidungen zu treffen. Absehbar jedoch, dass sich dieser Positivismus nicht durch den ganzen Film hindurch zieht. Die finale Lösung des Problems wie auch das Finale - plus Schlusseinstellung - selbst wirken reichlich unausgereift. In Anbetracht der Umstände und des Genres sind es jedoch verzeihliche beziehungsweise nicht allzu schwer wiegende Mängel.
Es mag Ironie sein, dass auch Daybreakers einen Vampir namens Edward einführt, der sich in eine menschliche Protagonistin verliebt, ob Ethan Hawke ähnliche Euphoriestürme auslöst wie sein Kollege Pattinson darf aber bezweifelt werden. Hawke spielt die mit seiner Gesellschaft hadernde Figur gekonnt runter und wird dabei von den alteingesessenen Neill und Dafoe, die ausreichend, aber nicht mehr als nötig bieten, unterstützt. Grundsätzlich hätten alle Figuren gut daran getan, wenn man ihnen noch mehr Profil verliehen hätte. Exemplarisch an Neills Bromley, der vielversprechend beginnt, dessen Innenleben ab einem gewissen Zeitpunkt dann jedoch dem Tempo der Geschichte geopfert wird. Nichtsdestotrotz ist den Spierigs mit Daybreakers ein gefälliger Hybrid gelungen, der einerseits die Vampirfilm-Schiene befährt, aber zugleich auch frischer daherkommt, als seine Genrekollegen.