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Die Welt ist groß und Rettung lauert überall

(Svetat e golyam i spasenie debne otvsyakade, 2008)

Dt.Start: 01. Oktober 2009 Premiere: 14. März 2008 (Festival, Bulgarien)
FSK: ab 6 Genre: Drama
Länge: 111 min Land: Bulgarien, Deutschland, Slovenien, Ungarn
Darsteller: Miki Manojlovic (Bai Dan), Carlo Ljubek (Alex), Hristo Mutafchiev (Vasko), Ana Papadopulu (Yana), Lyudmila Cheshmedzhieva (Baba Sladka), Vasil Vasilev-Zueka (Ivo Chikagoto), Dorka Gryllus (Maria)
Regie: Stephan Komandarev
Drehbuch: Yurii Dachev, Stephan Komandarev


Inhalt

Alexandar überlebt einen Autounfall in Deutschland, bei dem seine Eltern sterben. Sein Großvater, der bulgarische Backgammonspieler Bai Dan macht sich nach der schlimmen Nachricht sofort auf den weiten Weg in das Krankenhaus, doch durch eine starke Amnesie kann sich Alex weder an ihn, noch an sonstige Details seines Lebens erinnern. In seiner Jugend war Alex mit seinen Eltern aus dem kommunistisch regierten Bulgarien geflohen, nun überredet ihn Bai Dan zu einer Reise zurück in die frühere Heimat - mit einem Tandem.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 60%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Die Welt ist groß und Rettung lauert überall hat eine Wertung von 60%
Der Sozialismus im Bulgarien der 1980er Jahre glich einer Tyrannei. Andersdenkende oder Regimekritiker wollte die Führung des Landes, das fest in Kommunistenhand war, nicht tolerieren. Die Geheimpolizei war stets unterwegs, um kritische Äußerungen aus der Bevölkerung aufzuschnappen und manchmal verschwand jemand für etliche Jahre im Gefängnis. Wer es nicht aushielt, musste fliehen. So die Eltern des kleinen Alex. Zwei Jahrzehnte später leben alle in Deutschland, bis ein tragischer Unfall Opfer fordert. Schrullig-herzlicher Film, der mit poetischem Charme aufwartet, aber erzählerisch nicht voll punktet.

Bild aus Die Welt ist groß und Rettung lauert überall Bai Dan (Miki Manojlovic) saß einige Jahre im kommunistischen Bulgarien im Gefängnis. Politisch aktiv ist er jetzt nicht mehr. Eigentlich hält er sich sogar aus allem raus und verdient seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung und dem Verkauf von Backgammon-Brettern und Fahrrädern. In seinem Keller betreibt er eigens dafür eine kleine "illegale" Werkstatt. Backgammon ist für ihn aber noch viel mehr: Nicht nur ein Spiel, sondern das Spiegelbild des Lebens. Wie die Würfel fallen, hat für ihn nichts mit Glück gemein. Schließlich hat man sie in der Hand; man kann sie schnippen, ihnen das richtige Effet und den korrekten Spin verleihen, damit sie so fallen, wie man sich das vorstellt. Sein Schicksal bestimmt man in seinen Augen immer selber. Das ist ein Teil von Bai Dans Lebensmaxime. Im Backgammon-Spiel hat er es jedenfalls zu großer Meisterschaft gebracht. Und sein Enkel Alex wird ebenfalls in dieser Kunst unterwiesen.

Dieser "mythologisch-familiäre" Unterbau wird aber erst später geliefert. Der Einstieg in die Handlung ist durchaus holprig und beginnt mit einem Verkehrsunfall: Drei Personen sitzen in einem Auto, fahren auf einer deutschen Autobahn; vorne ein älteres Paar, hinten ein jüngerer Mann, nicht älter als 30. Plötzlich kommt der Wagen von der Fahrbahn ab und überschlägt sich. Nur einer überlebt: der Jüngere, der hinten saß. Im Krankenhaus kommt er zu sich, kann sich aber an nichts mehr erinnern, was vor dem Unfall war. Nicht einmal an seinen eigenen Namen: Totalamnesie lautet die Diagnose. Einige Zeit später taucht ein alter kauziger Mann auf, behauptet er würde ihn kennen - gibt an, er wäre sein Großvater und dass er ihm helfen möchte.

Auch wenn der Erwachsene Alex (Carlo Ljubek) sich an rein gar nichts erinnert, beginnt er allmählich Vertrauen zum Alten zu fassen. Vielleicht, da er die einzige Bezugperson ist; sonst kommt ihn ohnehin niemand besuchen. Und beide sprechen Bulgarisch. Bai Dan überredet den lethargischen Alex, der sich nach seinem Gedächtnisverlust beinahe selber aufgegeben hat, die Klinik zu verlassen und mit ihm zurück in seine Heimat zu Reisen. Für die Fahrt hat er ein etwas unkonventionelles Beförderungsmittel organisiert: Ein Tandem. Die Reise nach Bulgarien, wird gleichsam zu einer Reise in Alex' inneren Kosmos und natürlich zurück zu seinen Ursprüngen. Durch viele Länder radeln die beiden, fahren durch wunderschöne Landschaften, machen interessante Begegnungen und durchleben auch manch eine bedrohliche Situation. Stets begleitet sie dabei die Weisheit des schrulligen Backgammon-Philosophen, der nur äußerlich alt ist. Unter der faltigen Haut schlummert ein wacher und reger Geist - lebendiger als der manch eines jungen Mannes.

Auf zwei Zeitachsen spielt die Handlung von Die Welt ist groß und Rettung lauert überall, die sich langsam virtuell annähern. Einerseits erfährt man etwas über die Hintergründe und Motive der Flucht von Alex' Eltern. Eine Flucht, die sie zunächst in ein italienisches Auffanglager bringt, in welches politische Flüchtlinge nahezu verbrechergleich interniert werden. Dort verbleiben viele Familien jahrelang, darauf hoffend, eines Tages in ein Land auszureisen, das ihnen Asyl gewährt. In diesen Momenten hat der Film viel von einem schwermütigen Sozial- und Migrationsdrama. Die andere Storyline, die Reise von Großvater und Enkel, hingegen besticht durch eine lyrisch-poetische Leichtigkeit und greifbare Herzenswärme. Die ständigen Wechsel aber vermitteln den Eindruck, gleich zwei Filme zu sehen, die bruchstückhaft ineinander montiert wurden und sich gegenseitig ausbremsen.

Der Film basiert auf einer Literaturvorlage, deren zentrales Thema Migration ist. Der Autor Ilija Trojanow, der wie seine Protagonisten in Bulgarien geboren und nach Deutschland emigriert ist, verfasste seinen Roman in deutscher Sprache. Er erzählt mit viel Humor und Wärme eine dramatische Familiengeschichte mit autobiografischen Zügen, die sich über zweieinhalb Jahrzehnte erstreckt und durch halb Europa führt. Bei der Umsetzung im Film blieb dies jedoch nur unvollkommen erhalten: Die Figur des anarchisch-philosophischen Großvaters, der allem Unbill im Leben mit Allegorien und Metaphern aus seiner mystischen Backgammonwelt begegnet und trotzdem über enorm viel Bodenhaftung und Authentizität verfügt, ist einfach großartig. Die allgemeine Erzählstruktur des Films aber leider recht verworren.

Neben seinen grundsätzlich problematischen Handlungs-Zeitsprüngen verlangt Die Welt ist groß und Rettung lauert überall auch ein gewisses Maß an politischer Kenntnis der jüngeren Vergangenheit des ehemaligen Ostblocks. Der Film funktioniert zwar auch so, doch ohne Hintergrundwissen erschließt sich die Dynamik der Erzählung nicht ganz. Besonders für die Jüngeren, welche die Existenz eines Ostblocks nur aus Geschichtsbüchern kennen, könnte es schwierig werden. Und auch die Komponente der Backgammon-Mystik wird reichlich strapaziert - besonders zum Ende hin. Sympathisch und mit Charme ausgestattet ist der Film dennoch. Und es bleiben genug poetische Augenblicke und eine greifbare Echtheit der Charaktere, dass man ihm durchaus einiges abgewinnen könnte.



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