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Kennt man einen Tierfilm, kennt man alle, wäre leicht boshaft zu behaupten. Der Neureiz dieser Dokumentationen und der dargebotenen Bilder ist nun mal nicht unendlich. Und neue wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen ihre Zeit. Deshalb hatten alle vergangenen Jahrzehnte ihre hervorstechenden Naturfilmer. Nur weil man meint, es wäre nun wieder an der Zeit noch eine Tierdokumentation zu drehen, bedeutet es noch lange nicht, man hätte wirklich was zu erzählen. Die Geschichte der kleinen Meeresschildkröte in Tortuga hätte man sich auf jeden Fall getrost schenken können.
Das Rezept für einen gelungenen Tierfilm ist im Prinzip nicht schwer: ästhetische Naturbilder, versehen mit einem gewissen Neureiz, kombiniert mit authentischen Hautnah-Aufnahmen, der tierischen Protagonisten und gekrönt mit gut strukturierten sowie wissenschaftlich sorgsam recherchierten Informationen. Leider brilliert Tortuga kaum in einer der Kategorien und erreicht überhaupt nur selten durchschnittliches Niveau. Im Mittelpunkt des Films steht die Reise der frisch geschlüpften Unechten Karettschildkröte (so heißt die wirklich). Schildkröten sind luftatmende Reptilien, die schon vor den Dinosauriern auf diesem Planeten existierten. Die Unechten Karettschildkröten sind in tropischen und subtropischen Gewässern auf dem gesamten Globus beheimatet. Sie gehören zu den meistverbreiteten Meeresschildkröten und legen auf ihren Wanderungen längste Strecken zurück; einige überqueren sogar Atlantik und Pazifik.
Unsere kleine Protagonistin schlüpft an einem Strand in Florida aus ihrem Ei. Schnell muss sie das Wasser erreichen, denn in diesen ersten Minuten ist sie am verwundbarsten. Überall im Sand und aus der Luft lauert der Tod. Für viele andere Tiere stellen die frisch geschlüpften Zwerge einen leckeren Imbiss dar. Nur wenige werden an diesem Tag heil das Meer erreichen und noch viel weniger eines Tages, als ausgewachsene Tiere, an ihren Geburtsstrand zurückkehren, um ihrerseits Eier abzulegen. Von 10.000 Jungtieren überlebt nur eines. Zunächst müssen alle auf eine lange und gefährliche Reise quer durch die Ozeane, auf einer Route, die ihre Vorfahren schon seit über 200 Millionen Jahren nutzen.
So macht sich also die kleine Meeresschildkröte auf und folgt dem Golfstrom in Richtung Antarktis. Quer durch den gesamten Nordatlantik muss sie, bis an die Küste Afrikas, um dann wieder zurückzukehren. Diese Odyssee dauert ein Vierteljahrhundert. Wenn sie an ihren Geburtsort zurückkehrt, wird sie ausgewachsen, mehr als einen Meter lang und über 350 kg schwer sein. Bis dahin gibt es reichlich Gefahren zu überstehen. Wird die junge Meeresschildkröte diesen trotzen und den äonenalten Kreislauf ihrer Vorfahren fortsetzen können?
Klingt ein wenig wie eine Pseudofabel und genauso präsentiert sich Tortuga. Umso länger der Film andauert, desto mehr verstärkt sich auch der Eindruck durch den Off-Kommentar: Die renommierte Schauspielerin Hannelore Elsner, die als Sprecherin für den Film gewonnen wurde, verfügt zwar über eine wunderschöne sonore Altstimme, die für das Einsprechen von Hörbüchern bestens geeignet ist; in Kombination mit den menschlichen Charakteristika, die im Text auf das Tier projiziert werden, macht diese aber endgültig aus dem Film eine Märchenstunde.
In der heutigen Zeit blickt die Tierdokumentation auf eine große Tradition zurück: Bernard Grzimek hatte die Serengeti, Heinz Sielmann war auf der ganzen Welt unterwegs und Hans Haas sowie Jacques Cousteau gehörten die Ozeane. Sie alle trugen ihren Teil dazu bei, unser Bild vom tierischen Leben auf den Kontinenten und in den Tiefen der Meere zu erweitern. Seit Disneys Lustige Welt der Tiere war ein Tierfilm aber nicht mehr so unsachlich vermenschlichend, wie Tortuga. Der äußere Stil mag sich an einer jüngeren Zielgruppe orientieren, aber dann ist es umso schlimmer, den Tieren diese menschlichen Emotionen anzuheften und Kinder mit solchem Kitsch zu berieseln.
Meeresschildkröten, die Freundschaften mit Blauhaien schließen und Krebse aus Rache verspeisen, sind des Guten einfach zuviel und vielleicht in einem Klamauk-Animationsfilm erträglich, aber eben nicht in einer Dokumentation mit ernst gemeintem Wissensvermittlungs-Anspruch. Ein gewisser ökologisch-moralischer Appellativ ist Tortuga zwar nicht ganz abzusprechen, vieles wird aber nur kurz angedeutet und nicht hinreichend erklärt: Man erfährt beispielsweise, dass viele Meeresschildkröten an Plastiktüten, die im Wasser treiben, ersticken, aber nicht, dass dies passiert, da die Tiere die Plastiktüten mit Quallen verwechseln, die auf ihrem Speiseplan stehen. Erwähnt wird gleichfalls, dass Meeresschildkröten, wenn sie in eine Kaltwasser-Strömung gelangen, langsamer schwimmen; vergessen wird aber zu erwähnen, dass dies daran liegt, dass sie als Reptilien wechselwarm sind und ihre Körper immer nur so warm, wie die Umgebung sind.
Fahrlässig recherchiert wurde obendrein: So wird die Tauchtiefe von Pottwalen mal eben auf über 3.000 Meter gelegt. Die größte jemals bei einem Pottwal gemessene Tauchtiefe betrug aber gerade mal 2.250 Meter. Und die durchschnittlich erreichten Tiefen liegen in aller Regel zwischen 300 und 1200 Meter. Wenigstens hier hätte man sauber recherchieren können. Ein paar nette Bilder bleiben zwar, doch auch diese Aufnahmen können sich nicht immer dem Eindruck erwehren, gestellt worden zu sein. Langer Rede, kurzer Sinn: Jeder Tierfilm, oben erwähnter Pioniere, ist allemal sehenswerter, selbst wenn er einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat. |