Videodrome ist eines der Meisterstücke des kanadischen Kultregisseurs David Cronenberg. Bodyhorror wird hier auf den Punkt genau definiert und verlangt dem Zuschauer einiges ab. Ein intelligenter, medienkritischer Psycho-Horrorstreifen, mit betagten, aber immer noch faszinierenden Effekten und jeder Menge absurder Ideen. Mehr Cronenberg geht nicht in einen Film.
Lange bevor in Ring Dinge aus Fernsehern kletterten, zeigte David Cronenberg (Die Unzertrennlichen) dem Zuschauer schon, wozu Röhrenfernseher im Stande sein können. In Videodrome verschwimmen einmal mehr die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Ein Alptraum wird psychisch und physisch spürbar. Wahnsinn wird zu Fleisch und der Bildschirm, wie im Film erwähnt, die zweite Netzhaut.
Die Manipulation durch Fernsehen hat längst stattgefunden. Wenn auch nicht in dem Maße, wie in Videodrome. Als Aufhänger für die Geschichte rund um die biologisch manipulative Wirkung eines Fernsehsignals, werden vor allem die Sensationsgier und der natürliche, abscheuliche Voyeurismus der Menschen thematisiert. Sex sells, Gewalt erst recht und so ist Senderchef Max Renn auf der Suche nach einem neuen Format, welches den Zuschauer auf innovative Weise fordert und anzieht. In Videodrome wird er fündig, denn diese Videos zeigen Torture Porn vom feinsten und darin sieht Renn die Zukunft. Tatsächlich war diese Prognose von 1983 nicht all zu realitätsfern. Zwar gab es auch seinerzeit ein riesiges Sortiment an Gewalttätigkeiten zu sehen, doch die damaligen Splatter und Exploitationsfilme erreichten nicht die enorme Massenwirkung und Professionalität, mit der heutzutage Filme wie Hostel, Hostel 2, die Saw-Reihe und Konsorten Millionen von Menschen in die Kinos locken.
Diese Sehnsucht nach Gewalt wurde auch vor Videodrome des öfteren mit mehr oder weniger vordergründig kritischen Blick aufgegriffen. So war es Cannibal Holocaust, einer der berühmtesten Exploitations, genau genommen ein Kannibalenfilm, der seine Gewaltdarstellungen in ein medienkritisches Gewand verpackte und somit einen Anspruch gewann, der diesem Werk nicht nur eine Daseinsberechtigung gab, sondern ihn auch zum Genreklassiker werden lies. Auch der Schwarzenegger-Actioner Running Man zeigte ein gewaltverherrlichendes, sadistisches Fernsehformat als Publikumsliebling und auch A Hole in my Heart wollte dem Zuschauer unter anderem ein Bild medialen Wahnsinns zeigen, indem er eine Art Big Brother mit sadistischem Porno zeigte.
Videodrome hingegen steigert sich von der gelungenen Medienkritik immer mehr zum Psycho-Horror und wandelt sich zu einem spannenden Verwirrspiel mit wahrlich gelungenen Storytwists. James Woods (The Virgin Suicides) überzeugt dabei einmal mehr und hat mit Blondie-Sängerin Deborah Harry (Spun) eine Schauspielerin an seiner Seite, die sexy, mysteriös und unberechenbar zugleich wirkt. Wie bei den meisten Cronenbergproduktionen war auch bei Videodrome kein geringerer als Howard Shore für die Musik zuständig, sodass auch in diesem Bereich alles bestens funktioniert.
Cronenberg schuf mit Videodrome einen der "körperlichsten" Filme aller Zeiten. Die Absurdität der Mutationen konnte er bestenfalls noch mit Naked Lunch übertreffen. Unabhängig von den faszinierenden Effekten, die zwar in Zeiten von digitaler Tricktechnik natürlich veraltet wirken, aber dennoch die Illusion erschaffen können, ist Videodrome ein intelligenter, tiefgründiger Film, der in viele Richtungen interpretiert werden kann und auch interpretiert werden muss. Für Cronenbergfans ist dieses Werk ein Leckerbissen, viele Andere könnte es zu Fans machen.