Vor sechzehn Jahren zeichnete Michael Keaton in My Life - Jeder Augenblick zählt sein Leben für sein Kind auf, da er an einer unheilbaren Krankheit litt. Kurt Kuenne ging einen anderen Weg, als er für das ungeborene Kind eines seiner engsten Freunde ein Video-Photoalbum von seinem Vater erstellen wollte. Was aus nostalgischen Gründen begann, entwickelte sich letztlich jedoch zu einer chronologischen Dokumentation eines der mitreißendsten Fürsorge-Streits der USA. Hochemotionales Kino, das im Grunde nur unter der teils amateurhaften Inszenierung seines Regisseurs leidet.
Andrew Bagby wirkt wie ein netter Kerl. Ein etwas dicklicher dunkelhaariger Mann, mit vollen Wangen aber einem freundlichen Gesicht. "Andy" wollte er nicht genannt werden, dann doch lieber "Bags", eine für amerikanische Verhältnisse nicht ungewöhnliche Abwandlung des Nachnamens. Gerne erklärte sich Bags bereit, für seinen Jugendfreund Kurt in dessen Filmen mitzuspielen. Sei es als Entwickler einer Zeitmaschine oder als Gangster. "One more time", soll Kurt dabei immer gerufen haben nach jeder Einstellung. Noch einmal also sollte die Szene gespielt werden. Etwas, an das sich auch David, Andrews Vater erinnert. Andrew, der untersetzte Mann, der schließlich sein Fachgebiet in der Pädiatrie fand, wurde 2001 tot auf einem Parkplatz in seinem Wohnort aufgefunden. Fünf Schüsse waren auf ihn abgefeuert wurden, darunter zwei in den Kopf. Für Freunde und Familie ein Schock.
Kuenne baut seinen Dokumentarfilm spannungsmäßig durchaus gelungen auf. Er beginnt mit den Erinnerungen, schweift dann hinüber zum Mord. Ein Kollege von Andrew erwähnt, dass er und der Verstorbene eine Leidenschaft fürs Photographieren teilten. Kuenne kannte Bags 22 Jahre und hatte von diesem Hobby keine Ahnung gehabt. "What else didn't I know?", fragte er sich. Sein Projekt mutet zu diesem Zeitpunkt als Sammelsurium an Erinnerungen an. Als mit Andrews Ex-Freundin Shirley Turner eine ziemlich eindeutige Tatverdächtige die Bühne betritt und erklärt, von ihm schwanger zu sein, nimmt die Dokumentation eine neue Rolle ein. Nun soll der Film, der hier erstmals den Titel "Dear Zachary" erhält, eine neue Form an. Ein Manifest von dem Vater für dessen Sohn. Die Stimmen, die Kuenne einholt, sind sehr positiv, aber nicht unglaubwürdig. Stück für Stück verlässt die Aufzeichnung von väterlichen Erinnerungen jedoch wieder das Thema und wendet sich einer neuen Richtung zu.
Mit dem Fall gegen Turner sowie dem Fürsorgestreit zwischen ihr und Andrews Eltern David und Kathleen streift die Dokumentation sowohl kriminologische als auch juristische Aspekte. Kuenne berichtet von Turners Flucht nach Kanada, wo sie gegen Kaution freigelassen werden konnte, von dem Kampf der Großeltern, ihren Enkel zumindest einmal die Woche sehen zu dürfen. Die Bilder sind hier klar in zwei Lager aufgeteilt, was hinsichtlich der Tatsache, dass Turner wohl in der Tat Bagbys Mörderin war, jedoch nicht sonderlich verstört. Kuennes Bilder, wenn auch teilweise verfälschend zusammengeschnitten, bewirken hier das, wofür der Film im Nachhinein stehen wird: ein Kopfschütteln über das amerikanische Justizsystem. Immer wieder wird der Verhandlungstermin wegen Nichtigkeiten und Detailfragen vertagt. Von Februar bis in den November. Dass Turner eigentlich als die eindeutige Täterin gilt, spielt dabei keine Rolle. Die Vereinigten Staaten sind ein bürokratischer Staat und hier muss alles bis aufs Jota genau hin stimmen.
Der Fokus verlagert sich auf den Kummer der beiden Eltern, die gezwungen sind, zum Wohle ihres Enkels, mit der mutmaßlichen Mörderin ihres Sohnes regelmäßig in Kontakt zu stehen und ihre Freizeit zu verbringen. Kuenne fängt den Sorgerechtsstreit sorgfältig ein, sogar schon fast zu ausführlich, sodass er nach einer halben Stunde etwas ermüdend wirkt. Dann folgt jedoch die erneute Kehrtwendung und der Film, der zuvor von Erinnerungen an einen Freund zu Erinnerungen für einen Sohn wurde, wandelt sich zur Dokumentation des Schmerzes und des Kampfes zweier Eltern. Kuenne, enger Freund der Beteiligten, scheint hier noch mehr seine Objektivität aufgegeben zu haben, wie zuvor. Seine dramaturgischen Kniffe schaden hier dem Film. Panisches Geschrei, Rotfärbungen, leicht geschmacklose Bildkompositionen - all dies ist schließlich viel theatralischer als nötig gewesen wäre. Auch der Wutausbruch von Andrews Vater, der zwar ehrlich ist, aber neben Mitleid auch verstört. Dabei sind Kuennes Szenen derart emotional, dass sie einer inszenatorischen Verstärkung gar nicht bedurft hätten.
Nichtsdestotrotz ist Dear Zachary ein mitreißender und gegen Ende auch schonungsloser Film, der einem den Atem verschlägt. Kuenne findet einige sehr gelungene Einstellungen, schafft es aber dann letztlich doch nicht ganz, dem Publikum vier Menschen gleichzeitig näher zu bringen. Manche Menschen seien nur auf der Erde, um den anderen als Beispiel zu dienen, meint eine der Befragten bezüglich David und Kathleen Bagby. Abgesehen von ihrer Liebe zu ihrem Enkel und ihrem Kampf für dessen Vormundschaft erfährt man jedoch nicht viel von den Beiden. Dass die Dokumentation hierbei dreimal die Perspektive wechselt, ist dennoch nur rechtens. Inszenatorisch wäre jedoch weitaus mehr drin gewesen, wenn Kuenne einfach seine Bilder hätte sprechen lassen, anstatt diese noch zu manipulieren. Ansonsten ist Dear Zachary eine hochemotionale Dokumentation, die am Ende verdient zu Tränen rührt. Zum Schluss vermisst man als Zuschauer selbst dann in Andrew einen Menschen, den man zwar nie kennengelernt hat, den man aber jetzt allerdings doch irgendwie kennt. Und somit ist Kuenne eine der bewegendsten Dokumentationen der letzten Jahre gelungen.