Selbst ein Richard Gere kommt in die Jahre, da ihm die Herzen der Frauen nicht mehr so einfach mir-nichts-dir-nichts zufliegen. Der adrette Hollywoodmime bezirzte zwar noch letztes Jahr die ebenfalls positiv gereifte Diane Lane, muss sich aber jetzt, statt amouröser Gefühle, mit tierischer Treue begnügen. Hachiko - Eine wunderbare Freundschaft erzählt die Geschichte eines ergebenen Hundes, der nicht mehr von der Stelle wich, von der er immer zu einer bestimmten Uhrzeit sein Herrchen abgeholt hatte. Die Geschichte hat zwar Potenzial, es wurde aber nicht mal ansatzweise versucht, dies umzusetzen.
Alten Männern und kleinen Jungs sagt man nach, dass sie lieber mit des Menschen besten Freund, dem Hund, herumtollen, als sich mit dem anderen Geschlecht zu befassen. Als dem Universitätsprofessor Parker (Richard Gere) im wahrsten Sinne des Wortes ein Welpe vor die Füße fällt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Der kleine Hund hat zu diesem Zeitpunkt eine lange Reise hinter sich, von einem japanischen Tempel bis zu einem Vorortbahnhof in den USA.
Parker nimmt sich des Welpen eigentlich nur an, um schnellstmöglich den wahren Besitzer ausfindig zu machen. Das gelingt aber nicht. Kosmisches Karma scheint das Fellknäuel zu ihm geführt zu haben, und ebengleiches Schicksal ist es, das Mann und Hund für die kommenden Jahre zusammenschweißt. Trotz allem aber kann man Richard Gere keine Rolle aufs Auge drücken, in der Frauen völlig fehlen: So ist der gutherzige Professor natürlich verheiratet und seine Frau Cate (Joan Allen) alles andere als von der Idee begeistert, den Hund zu behalten. Ganz im Gegensatz zu der fast erwachsenen Tochter Andy (Sarah Roemer). Nach ein paar Familienzwist-Einlagen ist die Sache aber schnell entschieden, und das neue Familienmitglied - von jetzt an Hachi genannt - hat sein Zuhause gefunden.
Zeitsprung: Aus dem putzigen Knuddelball ist inzwischen ein strammer Bursche geworden, und es hat sich herausgestellt, dass es ein ganz besonderer Hund ist: ein japanischer Akita. Wenn die Japaner schon nicht in der Automobilindustrie die absolute Königsklasse erobert haben, waren sie in der Hundezucht erfolgreicher: Die Akita, nach einer Provinz in Japan benannt, gelten als älteste bekannte Hunderasse, deren Vorfahren, in ähnlicher Form, schon vor 5.000 Jahren in Japan beheimatet waren. Die systematische Zucht der Hunde lässt sich bis auf das 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Akita sind vom Wesen her intelligente, ruhige aber eigensinnige und robuste Hunde mit ausgeprägtem Jagd- und Schutztrieb (beides wird im Film kein einziges Mal thematisiert). In einer Familie gut integriert, bleiben sie dennoch von Natur aus Fremden gegenüber misstrauisch; dem Herrn und seiner Familie aber gegenüber loyal und treu ergeben.
Warum so viel Information über den Hund? Ganz einfach: Über den Film gibt es wenig Interessantes zu berichten: Hachi wächst auf und ist seinem Alphamenschen, dem Professor, derart treu ergeben, dass er ihm überall hin folgt - nicht einmal zur Arbeit möchte er ihn alleine gehen lassen. Irgendwie gelingt es Parker, Hachi zu "überreden", ihn zwar morgens bis zum Bahnhof zu bringen, dann aber wieder nach Hause zu laufen. Womit Parker nicht rechnete, ist, dass der Hund ihn fortan abends auch stets von Bahnhof abholen wird. Ein gutes Arrangement für beide - eine Zeitlang zumindest. Eines Tages kehrt Parker aber von der Arbeit nicht mehr nach Hause zurück. Hachi wartet vergebens, wird am nächsten Tag wieder warten; und am nächsten; und am Tag darauf; und noch viele, viele Tage. Sein Herr wird aber nie mehr nach Hause kommen.
Sabuware lautet die ursprünglich chinesische Bezeichnung für: Über jemanden Wachen, oder für jemanden Wache halten. In Japan entstand später das Wort Samurai daraus und bezeichnet die Elitekämpfer des Kriegeradels. Gefolgsmänner, die ihrem Herrn loyal bis in den Tod waren. Die Rasse der Akita scheint genau auf dieses Merkmal der bedingungslosen Treue hin gezüchtet worden zu sein. So erfreuten sie sich bei den Shogunen (Militärfürsten im feudalen Japan) größter Beliebtheit. Und im Wesen ist das alles wovon Hachiko - Eine wunderbare Freundschaft erzählt: von der bedingungslosen Treue eines Hundes zu seinem Herrn.
In Japan ist dieser Hund eine echte Berühmtheit. Seine Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit zwischen den 1920er und- 30er Jahre zurück: Dort holte jeden Tag, immer zur gleichen Zeit, ein Akita sein Herrchen, einen Universitätsdozenten, vom Bahnhof ab. Als dieser eines Tages nicht mehr von der Arbeit zurückkehrte, wartete sein Hund fortan jeden Tag an derselben Stelle, wie er es immer getan hatte - beinahe zehn Jahre lang. Die Japaner waren von dieser unerschütterlichen Treue derart berührt, dass sie dem Hund zu Ehren eine Bronzestatue auf dem Bahnhofsvorplatz errichteten. Es folgten mehrere Kinderbücher und 1987 die erste Verfilmung namens Hachi-Ko - Ein Hundeleben.
Jetzt hat sich Hollywood des Themas angenommen. Und im Prinzip ist mit Lasse Hallström (Gottes Werk und Teufels Beitrag) am Regieruder jemand, der eigentlich ein Händchen für sensibel erzählte Geschichten hat. Mit dem erklärten Buddhisten Richard Gere, nicht nur als menschlicher Hauptdarsteller sondern auch in der Produzentenrolle, erklären sich möglicherweise solch Ethnomanierismen, wie die nebulöse Herkunft des Hundes aus einem japanischen Tempel (zumindest bleibt man aber von Reinkarnations-Plattitüden verschont). Doch der Film bleibt blass und belanglos. Von Beginn bis zum schluchzigen Finale gibt es nur ein Thema: bedingungslose Ergebenheit und Treue. Hin und wieder taucht zwar der japanische Kollege (Cary-Hiroyuki Tagawa) des Professors auf und streut die Saat asiatischer Weisheiten wie ranzige Rosinen in einen faden Kuchenteig; der Versuch aber damit dem Ganzen einen pseudophilosophischen Unterbau zu verpassen, ist verschwendet.
Da fragt man sich, wieso es in anderthalb Stunden nicht möglich war, ein paar Szenen hineinzuschreiben, in denen die loyale Hundeseele beweisen dürfte, wie es um ihren Beschützerinstinkt und ihre Treue bestellt ist. Kitsch hin, Kitsch her: In jedem Lassiefilm der 50er ging das. Sicherlich bot das unwirtliche schottische Hochland noch weitaus mehr Gefahren, als ein verschlafenes Vorstadtkaff in den USA der 90er, aber einfallslos bleibt das trotzdem; es hätten ja auch nicht gleich eine Schar Wölfe sein müssen, gegen die Hachi seinen Herrn verteidigt (wobei es auch hier eine Reihe Beispiele gibt, bei denen solche Motive gut und anrührend in eine Geschichte integriert wurden).
Tipp: Wer wirklich ein paar Tränen über die Treue eines Hundes zu seinem Herrn verdrücken möchte, dem sei die alte Verfilmung von Odysseus mit Kirk Douglas ans Herz gelegt.