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Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte

(Capitalism: A Love Story, 2009)

Dt.Start: 12. November 2009 Premiere: 06. September 2009 (Venice Film Festival, Italien)
FSK: ab 6 Genre: Dokumentation
Länge: 120 min Land: USA
Darsteller: Michael Moore, George W. Bush, Jimmy Carter, John McCain, Barack Obama, Sarah Palin, Ronald Reagan, Arnold Schwarzenegger
Regie: Michael Moore
Drehbuch: Michael Moore


Inhalt

Die USA im Jahre 2008. Der Untergang von Banken und dramatische Pleiten in der Immobilienbranche führen zu einem Dominoeffekt, der in die schlimmste Wirtschafts- und Finanzkrise seit Jahrzehnten mündet und das kapitalistische System der westlichen Welt in seinen Grundfesten erschüttert. Filmemacher Michael Moore macht sich auf die Suche nach Ursachen und Auswirkungen und trifft dabei unter anderem auf hilflose Senatoren, einen Pilot, der im Nebenjob kellnern muss, und Waisen, die von der Lebensversicherung ihrer verstorbenen Mutter keinen Cent zu sehen bekommen, weil die Firma diese abgeschlossen und kassiert hat..
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Kritik

Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte hat eine Wertung von 90%
Augenöffnender wie erschütternder Film über die Mechanismen des US-Finanzwesens, das sich ungeniert beim Volk bedient und nur den Reichsten der Reichen in die Taschen wirtschaftet. Der Film könnte streckenweise wie eine wirre Verschwörungstheorie auf den Zuschauer wirken, würde Michael Moore nicht wieder jede einzelne seiner Behauptungen publikumswirksam unterlegen.

Bild aus Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte Fragt man mündige Bürger auf der Straße, in was für einem politischen System wir leben, lautet die Antwort natürlich Demokratie. Dies gilt insbesondere für die USA, Heimat des Dokumentarfilmers Michael Moore, denn gerade die Amerikaner zeigen ja gern einen patriotischen Stolz gegenüber ihrem Land und all den Freiheiten, die ihnen die Demokratie dort lässt. Alles wäre ganz prima, wenn nicht noch der galoppierende Kapitalismus als Wirtschaftsbasis hinzukommen würde.

Denn das heutige Amerika sieht ein wenig anders aus, als die Grundsätze der Demokratie, sowie die Vorteile des Kapitalismus grundsätzlich versprechen: Das oberste Prozent der US-Bevölkerung besitzt mehr als die untersten 95 Prozent zusammengenommen. Ein signifikanter Prozentsatz der US-Bürger ist nicht krankenversichert. Menschen werden aus ihren Häusern geschmissen, weil sie eine Hypothek aufgenommen hatten und diese nicht mehr abzahlen konnten (weil die Zinsen nachträglich hochgeschraubt wurden, nicht, weil sie kein Geld mehr hatten). Rein faktisch mag all dies zwar immer noch als Demokratie durchgehen und ist natürlich Kapitalismus in Reinkultur, aber wenn man genau hinsieht, zeigt die USA starke Züge einer Plutokratie.

Nun darf man, gerade in Deutschland, nicht leichtfertig mit Begriffen wie der Plutokratie um sich werfen (der Begriff wurde im Dritten Reich für Propagandazwecke missbraucht), doch im Kern der Sache muss man zwangsweise zu dem Schluss kommen, dass in den USA die Reichen das Sagen haben und dem Rest der Bevölkerung als letzte Möglichkeit der Einflussnahme nur noch das Stimmrecht geblieben ist. Dass dieses Stimmrecht ein Problem für die Reichen werden könnte, ist einem Rundschreiben der Citibank zu entnehmen, das Moore natürlich bereitwillig aufgreift.

Michael Moore, durch seine Filme mittlerweile selbst mehrfacher Millionär geworden, beleuchtet den Status Quo jedoch aus der Sicht der Bevölkerung. Wie es für ihn typisch ist, lässt er sich selbst filmen, wie er volksnah Interviews führt, Schicksale einfängt, den richtigen Leuten die richtigen, meist unbequemen Fragen stellt. Er zimmert konsequent ein Abbild der Realität, das seinen Filmzwecken dient, von Neutralität konnte bei Moore ja noch nie die Rede sein.

Doch das macht nichts. Denn Moore bezieht auf dieselbe Weise Position, wie es die Finanzhaie mit ihren Produkten und Werbebotschaften machen, nur eben nicht versteckt, sondern offen und erfrischend direkt. Beide Seiten sind Demagogen. Diesmal schürt Moore selbst nur sehr geringfügig die Meinung des Publikums, er lässt Fakten und Interviewpartner deutlicher für sich sprechen, was stark an Let's make MONEY erinnert.

Die Handlung des Films ist im Grunde nicht so wichtig wie die Empfehlung, sich im Kino unbedingt selbst ein Bild der Lage zu machen. Moore beginnt mit einer Dokumentation über das alte Rom und wie das Imperium schließlich zu Fall kam. Er zeigt Parallelen zur amerikanischen Gegenwart auf und begleitet daraufhin eine Familie, die aus ihrem Haus geworfen wird, Piloten, die kaum Geld verdienen und bringt andere Beispiele, die die ethische Zersetzung der Gegenwart aufzeigen. Dann beleuchtet der Filmemacher, wie die Architekten dieses Systems es nach und nach geschafft haben, die Kluft zwischen Oberklasse und Rest absichtlich zu weiten, um sich jetzt nicht nur im meist unerreichbaren Reichtum zu suhlen, sondern dabei auch noch als Vorbilder zu gelten. Auch die wenigen Whistleblower, am ehesten noch mit "Skandalaufdecker" zu übersetzen, finden ihren Platz in Moores Film. Wie so oft verfolgt der Regisseur keine eindeutige Linie, der Film wirkt vielmehr wie der Gesprächsverlauf bei einer hitzigen Diskussion unter Freunden bei einem guten Abendessen.

Nun ist die Wirtschaftslage der USA nicht unbedingt unsere Sache, mag jeder denken, der nicht von Lehman-Zertifikaten oder anderen Derivaten betroffen ist. Wir haben ja ein besseres Krankenversicherungssystem, unsere Banken können nicht dasselbe Schindluder treiben, und ganz so leicht wird man wohl auch nicht aus seinem Haus getrickst. Doch das täuscht. Denn wenn man genau hinsieht, wird man feststellen, dass sich unsere Gesellschaft langsam, aber doch merklich, zu einer deregulierten Marktwirtschaft ähnlich der Amerikanischen wandelt. Allein die Privatisierungswelle der letzten Jahre hierzulande zeugt davon. Daher kann guten Gewissens behauptet werden, dass diese Thematik jeden etwas angeht.

von Julian Reischl


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