Augenscheinlich weniger könnten zwei Menschen nicht zueinander passen. Sie ist attraktiv, kreativ und lebenslustig. Er, ein freakiger Sonderling, der mit Menschen und Gefühlen nicht umzugehen weiß. Warum sie sich ausgerechnet in ihn verliebt, ist die große Frage, welche die Regisseurin Almut Getto dem verdutzten Zuschauer schuldig bleibt. Zwangsläufig muss sich also mit "Love Happens" zufrieden gegeben werden. Glücklicherweise bietet aber der Film durch seinen schrägen Witz noch einiges an Überraschungsmomenten und wird damit streckenweise punkten können.
Es braucht nur Minuten, und man ist sich absolut sicher: Der Typ hat eine Vollmeise! Für den Zuschauer muss das nicht zwangläufig eine schlechte Nachricht sein. Schon oft galt "je bekloppter, desto besser". Man muss natürlich schon Fan skurriler und besonders schräger Absonderlinge sein; eine kurze Erinnerung an Filme wie Besser Geht's Nicht aber reicht aus, um einige sehr vergnügliche Augenblicke vor seinem inneren Auge Revue passieren zu lassen - da kann man sich zurücklehnen und die Show genießen.
Nun tritt bei Ganz Nah Bei Dir kein Jack Nicholson in Szene, aber gewisse Handlungsähnlichkeiten bahnen sich schon ihren Weg in die Geschichte: Das Leben (sofern überhaupt davon gesprochen werden kann) des sonderbaren Phillips (Bastian Trost) ist eine auf den Sekundentakt penibelst durchorganisierte Routine. Jeder Tag läuft exakt nach identischem Schema ab: Der Wecker klingelt immer zur gleichen Zeit, synchron dazu meldet seine Hi-Tech-Bügelmaschine, dass die Betriebstemperatur erreicht ist und glättet Phillips Hemd passgenau getimt; dann Zähneputzen, Anziehen und ab zum Job. Phillip arbeitet bei der Zentralbank und ist Experte für "Blüten". Er sieht jeder gefälschten Banknote sofort an, wo sie herstammt und mit welcher Technik sie produziert wurde.
Außer der Arbeit besitzt sein Leben aber wenig Inhalt und so lässt er sich auch des Öfteren zu der einen oder anderen Überstunde "überreden". In seinem puristischen Dasein existieren ohnehin nur zwei Wesen, zu denen er etwas wie eine Freundschaft unterhält: Da ist einerseits sein "Mitbewohner" Paul, eine Schildkröte, und sein menschlicher bester Freund Aaron (Andreas Patton), der merkwürdigerweise als Psychologe gleichzeitig den Psychotherapeuten für Phillip macht (Freunde und Verwandte sind eigentlich tabu). Nach den Therapiesitzungen gehen beide in Aarons Hobbykeller, um an Modellflugzeugen zu basteln, während Aarons Frau sich munter anderweitig verlustiert. Etwas plakativ wirkt an dieser Stelle schon, dass der beste Freund und Therapeut selber ein ausgesprochener Nerd ist, aber vielleicht kommt ein Irrer selten allein.
Phillip hat aber noch ein anderes Hobby: die Pantomime. Seit ewigen Zeiten träumt er davon, selber mal auf der Bühne zu stehen und seine Show dem Publikum darzubieten; getraut aber hat er sich das bisher nicht. Und so wäre dies alles vermutlich Tag um Tag und Jahr um Jahr genauso weitergegangen, wenn er nicht der blinden Cellistin Lina (Katharina Schüttler) eines Tages begegnet wäre. Zunächst sieht es aber nicht zwangsläufig nach einer Romanze aus. Vor allem scheint Lina gleich zu spüren, dass mit Phillip etwas nicht stimmen kann. Doch Amor konnte übermotiviert seine Pfeile nicht zurückhalten (oder er hat einfach falsch gezielt) und alles nimmt seinen tragikomischen Verlauf.
Wirklich plausibel muss das nicht erscheinen. Lina ist jung, attraktiv, intelligent, hat viel Charme und ist sehr gewitzt. Die Männer müssten Schlange stehen. Phillip alles andere als das: Er ist freakig, hat jede Menge Zwangsstörungen, lebt wie ein Spartaner, ist fast gar nicht in der Lage zwischenmenschliche Bindungen aufzubauen; ganz im Gegenteil, er verletzt sogar immer wieder Menschen mit seinem bizarren Verhalten. Medizinisch würde solch eine Person irgendwo im "Autistischen" angesiedelt werden. Doch auch das vermag es nicht ganz zu erklären: Manchmal verletzt Phillip mit Absicht. Rhetorisch ist er voll auf der Höhe und kann, wenn er will, ganz gezielt boshaft sein. Die Gefühle anderer scheinen ihn dabei einfach kalt zu lassen. Er ist regelrecht gefühlsblind. Lina hingegen warmherzig und liebvoll. Dass sie physisch blind ist, liefert in keiner Weise genug Erklärung, dass sie sich auf Phillip einlässt. Es mag zwar heißen, dass man nur mit dem Herzen und nicht mit den Augen richtig sieht, aber Phillip ist niemand, bei dem das irgendwie hilfreich sein könnte.
Einen ganz eigentümlichen Witz entwickelt Ganz Nah Bei Dir aber anfänglich schon. Es ist zwar zum Teil Freakshow und zum Teil halbmakaberes ungläubiges Bestaunen diverser absonderlicher Ticks, doch Potenzial hat die Geschichte. Im Verlauf nutzt sich dieser Neureiz des Bizarren aber deutlich ab und dem Plot geht allmählich, doch spürbar, die Puste aus. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass dem Charakter Phillips überhaupt kein Unterbau verpasst wurde: Warum er ist, wie er ist, wird zu keiner Zeit erläutert. Es gibt nicht einmal Fingerzeige und es entsteht beim Zuschauer einfach nur Rätselraten oder schlichtweg Fremdschämen, wenn Phillip immer wieder aufs Neue Chancen von Lina bekommt und sie versemmelt. Da sind der Kauf von Sonnenbrillen im Partnerlook oder eine pantomimische Impro (wovon ein blinder Mensch unheimliche viel hat), nur kleine Ausschnitte, aus dem was Phillip in seinem wirren Oberstübchen als charmante Geste ansieht.
Sechs Jahre spannte die Regisseurin Almut Getto nach ihrem vielbeachteten und gelobten Erstling Fickende Fische den Zuschauer auf die Folter. In ihrem aktuellen Film liefert sie eine ebenso schräge wie tragisch-komische Romanze ab, die durchaus mit Witz aufwartet und sich dabei zwischen lakonischer Grundstimmung und halbhartem Zynismus bewegt. So reizvoll extrem polare Liebesgeschichten sein können und so sehr sich extreme Gegensätze anziehen mögen, mangelt es aber Ganz Nah Bei Dir einfach zu sehr an Plausibilität. Kommt man ohne das aus, könnte es aber für einen netten Kinoabend reichen.