Drei verlorene Menschen auf einer Reise zu sich selber. Zwei Halbwüchsige, die sich als Persönlichkeiten noch zu finden haben und ein Älterer, der die Chancen, die ihm das Leben geboten hat, nicht immer zu schätzen wusste. Gemeinsam reisen sie in einem Chevy, der ähnlich klapprig wie ihre Innenleben anmutet. Ein richtiges Ziel hat nur einer von ihnen, aber auch die große Angst, zu spät für die zweite Chance im Leben dran zu sein. Ein gefühlvoll inszeniertes Roadmovie, das mit hypnotischen Bildern bezaubert, ohne die Bodenhaftung zu verlieren.
Brett Hanson (William Hurt) ist der typische Stranger, der in einem verschlafenen Kaff in Luisiana strandet. Gerade nach sechs Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen, befindet er sich auf einer Reise ins Irgendwo oder Nirgendwo. Wenig später kreuzen die Teenagerin Martine (Kristen Stewart) und der kaum ältere Gordy (Eddie Redmayne), der sie hoffnungslos vertrottelt umbalzt, seinen Weg. Symbolbehaftet wollen alle drei über den Fluss setzen und weg aus dieser Stadt: Brett ist ohnehin nur auf der Durchreise, Martine scheinbar auf der Flucht vor etwas und Gordy wirkt, als würde er regelrecht nirgendwo hin gehören.
Das Schicksal hat die drei zusammengeführt, gemeinsam überqueren sie in Gordys klapprigem Chevy den Fluss. Brett, nicht mehr jung und noch nicht richtig alt, ist ein großer stämmiger Bursche, wenig redseelig; etwas Stoisches haftet ihm an, aber auch eine raue Härte. Ein Flair des Unbekannten, ebenso wie etwas unterschwellig Gefährliches, das ein Raubtier kennzeichnet. Gordy hingegen pendelt zwischen cholerischem Trottel und Idiot-Savant. Er erinnert an eine tickende Zeitbombe; man erwartet regelrecht, dass er früher oder später etwas Dummes macht. Martine hingegen wirkt leer: ein Kind im Körper einer jungen Frau. Und sie fühlt sich zum viel älteren Brett hingezogen.
Was auch immer aber der Film zu Beginn, durch die geschickte Motivwahl und Einbringung von reichlich Spieldynamik zwischen diesen Dreien, für Erwartungen weckt, er weicht gekonnt von schematischen Handlungslinien und stereotypen Entwicklungen ab. Die Story entwickelt sich einerseits zu einem klassischen Roadmovie und auf der anderen Seite, für die beiden Halbwüchsigen, zu einer Coming-of-Age-Geschichte. Irgendwo gibt es auch noch ein Drama, aber auch hier liefert Das Gelbe Segel nicht plakativ die Vorgeschichte auf einen Schlag.
In zunächst willkürlich eingestreuten Flashbacks, die sich allmählich zu längeren Erinnerungsfragmenten aneinanderreihen, wird die Lebensgeschichte Bretts erzählt. Spätestens hier findet der Film vollends zu sich. Schwelgte er vorher in Stimmung, unterschwelliger Spannung und wirkte szenisch stets apart, verleiht ihm die tragische Vergangenheit des älteren Begleiters, die ohne kitschiges Pathos eingefangen wird, greifbare Substanz. Ein wenig erinnert diese zugleich dezente, aber kraftvolle Gestaltung an Perfect World, wenn der Film auch in der Gänze nicht an diesen (inzwischen) Klassiker aus der Regie Clint Eastwoods heranreicht.
Es ist eine Geschichte der zweiten - vielleicht letzten - Chance im Leben. Im Mittelpunkt ein Mann, der sein Leben mehr als nur einmal an die Wand gefahren hat und sich nun auf einer Reise zwischen gestern, heute und morgen befindet. Begleitet von einer "Muse" und einem "Narren" hat er zwei hilfreiche Geister an seiner Seite: Die eine sorgt sich um sein Herz und treibt ihn emotional voran, der andere spricht gelegentlich unbarmherzig die nackte Wahrheit, aber einem Clown kann man nicht wirklich böse sein.
Auch diese beiden verändern sich: Über der einfachen Wandlung zweier Halbwüchsiger zum Mann und zur Frau, wachsen sie am Schicksal ihres älteren Freundes. Anfänglich ist er es, der gewissermaßen eine Vaterrolle übernimmt - etwas, was die beiden mehr als nötig haben, doch gleichsam einer echten Eltern-Kinder-Beziehung übernehmen die Jungen plötzlich Verantwortung - gerade dann, wenn der Ältere schwächelt. Der Film bietet die wundervolle Gelegenheit den Oscarpreisträger William Hurt mal wieder in einer anspruchsvollen und tragenden Rolle zu sehen. Gerade in solch einer eher puristischen Geschichte scheiden sich die guten von den weniger begabten Darstellern. Und die Stärke der guten zeigt sich darin, dass sie auch ihren jungen Kollegen Entfaltungsraum geben.
Zwar ist Das Gelbe Segel schon sehr auf William Hurt zugeschnitten; obendrein hat der Mime einfach eine mächtige Präsenz, aber die beiden Jungdarsteller leisten dennoch Ordentliches: Kristen Stewart darf beweisen, dass sie zu mehr in der Lage ist, als in Twilight - Biss zum Morgengrauen ihren blutleeren Lover anzuschmachten. Und Eddie Redmayne spielt sich als "weiser Wirrkopf" regelrecht einen Wolf. Besonders von ihm sollte in Zukunft einiges zu erwarten sein.
Ohne einen Meisterstreich geleistet zu haben, entpuppt sich der Film als eine wunderschöne, stimmungsvolle, cineastische Liebeserklärung. Der lyrisch-poetische Erzählstil, die atmosphärische visuelle Gestaltung und Bilderportraits der Städte und Landschaften erzeugen eine feine Lust an der Reise des illustren Trios, die durchgehend gefangen nimmt. Vorwerfen, wenn man dies denn unbedingt möchte, kann man den Machern, es mit dem Weichzeichner gelegentlich zu gut gemeint zu haben und zum Ende eine simple und plakativ-positive Auflösung zu sehr gesucht zu haben.