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Der Mann, der sich nach eigener Aussage für eine Art Hobbit hält und mit seiner Verfilmung der Tolkien-Trilogie Der Herr der Ringe Maßstäbe für künftige Fantasy-Epen setzte, ist wieder da. Nachdem der Neuseeländer im Jahr 2005 sein Herzensprojekt King Kong realisierte, gönnte er sich eine schöpferische Pause und kehrt mit seinem neuesten Regiewerk zurück. Mit einer gewagten Mixtur aus jenseitiger Coming-of-Age-Story, Fantasy und Suspensethriller gelingt aber nicht der ganz große Wurf. Allerdings schafft es der Film zugleich zu verzaubern und zu enttäuschen. Das soll Peter Jackson erstmal einer nachmachen.
In Meinem Himmel basiert auf dem 2002 erschienenen Roman der amerikanischen Schriftstellerin Alice Seebold The Lovely Bones, der auf Anhieb wegen seiner außergewöhnlich inspirierenden Erzählperspektive in den Literaturhimmel gehoben wurde. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die aufgeweckte und lebensfrohe 14-jährige Susie Salmon ("Salmon" zu Deutsch Lachs, der Fisch), die viel zu früh aus dem Leben gerissen wird und danach in einer Art persönlichem Himmel verbleibt, aus dem sie die Handlungen der Lebenden zu beobachten vermag. Das Schicksal der Familie und der verzweifelte Versuch ihrer Eltern, die Umstände ihres Todes aufzuklären, was Angesichts der Tatsache, dass nicht besonders viel von ihr gefunden wurde, nicht leicht fällt, kennzeichnet im Wesentlichen den Spannungsbogen.
Nach einer kurzen Einführung, die im Kern die ideale amerikanische, konfliktfreie, vorstädtische Familie irgendwann in den 1970ern skizziert - liebevolle junge Eltern (Mark Wahlberg und Rachel Weisz) sowie ein paar entzückende Kinder - nimmt der Film Fahrt Richtung Kriminalfall und Suspensethriller auf. Susie (Saoirse Ronan), das älteste Mädchen der Familie Salmon, wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Über die Identität des Täters gibt es für den Zuschauer nichts zu Rätseln. Es ist der klassische amerikanische Albtraum: Der Killer, der unscheinbare Nachbar, der absolut durchschnittlich dreinschaut und dermaßen gewöhnlich ist, dass man glatt vergessen würde, dass er existiert, wenn man ihn nicht ein-zwei Mal am Tag "mechanisch" grüßen würde.
Für die Eltern beginnt an dieser Stelle eine verzweifelte Odyssee auf der Suche nach Wahrheit und Gewissheit, die natürlich die Ehe früher oder später an die Grenzen führen wird. Der filmischen Dramaturgie zuliebe findet die Polizei (anders als im Roman) keine physischen Überreste des Mädchens, sondern lediglich eine Mütze. Damit wird das Verhalten des Vaters plausibler, der den Tod seiner Tochter tief im Inneren nicht wirklich wahrhaben kann und ihr jede Nacht eine Kerze ins Fenster stellt.
Währenddessen ist Susie nicht vollends im Jenseits angekommen. Der traumatische Schock eines gewaltvollen Todes riss sie in eine Art magische Zwischenwelt - ihrer Vision eines selbstgeschaffenen Himmels. Zu Beginn gelingt es ihr aber nicht zu realisieren, was wirklich passiert ist. Und so rennt sie lange durch ein geisterhaft entvölkertes Städtchen, in dem sie allein "real" zu sein scheint; bis sie endlich die Wahrheit herausfindet. Der Zuschauer folgt ihrer Perspektive und ebenso der Erzählweise aus dem Off von Susies Realität, in der sich Himmel und Erde berühren, vermischen und gegenseitig durchdringen. Manchmal ist dabei die Wirklichkeit der Lebenden zum Greifen nahe und es scheint, Susie müsste nur noch einen Schritt tun, um Kontakt aufzunehmen. Ein andermal aber ist ihre Realität eine einzig surreale Komposition und erinnert visuell oft an Hinter dem Horizont und in düsteren Augenblicken auch an die traumhaft-psychedelischen Innenschauen von The Cell.
Damit erfüllt der Film gut und gerne die Hälfte der Zeit, alles was man sich von solch einer Inszenierung erhoffen konnte, und sogar die Kitschoptik jenseitiger Welten bewegt sich in einem gut erträglichen Rahmen. Von Beginn an stellt sich das Gefühl ein, sich durch eine visionäre Stilmix-Kreation zu bewegen, die maßgeschneidert handwerklich Komponiert ist und schon durch die Art Banales in fabelhaften Bildern zu erzählen, gefangen nimmt. Von einem Duo Peter Jackson (Regie) und Steven Spielberg (ausführender Produzent) sollte man auch nicht weniger erwarten dürfen. Diese eigentümliche Mischung aus Thriller, Drama, Mystery, Fantasy und sogar Coming-of-Age-Story entfaltet eine poetisch-hypnotische Anziehungskraft. Letzteres Element kann natürlich nicht vollendet werden - aber spätestens seit Ghost - Nachricht von Sam weiß man, dass es auch dafür Mittel und Wege gibt.
Nach seiner ersten "Halbzeit" hat der Film durchweg gepunktet. Sogar Mark Wahlberg, den man nicht unbedingt für solch eine Rolle auf der Rechnung hätte, liefert eine erstaunlich gute Performance ab. Der Kern der Geschichte beginnt sich aber in Punkto Spannung bald abzunutzen, dreht sich prinzipiell alles durchgehend um die Entschlüsselung des Mordes. Zudem gerät der Takt des Wechsels zwischen dem Vor-Jenseits und dem Hier zunehmend enervierender und der Neureiz der phantasmagorischen Visionen erschöpft sich als gestalterisches Element ebenfalls. Mehr Weichzeichner und das maximale Aufdrehen des Kitschreglers retten da auch nicht viel. Zudem lässt spürbar die atmosphärische Dichte nach, die der Film anfangs famos aufbaute. Einiges fangen die Nebendarsteller auf: Der unscheinbare "Allerweltskiller", gegeben von Stanley Tucci, liefert eine hervorragende Leistung als Wolf im Schafspelz ab, und der Auftritt Susan Sarandons als Wirbelwind-Oma ist schlichtweg grandios - wenn er auch nicht recht in den Plot passen will.
Fadenscheinig bis regelrecht vernachlässigbar gerät aber die Dynamik der Eltern untereinander. Die Krise der Ehe fügt dramaturgisch dem Ganzen nahezu nichts hinzu, und Rachel Weisz, der eine Rolle in Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers nicht anspruchsvoll genug war, lieferte im Verlauf der Handlung eine immer mehr blass-belanglose Leistung ab, dass es regelrecht wie eine Wohltat erscheint, als die Ehe zerbricht und sie ihren Filmpartner verlässt; fast hofft man, sie möge gar nicht zurückkommen. Als endgültiger Dramaturgiegau erweist sich aber die Auflösung, die schon fast diametral entgegen des aufgebauten Spannungsbogens läuft. Auch wenn man dieses Finale womöglich dem Roman schuldet, ist nicht alles, was literarisch funktioniert, zwangsläufig auch optimal für eine cineastische Umsetzung geeignet.
Der lang erwartete neue Film von Peter Jackson gerät zu einem seltsamen Trip. Die Allegorie spiegelt sich bereits (unfreiwillig) im Nachnahmen des Filmcharakters der Protagonistin: Der Lachs geht auf eine Reise, die ihn am Ende wieder in seine Heimatgewässer führt, wo er laicht und stirbt. Susie Salmon muss auch einen Kreis schließen, bevor sie ins Licht gehen kann. Dem Film gelingt das aber nicht. Streng genommen könnte gesagt werden, dass er im Gegenteil alles, was er in der ersten Hälfte richtig macht, im Anschluss völlig aus dem Fokus verliert und stilistisch irrlichtert, bis er sogar plattitüdenhaft Anleihen bei Serienkillermotiven nehmen muss und final den makaberen Touch rabenschwarzer Komödien entwickelt. |