Gewaltig fantasievolle Neuverfilmung des Kinderbuchklassikers mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter und der talentierten Newcomerin Mia Wasikowska. Der Film weicht nicht wenig von den zugrunde liegenden Romanen ab, doch funktioniert auch als eigenständiges Werk. Besonders genießbar ist Alice im Wunderland in 3D-Kinos, in denen die fantasievolle Welt unter dem Kaninchenbau erst richtig zur Geltung kommt.
Das Mädchen Alice ist zu einer hübschen jungen Frau herangereift. Ihre Mutter versucht, sie in aristokratische Hände zu verkuppeln, damit sie ein sorgenfreies Leben vor sich hat. Auf einer überraschend angesetzten Verlobungsparty, von der Alice zunächst gar nicht weiß, dass sie die Hauptperson ist, entdeckt sie ein weißes Kaninchen in einem Mantel. Ein willkommener Anlass, der schmerzhaft peinlichen Situation mit dem seltsamen Bräutigam in spe zu entfliehen - und in ein Loch zu fallen.
Nach einem langen Sturz findet sich Alice bald im Wunderland wieder, das sie offensichtlich schon einmal als Kind besucht hatte. Doch sie erinnert sich an nichts. Alice realisiert jedoch, dass dies genau die Welt ist, die in ihren Träumen immer wieder vorkommt, auch scheint jedes noch so skurrile Lebewesen dort eine Alice zu kennen, diese aber nicht in ihr wiederzuerkennen. Also macht sich Alice unbekümmert auf, das Wunderland in Augenschein zu nehmen.
Doch irgendwie ist alles anders als früher: Eine Art ständiger Herbst scheint das Wunderland eisern im Griff zu haben. Tatsächlich hat die Herzkönigin die Weiße Königin entthront und herrscht nun unerbittlich und grausam. Doch es gibt Hoffnung: Laut der Prophezeiung, die der Raupe Absalom als Pergamentrolle vorliegt, wird eine Heldin kommen und die Herzkönigin besiegen. Dafür muss sie nichts weiter tun, als der Herzkönigin das magische Vorpalschwert entwenden und damit den Jabberwocky enthaupten. Dass das übermächtige, feuerspeiende Riesenmonster, vor dem nun wirklich jeder Angst hat, überhaupt besiegbar sein könnte, will auch Alice, der jungen Engländerin, nicht in den Kopf.
Die Verfilmung eines der größten Klassiker der Kinderbuchliteratur aller Zeiten ist natürlich eine gewaltige Herausforderung an jeden Drehbuchautor und Regisseur. Knapp zwanzig Verfilmungen (sowie eine Oper) entstanden seit seinem Erscheinen im Jahr 1865. Die überbordende Fantasie des Autors und Mathematikers Lewis Carroll erschuf eine Welt, in der ebendiese Naturgesetze nicht gelten oder zumindest anderen Regeln unterworfen sind. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, diese Zusammenhänge verlustfrei in ein anderes Medium zu transportieren.
Die vorliegende Verfilmung von Meisterregisseur Tim Burton ist leider auch nur eine Kompromisslösung für die Leinwand. Die Geschichte wurde stark adaptiert, außerdem wurden beide Romane der Abenteuer von Alice (Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln) für diesen Film zusammengefügt. Die Folge ist, dass den einzelnen Figuren nur unbefriedigend wenig Zeit eingeräumt werden kann, Konflikte nur oberflächlich angerissen werden können und dass der Takt der neuen Geschichte erheblich schneller und ungemütlicher ist, als es das gemütliche Schwelgen im Ohrenbackensessel beim Buchgenuss war.
Nichtsdestotrotz liefert Burton wieder eine bunte Welt voller fantastischer Absonderlichkeiten, an der man sich kaum sattsehen kann. Die Herzkönigin, gespielt von Helena Bonham Carter, besticht äußerlich durch ihren stark vergrößerten Kopf, viel stärker beunruhigt jedoch ihr herrisches Temperament und ihr gnadenloser Regierungsstil. Anne Hathaway als deren Schwester, die Weiße Königin, ist sichtlich hocherfreut, stets mit hochherrschaftlichen Gesten auftreten zu dürfen. Ihr absichtlich völlig überzogenes Spiel der gönnerhaften Regentin bringt nicht wenig Farbe in ihr Exilkönigreich. Die meisten anderen Figuren, seien dies Dideldum und Dideldei, die Grinsekatze, die Raupe Absalom oder das Weiße Kaninchen, sind computeranimiert. Perfekt zwar, doch ist deren Schauspiel mehr als nur einmal durch den Computer gelaufen. Johnny Depp, der den Verrückten Hutmacher gibt, darf sich einer besonderen Rolle in diesem Film erfreuen: mit flammender Mähne, ekelerregend langen Augenbrauen und grünen Kontaktlinsen (die leider nicht immer ganz mittig sitzen und ihm so oft einen fiesen Silberblick verleihen) versteckt er sich zwar unter dicken Schichten Schminke, ist jedoch geheimer Dreh- und Angelpunkt des ganzen Films. Er wird in fast jeder Szene mehr oder weniger dringend gebraucht.
Alice im Wunderland ist eine stark geraffte und gestraffte Variante der klassischen Alice-Geschichte mit einigen unnötigen Änderungen. So wird zum Beispiel kein Stück Pilz gegessen; wohl um kleine Zuschauer vom Kauen von Fliegenpilzen abzuhalten. Auch sind manche Stellen in Konfliktsituationen überraschend blutig und brutal, andere wieder sanft genug für Vierjährige. Die Geschichte ist in sich rund und geschlossen, aber leider nur ein Schatten des Carroll-Originals. Ein für große Kinoauswertungen leider notwendiges Übel, den Luxus z.B. einer Trilogie leisten sich nur manche Studios.
Auch finden sich nicht wenige unnötige Ähnlichkeiten zur Verfilmung von Der Herr der Ringe, die hätten vermieden werden können. Der Schlusskampf zwischen Alice und dem Jabberwocky ist beispielsweise eine schmerzhaft offensichtliche Mischung aus Gandalfs Kampf gegen den Balrog und dem großen Fechtduell in der Ruine auf den Klippen aus dem Kultklassiker Die Braut des Prinzen.
Alles in Allem kann Alice im Wunderland eine positive Bewertung beschieden werden. Die Geschichte funktioniert in sich, der Film kann ohne Vorkenntnisse genossen werden. Die Fantasiewelt ist bunt und faszinierend, die Entwicklung der Alice von einem Mädchen zu einer jungen Frau nachvollziehbar. Dass die gezeigten Bilder mit der Vision von Lewis Carroll nicht immer übereinstimmen, kann getrost als kreativer Freiraum gelten gelassen werden.