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Der italienische Regisseur, Autor und Schauspieler Nanni Moretti ist in seiner Heimat so etwas wie ein Volksheld, eine Art italienischer Woody Allen. Mit Filmen wie Caro Diaro (1994) oder Aprile (1998) machte er Italien mit seiner stets halbdokumentarischen Art von Humor vertraut, die durchaus der Allans ähnelt, jedoch noch um einiges politischer ist. Moretti, der ein energischer Gegner des italienischen Präsidenten Berlusconi und ein bekennender Anhänger der Linken in Italien ist, ist nun mit Das Zimmer meines Sohnes erstmals von dieser Schiene vollkommen abgewichen und schuf einen gänzlich unpolitischen, humorfremden und humanistischen Film, für den er bei den Filmfestspielen von Cannes 2001 unter "standing ovations" die Goldene Palme, den Hauptpreis für den besten Film, gewann.
Moretti, der hier wie fast immer neben Regie und Co-Drehbuchautor auch die Hauptrolle übernahm, gibt einen Menschen des nahezu perfekten Mittelstandes ab: Giovanni, Psychoanalytiker mit unendlicher Geduld für seine Patienten, lebt in überaus harmonischen und glücklichen Verhältnissen mit seiner Frau und seinen zwei fast erwachsenen Kindern. Es kommt allenfalls zu kleineren familieninternen Meinungsverschiedenheiten; die Tragödien des Lebens laufen an der Familie vorbei. Als Giovanni eines Tages seinen Sohn dazu auffordert, mit ihm zum alltäglichen Jogging zu gehen, dieses dann aber wegen des Anrufes eines Patienten in einer Notsituation doch noch ablehnen muss, woraufhin der Sohn mit einigen Freunden zum Tauchen geht, bahnt sich die Katastrophe an. Andrea stirbt beim Tauchen und hinterlässt eine Wunde in der Familie, die nicht heilen will.
Was sich angesichts heutiger Verhältnisse nach einer recht unkomplizierten und in ihrer Beschaffenheit recht simplen Filmstory anhört, ist in Wahrheit ein großer, psychologisch ausgefeilter Plot, dessen Tragfähigkeit viele - ob der Omnipräsenz des Todes - leichtfertig unterschätzen. Denn selten zuvor wurde die Thematik Schmerz und Ohnmacht über den Tod eines geliebten Menschen so realistisch, sensibel und dennoch so vollkommen undramatisiert auf der Leinwand festgehalten. Den wichtigsten Anteil daran hat Morettis Inszenierung, die wohl schwer in ihrer schmerzlichen Nüchternheit zu übertreffen sein dürfte. So lässt Nanni Moretti im ersten Drittel des Filmes vor den Augen des Zuschauers das intakte Leben der Familie genüsslich passieren, ohne, dass er auch nur in einer Sekunde die nahende Tragödie andeuten würde, während er dann im zweiten und dritten Drittel das Loch, das der Tod Andreas in die Familie gerissen hat, immer mehr weitet, dies aber ebenso subtil wie ruhig macht.
Hierbei erlaubt sich Moretti fast niemals den Einsatz von kinematographischen oder dramaturgischen Kunstgriffen, sondern zelebriert ein Kino der Reinheit und der vollkommenen Menschlichkeit der Protagonisten. Die Nüchternheit und inszenatorische Distanz vom eigentlichen modernen Kino gipfelt beispielsweise darin, dass Moretti nicht einmal im Ansatz den eigentlichen Unfall des Sohnes zeigt, sondern das Geschehene nach und nach von den Charakteren (und somit unweigerlich auch von Rezipienten) des Filmes aufarbeiten lässt, was die Intensität der "Schmerzensdarstellung" in meinen Augen erhöht.
Vor allem wie die einzelnen Figuren das Unterfangen der Trauerbewältigung angehen, offeriert sich dem Zuschauer meist nur in kleinen metaphorischen Szenen, die auf den ersten Blick kaum auffallen: So lässt Vater Giovanni, der an Selbstschuldzuweisungen zu ersticken droht, hätte er doch den anrufenden Patienten auf einen anderen Tag zurückweisen und somit möglicherweise Andreas Tod verhindern können, immer wieder ein Musikstück bis zu einer gewissen Stelle zurücklaufen, hört es bis zu einer weiteren Stelle an und lässt es dann wieder zurücklaufen. Die Mutter hingegen will unbedingt mit einem Mädchen Kontakt aufnehmen, mit dem Andrea kurz vor seinem Tod zusammen war, während sich der Schmerz der Tochter Irene in Aggression und Abschottung vollzieht. Somit agieren alle Figuren - ganz gewiss aber nicht die Schauspieler - in gewisser Weise aneinander vorbei und finden sich isoliert voneinander, allein mit ihrer Trauer wieder. Es kommt niemals zu einem "Wir"-Effekt in der Familie; zu schwach sind die einzelnen Individuen und zu überfordert mit der Situation, als dass einer von ihnen tatsächlich initiativ den Zusammenhalt beschwören könnte.
Am deutlichsten und beeindruckendsten gelingt Schauspieler Nanni Moretti selber die Darstellung dieser Isolation in der Rolle des Vaters: In den Problemen seiner Patienten, die er vorher nur mit einer gelassenen Kühle und immenser Ruhe distanziert betrachtet hat, reflektiert sich nun sein eigenes Schicksal; schauspielerisch mit exzellenter Zurückhaltung vorgetragen wird Giovanni zusehends unkonzentrierter und während der Sitzungen gedankenverlorener. Alsbald bekommt der Zuschauer dann gänzlich den Eindruck, er könne fast allen Schmerz der Figur Giovannis am stets scheinbar vom Zerbrechen bedrohten Gesicht Morettis ablesen. Mehr und mehr, jedoch fernab von jeglicher Melodramatik oder Sentimentalität, entfernt sich das gesamte Familienleben langsam aber merklich von dem, was man Normalität nennt und droht in die totale Zerklüftung aller drei Familienelemente abzudriften.
Dies wird durch das Auftreten einer Katalysationsfigur aber letztlich doch verhindert: Arianna, das Mädchen mit dem Andrea kurz vor seinem Tod zusammen war, wurde erfolgreich von der Mutter kontaktiert und steht vor der Tür. Zusammen mit einem Begleiter ist sie von dem Wunsch erfüllt, von Italien per Anhalter nach Frankreich zu kommen. Mit der Erfüllung dieses Wunsches durch Andreas Familie begeben sich die Trauernden wieder einen Schritt weit in Richtung Normalität, da dies das erste Ereignis ist, das nicht unmittelbar mit dem Tod des Sohnes zusammenhängt. Somit bleibt Das Zimmer meines Sohnes zwar ein Werk voller Trauer und Empfinden, ein vorzüglicher Film, dessen Realismusgehalt einzigartig ist und eine der ganz wenigen, absolut würdevollen Arbeiten über den Verlust durch den Tod darstellt, lässt den Zuschauer aber nicht im Meer des Schmerzes ertrinken, sondern schenkt diesem mit dem Ende einen, wie vom Film gewohnt, ebenso metaphorischen wie dennoch so "kunstfreien" und, im positiven Sinne, schlichten Hoffnungsschimmer. |