Bewegendes Roadmovie eines bedauernswerten Einzelgängers, der aus dem Moment heraus entscheidet, eine lange Reise zu unternehmen. Die innere Reise des Depressiven ist jedoch die weit wichtigere als die physische Reise durch ein winterliches Norwegen. Die skurrilen Begegnungen des Mannes mit diversen Menschen in der Ödnis repräsentieren innere Hürden und Konflikte, aber auch Entwicklungen, die der Mann durchmacht. Ein herzerwärmender kleiner Film mit großen Emotionen.
An einem norwegischen Skilift sitzt Jomar in der Talstation und verkauft Tickets. Manchmal liegt er aber auch einfach nur im ersten Stock im Bett, guckt aus dem Fenster auf den Lift, raucht und grübelt. Da schneit Lasse herein, und die beiden beginnen sofort, sich zu prügeln. Dann vertragen sie sich wieder (das ist so eine Männersache, die Frauen nie verstehen werden) und trinken zusammen. Lasse erzählt Jomar, dass Linnea ihn verlassen hat und nach Norden gezogen ist, zusammen mit dem vierjährigen Sohn.
Schlagartig wird an dieser Stelle die Vorgeschichte der Situation klar: Jomar und Linnea waren ein Liebespaar, sie verließ Jomar aber für seinen besten Freund Lasse. Doch schwanger war Linnea von Jomar, was der aber bis heute nicht erfahren hat. Als die Beziehung mit Lasse zu Ende geht, eröffnet dieser wiederum Jomar, dass der einen Sohn hat.
Die Nachricht rüttelt den antriebslosen Liftwärter auf. Jomar beschließt, zu Linnea und seinem Sohn zu fahren. In Ermangelung eines Autos benutzt Jomar einfach das Dienst-Schneemobil, als Proviant muss ein halbleerer Kanister Schwarzgebrannter reichen.
Die Reise des Jomar ist besser als die beste Therapie. Mit jedem Kilometer, den er sich seinem Sohn nähert, erhellt sich die Zukunft für den Dreißigjährigen, und mit jedem noch so skurrilen Menschen, dem der junge Mann begegnet, bessert sich sein Zustand.
Der Untertitel des Films lautet "ein anti-depressives Off-Road Movie", ein Anspruch, der schon erfüllt werden will. Depressive auf der Sinnsuche sind nicht gerade das, was man im Kino unbedingt sehen will, um dem tristen Alltag zu entfliehen. Doch Rune Denstad Langlo schafft es in seinem Spielfilmdebüt, den sofortigen Aufbruch eines Vaters zu seinem Kind (sozusagen mit fliegenden Fahnen) und die konsequenterweise mehr als kuriose Reise eines eigentlich nicht reisefähigen Kranken derart herzerwärmend umzusetzen, dass man gar nicht anders kann, als den sympathischen Kerl auf dem Motorschlitten anzufeuern.
Wo Helen jüngst das ernsthafte Thema der klinischen Depression beeindruckend anpackte, befasst sich Nord mit einer leichteren depressiven Episode, die so oder ähnlich wirklich jeden früher oder später treffen kann. Während ersterer ein Plädoyer für die Psychotherapie ist, propagiert letzterer das Sprengen aller Ketten und den Ausbruch aus eigener Kraft. Klar ist jedoch, dass die Depression alleine die beiden Filme noch lange nicht vergleichbar macht.
Nord ist definitiv das angekündigte antidepressive Offroad-Movie, ein absolut empfehlenswertes noch dazu. Die mehr als sympathische Figur des Jomar, der in nicht wenigen Szenen an das HB-Männchen erinnert, berührt garantiert jedermanns Herz. Ein wirklich wundervolles Stück Kino, das sein Publikum begeistern wird. Wer The Straight Story - Eine wahre Geschichte von David Lynch genossen hat, wird Nord lieben.