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Die Unwertigen

(Die Unwertigen, 2009)

Dt.Start: 19. November 2009 Premiere: 19. November 2009 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Dokumentation
Länge: 86 min Land: Deutschland
Darsteller: n/a
Regie: Renate Günther-Greene
Drehbuch: nicht bekannt


Inhalt

Im NS-Staat hatte die Jugend einen Stellenwert wie nie zuvor und auch niemals danach. Mit ihr wollte das Regime ein reinrassiges, tausendjähriges Reich errichten. Jene, die nicht in die verdrehten Wertvorstellungen und pervertierten medizinischen Normen passten, wurden aussortiert. Sie waren die Unwertigen. Sie kamen in Heime und psychiatrische Einrichtungen und wurden zu Zwangsarbeit genötigt. Nach dem Ende des Krieges besserte sich ihre Situation nicht automatisch. In den Anstalten waren immer noch dieselben Mediziner und Pfleger am Werk.
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Kritik

Die Unwertigen hat eine Wertung von 70%
Jede Epoche bringt Normen, Werte und auch ihre eigene Ethik hervor. Die NS-Zeit produzierte lediglich verdrehtes und pervertiertes Gedankengut. Alle, die nicht in die Raster passten, wurden damals schnell aussortiert. Ein leichtes Lerndefizit reichte mitunter aus, um bereits als schwachsinnig zu gelten. Andere wurden gar wegen des Musikgeschmacks oder Lebensstils ausgesondert. Vier Überlebende erzählen von ihrem Schicksal als Unwertige und den Jahren, die sie zu Unrecht in Heimen verbrachten; sogar noch nach dem Ende der NS-Zeit. Eine notwendige Aufarbeitung, filmisch aber etwas hölzern umgesetzt.

Bild aus Die Unwertigen Das Grauen der NS-Zeit hatte viele Gesichter. Immer wieder tauchen neue, bisher unbekannte Facetten der Gräueltaten auf. Es gibt viele Geschichten, die noch nicht bekannt sind und darauf warten, erzählt zu werden. Beispielsweise die der Heimkinder im nationalsozialistischen Staat; als "Unwertige" bezeichnet. Jugendliche waren für dieses unsägliche System schlichtweg das Kapital für die Zukunft. Der Gedanke eine "rassisch reine Nation" und ein "tausendjähriges Reich" zu errichten, dominierte die unmenschliche Gesellschaftsordnung und beherrschte auch die damaligen, verdrehten medizinischen Vorstellungen.

Nach diesem Wertesystem der Rassenhygiene und Eugenik sortierten die Nazis aus: "wertige" Kinder wurden gefördert, die "unwertigen" aussortiert und für die Beseitigung vorgesehen. Die Heime, in denen jene untergebracht wurden, die das System nicht wollte, waren oft nichts anderes als kleine Konzentrationslager; dort harrten sie ihrem Ende entgegen oder wurden schon als Kinder zur Zwangsarbeit genötigt. Für die, welche überlebten, endete das Grauen aber nicht 1945 mit dem Ende des Krieges. Mit dem Makel psychischer Beeinträchtigung in die Heime eingewiesen, wurde dieser Status mit Kriegsende nicht zwangsläufig aufgehoben. Sie galten auch danach als "geistig nicht normal". Dieses Martyrium, die Ausgrenzung und die gesellschaftliche Verdrängung dauerten bis weit in die 60er Jahre an.

Zu verdanken ist dieses Unrecht auch dem Umstand, dass das Ärzte- und Pflegepersonal in den Heimen und psychiatrischen Anstalten oftmals vor und nach dem Krieg dasselbe blieb. Trotz Nürnberger Prozesse und einer Entnazifizierung durch die Siegermächte, hatte sich nicht überall etwas verändert. Die Dokumentation Die Unwertigen offenbart das Schicksal solcher Heimkinder und die Folgen dieser Behandlung, an denen sie heute noch leiden. Für einige dauert der Kampf um Wiedergutmachung immer noch an.

Vier von diesen sogenannten Heimkindern stehen im Mittelpunkt des Films. Richard Sucker verbrachte zehn Jahre seiner Kindheit in einem Waisenhaus in Breslau. Als uneheliches Kind wird er 1935 seiner Mutter mit eineinhalb Jahren weggenommen. In seinem neuen Zuhause gibt es täglich Prügel. Mit fünf muss er bereits Zwangsarbeiten leisten. Und nach dem Krieg bessert sich seine Situation nicht: Er landet in verschiedenen Heimen; auch hier stehen Prügel und harte Arbeit auf der Tagesordnung. Waltraud Richter, heute 77 Jahre alt, lebte gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in Litauen, damals einem annektierten Gebiet. Ihre Mutter half Menschen, die aus politischen Gründen auf der Flucht waren und nahm sich als Patin der Kinder von Juden und Zigeunern an. Als sie denunziert wird, kommt sie ins KZ und ihre Kinder landen im Heim. Später werden auch die Geschwister getrennt. Es dauert viele Jahre bis sich alle, lange nach dem Krieg, wieder begegnen. Eine andere Dame war als "Schwachsinnige" sogar 35 Jahre weggesperrt. Nur deshalb, da ihr in der Zeit des NS-Regimes, wegen einer Schreib- und Leseschwäche, "mittlerer Schwachsinn" attestiert wurde. Günter Discher schlussendlich, gehörte der sogenannten "entarteten Swing-Jugend" an. Bei ihm reichte es, dass er als junger Mensch Jazzliebhaber war, um ihn jahrelang wegzusperren. Heute moderiert der inzwischen 86-jährige eine Jazz-Sendung fürs Radio beim NDR.

Es ist die Geschichte von Menschen, die als Heranwachsende aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in das faschistische Regime passten. Die "Herrenrasse" hatte für sich beschlossen, dass diese Kinder und Jugendlichen die "Volksgesundheit" unterminieren würden. Die Dokumentation Die Unwertigen verleiht diesen vier Überlebenden eine Stimme. Viel wichtiger als die Anklage gegen den NS-Staat (dem traut man nachvollziehbarerweise jedwede Gräueltat zu; er kann aber nicht mehr auf die Anklagebank) scheint die Aufarbeitung der Zeit danach: Als dieselben Folterknechte (Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern und psychiatrisches Personal) mit ihren pervertierten Ansichten vom Wert des Lebens und ihren abstrusen Wertmaßstäben von geistig gesund oder nicht, einfach weitermachen durften. Sie wechselten von einem totalitären, menschenverachtenden Staat in die neukonstituierte BRD und gingen weiter ihrem Werk nach. Hier hätte man sich bei der Doku wesentlich mehr Akzente gewünscht. Zwar stehen die Individualschicksale eindeutig im Mittelpunkt, aber Richard Sucker beispielsweise kämpft aktuell immer noch um eine Wiedergutmachung und eine Entschädigung wegen der Zwangsarbeit, die er jahrelang leisten musste. Sein Fall wird vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages immer noch verhandelt. Ein Ergebnis wird aber erst Ende November 2010 erwartet.

Trotz aller Bedeutungsschwere des Thema und der Notwendigkeit, diese dunklen Flecken der Vergangenheit aufzuarbeiten, muss der Doku aber eine reichlich schwerfällige und zähe Erzählweise vorgeworfen werden. Das gestaltet es mitunter etwas schwierig, intensiv an dem Leid teilzuhaben. Etwas weniger Frontalinterview-Charakter und vielleicht auch mehr Expertenmeinungen (die nur ganz selten zu Wort kommen) sowie zeitgenössisches dokumentarisches Material, hätten das Ganze filmisch durchaus bewegender und lebendiger gestalten können.

von Dimitrios Athanassiou


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