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Wenn Ärzte töten, kann im Staat eindeutig etwas nicht stimmen. Die wesentliche Frage lautet, sind diese Ärzte lediglich Produkte eines Systems, welches das Töten von sogenanntem unwertem Leben für die medizinische Forschung als legitim ansieht oder ist ihr Handeln auch Ausdruck der eigenen ethischen Einstellungen? Der Psychiater Robert Jay Lifton ist dem wahren Motiv auf der Spur und teilt in Wenn Ärzte töten seine Erkenntnisse mit. Leider aber ist der Film viel weniger Dokumentation als eher Schulfilm und ist trotz der Bedeutungsschwere kaum für die große Leinwand geeignet.
Kaum eine andere Gesellschaftsgruppe genießt heutzutage mehr Ansehen. Ärzte werden nicht selten als "Halbgötter in Weiß" bezeichnet. Menschen, die unser Wohl und unsere Genesung in Händen halten; in manchen Fällen sogar darüber befinden müssen, inwieweit eine Behandlung noch Sinn machen kann und somit (indirekt) auch über Leben und Tod entscheiden. Dabei sind sie stets angehalten, nach einem festen Kodex zu handeln: Der Hypokratische Eid gebietet jedem Arzt alles in seiner Macht stehende zu tun, was möglich ist, um ein Leben zu erhalten und alles zu unterlassen, was dieses Leben verkürzt oder gar beenden kann.
Es gab aber eine Zeit in der jüngeren Geschichte dieses Landes, die diesen Kodex ad absurdum führte, die ärztliche Ethik korrumpierte und letzten Endes völlig auf den Kopf stellte. Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 hielt eine neue Anschauung als alltägliche Praxis in die Wissenschaft Einzug: Plötzlich gab es "Wertes" und "Unwertes Leben"; Menschen reiner Herkunft, aus sogenannter "arischer Abstammung" und solche, die "niederen Rassen" oder gar "degenerierten Völkern" entstammten. Mit "Disziplinen" der Eugenik und der Rassenlehre legitimierte dieses unmenschliche Regime seine Gräueltaten bis hin zum Holocaust; ebenso wie auch die widerlichen medizinischen Experimente und die Euthanasie von Menschen, die den körperlichen oder geistigen Idealvorstellungen nicht entsprachen. Durchgeführt wurde letzteres von jenen, die sich ursprünglich dem Erhalt des Lebens verschrieben hatten - den Ärzten.
Der namhafte jüdische Psychologe und Psychiater Robert Jay Lifton besuchte in den 1960er und 70er Jahren Überlebende des Holocaust ebenso wie auch die Täter. Ehemalige Nazi-Ärzte, die rechtzeitig das Land verlassen hatten, ohne wegen ihrer Vergehen vor Gericht gestellt werden zu können oder schlichtweg bei der Entnazifizierung "übersehen" wurden. In zahllosen Gesprächen während vieler Stunden sammelte er Erkenntnisse, wie "normale Ärzte" von Heilern zu Mördern werden konnten. Lifton beschränkt sich dabei nicht allein auf die Betrachtung des historischen Kontextes, sondern versucht tief in die Psyche dieser Personen hinab zusteigen und wirft auch viele Fragen der Ethik und der Moral in der heutigen Medizin auf.
Eine Dokumentation im eigentlichen Sinne ist Wenn Ärzte töten aber nicht. In anderthalb Stunden Frontalinterview berichtet der Forscher über seine Gespräche mit Opfern und Tätern; die Täter stehen besonders im Mittelpunkt und Hauptziel ist, aufzuzeigen, dass nicht allein die Verleitung und In-Versuchung-Führung durch das System und die "Freiheit der Forschung", die Moral und Ethik der jungen Ärzte derart verdrehte, dass sie nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden konnten. Mit Indoktrination allein lässt sich das alles nicht erklären. Zumal Herrenmenschen-Gedankengut und Rassenlehre älter als der Nationalsozialismus sind. Und sich als Ideologie und Weltanschauung schon zurzeit des Kolonialismus in der Gesellschaft wieder finden.
Besonderes Anschauungsobjekt seiner Ausführungen ist der weltberühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz, dem in den 1970er und 80er Jahren vielfache Ehrungen zuteil wurden und den das Magazin Der Spiegel sogar als den "Einstein der Tierpsychologie" bezeichnete. Im Alter von 35 tritt Lorenz der NSDAP bei, bewirbt sich um Dozentenstellen an Universitäten. In seinen Bekenntnisschriften äußert er eindeutig, dass er schon lange vor Beginn der "neuen Ära" mit dem Rassen-Gedankengut der NSDAP sympathisierte. Natürlich erhält er eine Professur. Für die Nazis ist Lorenz ideologisch und fachlich die richtige Wahl. Lorenz war zwar kein ausführender Arzt, der sich aktiv an diesen grauenvollen Experimenten beteiligte, trotzdem war er williges Rad im System. Nach dem Krieg durfte er weitgehend ungestört weiterarbeiten, wie viele der Aktiven in den Reihen seiner Medizinkollegen auch.
Trotz reichlich Bedeutungsschwere ist Wenn Ärzte töten aber weder besonders spannend, noch außergewöhnlich interessant gestaltet. Einige Facetten sind neu, anderes Interpretation der Aussagen, aus den geführten Gesprächen. Insofern muss auch manche These Liftons mit etwas Vorsicht genossen werden. Die Psychologie ist schließlich keine hundertprozentig exakte Wissenschaft (auch wenn manch einer das so gerne darstellt). Und neu ist das Thema in der Gänze auch nicht: Es gab in der Vergangenheit schon einige TV-Dokumentationen wie Ärzte unterm Hakenkreuz, die nicht unbedingt einen tiefenpsychologischen Ansatz hatten, aber wesentlich mitreißender und somit auch zugänglicher und anschaulicher waren. Dabei ist es nicht unbedingt Wunsch Original-Filmmaterial mit Gräueltaten zu sehen. Aber einige Einblendungen aus dem Lebensumfeld und den Studienorten dieser Ärzte und Informationen darüber, wann und wie sie Kontakt mit der NS-Ideologie bekamen, hätten das Geschilderte wesentlich greifbarer gemacht.
Hauptmanko des Films ist schlicht und ergreifend, dass sich der Zuschauer wie auf der Schulbank vorkommt und gezwungen ist, dem Lehrer zwei Schulstunden lang zuzuhören. Als Kinoformat kann das so nicht gut funktionieren und hat damit ohnehin eher den Charakter eines Lehrfilms; anders als beispielsweise Auf der Suche nach dem Gedächtnis, die Doku über Eric Kandel, den international renommierten Hirnforscher. |