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Diesen Regisseur muss man im Auge behalten: Mit nur wenig Mitteln und einer relativ einfachen Idee hebt Maximilian Erlenwein in seinem Spielfilmdebüt die Messlatte für kleine Produktionen auf internationales Niveau. Die beeindruckende Durchwanderung der tiefen Sinnkrise eines jungen, karrieregeilen Bankers sollte Pflichtprogramm für Bankangestellte sein. Diesen Film sollten aber auch alle anderen nicht verpassen.
Der Karrierebanker Frederik macht ja nur seinen Job, als er einem verzweifelten Familienvater mitteilt, dass dessen Kredit gekündigt wurde. Anstatt brav Privatinsolvenz anzumelden und dem Banksystem nicht weiter zur Last zu fallen, entscheidet sich der Familienvater jedoch, sich lieber eine Kugel in den Kopf zu jagen. Im Büro, gegenüber von Frederik sitzend. Auch wenn Banker oftmals die ledrigsten Seelen überhaupt haben, irgendwas regt sich dann doch im Innersten von Frederik. Der Tod eines Menschen, ausgelöst durch seine persönliche Entscheidung ganz im Sinne des Geschäfts. Das kann doch so nicht ganz in Ordnung sein.
Nach dem Schock wandert Frederik ziellos durch die Stadt. In einem Techniksupermarkt holt er sich die CD einer Band, deren Name auf dem T-Shirt des toten Kunden prangte und der sich nun in sein Gehirn gebrannt hat. Einem Impuls folgend, schiebt Frederik die CD ein, um sie nicht zu bezahlen. Dies bemerkt ein Angestellter des Ladens, nämlich Vince, und stellt ihn zur Rede. Vince und Frederik kennen sich aus der Schulzeit, doch haben sie gänzlich unterschiedliche Lebenswege gewählt. Vince hat gesessen und jobbt jetzt, um sich ein kärgliches Leben zu ermöglichen. Sein Traum ist es, einen Club mit Bühne aufzumachen. Denn die Musik hat es Vince schon immer angetan, und Frederik ebenso: Neben der Schule hatten die beiden auch eine echt schlechte Band.
Nach Vinces Schichtende kommen die beiden in einer Kneipe ins Gespräch, und Frederik fasst einen Entschluss. Er will das Verbrechen erlernen, und zwar von Vince. Die beiden ergeben bald ein gutes Team, denn durch seinen Job als Banker weiß Frederik genau, welche Wertgegenstände welcher Kunde zuhause hat, und auch wann wer verreist ist. Aus der ziellosen Sinnsuche von Frederik wird eine Reise in ein neues Leben, und Frederik muss so manche Hürde überwinden.
Schwerkraft ist das Spielfilmdebüt von Maximilian Erlenwein und kann sich mehr als nur sehen lassen. Der junge Regisseur hat die Sinnkrise aller Thirtysomethings, die in sinn- und seelenlosen Jobs zu verglühen drohen, perfekt eingefangen und mit einem einfachen dramaturgischen Konzept auf den Punkt gebracht.
Die Entwicklung des Bankers zum Kriminellen versinnbildlicht den Ausbruch aus einem rigiden, Individuen verachtenden System. Was bei manchen Menschen einen Amoklauf auslöst, ergibt hier einen Selbstmord, doch der Gedanke selbst springt über und löst eine Katharsis aus. Der Banker wird zum Robin Hood im Eigeninteresse, und wenn er schon vergehen muss in dieser Gesellschaft, dann wenigstes mit Stil. Ein Konzept, das aufgeht, ein wirklich toller Film.
Fabian Hinrichs, ehemals Jurastudent, passt so wunderbar in den Anzug des drögen Bankers, der seinen Kunden so lange die Ohren vollredet, bis sie ihm all ihr Geld geben, wie Jürgen Vogel in die Rolle des ewigen Verlierers, der doch nur sein Leben in Ruhe führen will. Als Team sind die beiden auf der Leinwand fast unschlagbar. Schwerkraft ist einer der besten, wenn nicht der beste deutsche Film seit Das Leben der Anderen. |