Kaum ein Literat war sowohl wegen seiner Leistung als Autor, als auch wegen seines gesellschaftspolitischen Engagements und Einflusses auf eine ganze Nation derart angesehen. Leo Tolstoi war der Superstar seiner Zeit. Die Literatur-Adaption Ein russischer Sommer fängt in schönen Bildern die letzte Zeit im Leben des Schriftstellers ein. Die hochkarätige Besetzung lässt nichts zu wünschen übrig und die Darsteller brillieren über weite Strecken. Leider ist die Geschichte aber nicht durchgängig interessant und schwächelt im späteren Verlauf zunehmend. Dennoch braucht vom Gang ins Kino aber nicht abgeraten werden.
Leo Tolstoi (Christopher Plummer): weltberühmter Autor, Verfasser von Krieg und Frieden, erster Medienstar und russisches Nationalheiligtum. Man schreibt das Jahr 1910 und der große Schriftsteller, dessen Anhängerschaft sogar eine alternative Lebensart und Philosophie nach ihm benannt hat - sie nennen sich Tolstojaner, sind Pazifisten, leben in Kommunen im Einklang mit der Natur, ernähren sich vegetarisch und sind sexuell abstinent - ist im Begriff die überaus wertvollen Rechte an seinen Werken dem Russischen Volk zu vermachen. Seine Frau Sofia (Helen Mirren), die es annähernd ein halbes Jahrhundert mit dem dickköpfigen Kauz ausgehalten hat, ist davon alles andere als erbaut. Sie ist der Meinung, dass dieses Erbe ihr und den gemeinsamen Kindern zusteht. Schließlich stand sie ihm in guten wie schlechten Tagen zur Seite, war Geliebte, Muße und Lektorin: Eigenhändig hat sie Krieg und Frieden ein halbes Dutzend Mal abgeschrieben. Doch alles Gezeter und Intrigenspiele scheinen den Göttergatten nicht von seinem Vorhaben abbringen zu können.
Dem adligen Tolstoi, der sich dem einfachen Volk näher als den Hochwohlgeborenen fühlt, scheint die Befindlichkeit seiner Sofia ohnehin wenig zu bekümmern. Viel lieber verbringt er seine Zeit mit seinem engsten Vertrauten Tschertkow (Paul Giamatti), dem Oberhaupt der Tolstojaner und seinem neuen Sekretär Walentin (James McAvoy), der natürlich auch ein glühender Verehrer des Meisters ist. Der junge Walentin möchte zwar gemäß des Tolstojaner-Kodex leben, aber das ist leichter gesagt als getan. Vor allem als ihm die überaus lebenslustige und durchaus sexuell aktive Mascha (Kerry Condon) über den Weg läuft. Sie lebt in einer Kommune in der Nähe des Tolstoi-Anwesens, hegt aber insgeheim eine eher hedonistische Lebenseinstellung. Abgesehen von dieser Verlockung muss Walentin aber auch achtgeben, nicht zwischen den Fronten im Hause Tolstoi aufgerieben zu werden. Dort erreicht der Rosenkrieg allmählich seinen traurigen Höhepunkt.
Einen sehr ansehnlichen Cast hat Regisseur Michael Hoffman für diese Literatur-Adaption zusammenbekommen: Neben der Oscar-Prämierten Hellen Mirren geben sich Hollywood-Legende Christopher Plummer sowie Paul Giamatti und James McAvoy die Ehre. Und tatsächlich, an der reinen darstellerischen Leistung gibt es wenig zu mäkeln. Ein russischer Sommer präsentiert sich die erste Hälfte als sehr runde Angelegenheit: schön schwelgerisch gefilmt, mit griffigen Figuren bevölkert und durchzogen von einer süffisanten Ironie, lässt sich die knappe erste Stunde genüsslich weggucken.
Zwar gibt es einige schrill-nervige Augenblicke, die einer, theatralisch die hysterische Ehefrau mimende, Hellen Mirren geschuldet sind, aber die gehören schlichtweg zur Show. Mit der Zeit kippt der Film aber zusehends erzählerisch weg. Gab es anfänglich eine ordentlich strukturierte Storyline, beginnt sich der Plot zusehends in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Und die ehemals sauber eingeführten Charaktere bekommen Facetten, welche die Personen nicht zwangsläufig komplexer erscheinen, aber die Geschichte an sich unnötig zäh wirken lassen. Damit bleibt es nicht aus, dass die zweite Hälfte sich deutlich in die Länge zieht, ohne dass viel Bedeutendes passiert, abgesehen natürlich vom zwangsläufig unausweichlichen Finale.
Ob diese erzählerische Schwäche in der zweiten Hälfte möglicherweise aus der Struktur der Romanvorlage Tolstois letztes Jahr aus der Feder von Jay Parini resultiert, sei dahingestellt. Relativ nahe am wahren Tolstoi müssen Erzählung und Film aber sein: Das Buch basiert auf Tagebucheinträgen einer ganzen Reihe von Tolstois engsten Verwandten und Freunden, und der Film fängt die Atmosphäre rund um Tolstoi und seinen Jüngern gut ein. Diese obskure Mischung aus Pseudo-Buddhismus und Kommunismus wirkt zwar aus heutiger Sicht befremdlich, offenbart aber, welches Gedankengut Tolstoi in die damalige russische Gesellschaft pflanzte und damit den Keim setzte, aus dem später der Korpus der Oktoberrevolution erwuchs.
Hierin liegt aber auch eine der wesentlichen Schwächen des Films: Ohne ein gewisses Maß an soziopolitischem Hintergrundwissen wird sich kaum erschließen, welche die eigentliche Leistung dieses Schriftstellers war und zu welchen bedeutenden gesellschaftlichen Umbrüchen er mit seinen Ideen ein paar Jahre später beitrug. Diese Informationen liefert Ein russischer Sommer nicht; das mag zwar gar nicht Absicht der Geschichte sein, im Ansatz aber aufzuzeigen, wohin dies alles führte, wäre durchaus sinnvoll gewesen. Handwerklich wäre es jedenfalls eine lösbare Aufgabe gewesen: Die Romanze zwischen Walentin und Mascha hätte einen Blick in die Zukunft leicht hergegeben.
Störender als dies erweist sich aber, dass zum Ende überhaupt nicht deutlich wird, warum das russische Volk Tolstoi über alle Maßen verehrte. Der Mann, der sich lieber wie ein Bauer als ein Edelmann kleidete und bereit war, sein geistiges Vermächtnis seinen Landsleuten zu schenken, bleibt in dieser Hinsicht ungreifbar. Der Film liefert einen eingeschränkten Blick auf ihn, sein unmittelbares Umfeld und seine etwas schräge Anhängerschaft; es gelingt aber nicht, ihn als Idol einer gesamten Nation und Zeitgeist-Ikone scharf abzubilden. Ein russischer Sommer hat zwar offensichtlich gar nicht den Anspruch über die Literaturverfilmung hinaus Biopic sein zu wollen, dennoch hinterlässt dieser Punkt am Ende eine fühlbare Leere und verhilft nicht zu höherem Anspruch.