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Nothing to Lose ist ein spannender, streckenweise überraschender Road-Movie-Thriller mit zwei starken Hauptdarstellern. Das Rätselraten um die wahre Identität der Hauptfigur ist es, die den Film ausmacht und glücklicherweise schafft es Kuijpers, die Unklarheit des Zuschauers größtenteils zu halten. Ein durchaus sehenswerter Film, der sich zwar ein paar kleine Fehler in der Dramaturgie vorwerfen lassen muss, aber insgesamt dennoch gut funktioniert. Ein klarer Geheimtipp.
Betritt man einen Raum voller Filmfreunde und fragt diese nach Filmen aus den Niederlanden herrscht in der Regel beharrliches Schweigen. Klar gibt es Filme aus dem sympathischen Tulpenland, nur zählen diese nicht gerade zu den populärsten europäischen Produktionen. Ein Film, der in Zukunft genannt werden könnte, ist Pieter Kuijpers' Nothing to Lose.
Kuijpers stellt den Zuschauer von Anfang an vor eine schwierige Situation. Es ist an ihm zu entscheiden, ob Johan tatsächlich zu unrecht verurteilt in einer geschlossenen Anstalt inhaftiert ist, oder ob er tatsächlich eine Bestie ist, die nicht nur seinen Vater sondern auch seine Schwester und scheinbar auch noch mehr Frauen auf dem gewissen hat. Anhaltspunkte für die entsprechend wahre Identität gibt es in den folgenden Minuten viele, doch immer wieder werden diese auch in Frage gestellt, sodass eine gewisse Grundspannung den ganzen Film über erhalten bleibt.
Die Beziehung zwischen Johan und seiner 13 jährigen Geisel Tessa ist beispielhaft für das Stockholm-Syndrom. Von diesem spricht man, wenn Opfer einer Geiselnahme mit den Entführern sympathisieren und teilweise zu ihnen ein emotionales Verhältnis aufbauen und streckenweise sogar übermäßig kooperieren. Tessa ist schon nach kurzer Zeit von der Gutmütigkeit ihres Entführers überzeugt und beginnt einerseits frühpubertäre Emotionen zu Johan aufzubauen, sieht in ihm aber auch gewissermaßen eine Vaterfigur. Zum Teil erinnert das Verhältnis der beiden ein wenig an das, zwischen Natalie Portmans Mathilda und Jean Renos Leon, in Leon - Der Profi.
Das Problem von Nothing to Lose liegt jedoch in einigen Unglaubwürdigkeiten, die sich besonders in der Entwicklung der Figuren zeigt. Die Gemütsänderung der Geisel Tessa vollzieht sich beispielsweise viel zu schnell und auch an vielen anderen stellen lassen sich Szenen erkennen, die im Zusammenhag mit der Geschichte unlogisch oder lückenhaft erscheinen. Leider ist es nicht möglich hier detaillierter auf diese einzugehen, ohne Entscheidendes vom Film zu verraten. Außerdem wäre es wünschenswert gewesen, ein paar Minuten mehr Spielzeit in Kauf zu nehmen und so den beiden Hauptfiguren noch ein wenig mehr Tiefe zu geben, um den Zuschauer intensiver in den Film zu ziehen.
Worüber man sich bei Nothing to Lose im Klaren sein muss, ist, dass man es hier nicht mit einer ausgefeilten Persönlichkeitsstudie oder einem ausführlichen Psychogramm eines Mörders zu tun hat. Auch wenn Kuijpers streckenweise Einblicke in Johans Seele gewährt, bleibt dem Zuschauer dennoch bis zum Schluss das Gesamtkonstrukt seiner Persönlichkeit verborgen. Doch daran muss man sich keinesfalls stören. Denn Nothing to Lose verfolgt einen Anderen, ebenfalls interessanten Ansatz. Nämlich mit der Figur des Johan einen hochinteressanten Charakter in den Mittelpunkt zu stellen, der kein Sympathieträger im klassischen Sinn ist. Das mutige Experiment ist geglückt und so hebt sich Nothing to Lose allein schon dadurch deutlich vom Durchschnitt ab.
Theo Maassen (Black Book) schafft es den Film zu tragen und verleiht der Figur des Johan ein charakteristisches Profil. Als Zuschauer schwankt man zwischen Sympathie und Abscheu, ohne sich wirklich im Klaren darüber zu sein, ob er tatsächlich eine geistesgestörte Bestie oder ein unschuldig Verurteilter ist. Auch jungschauspielrein Lisa Smit, die auch schon in Die unheimliche Klassenfahrt für Kuijpers vor der Kamera stand, macht als Tessa ihre Sache gut. Die Beiden agieren überzeugend miteinander und sorgen so dafür, dass der Film funktionieren kann.
Man darf sich bei Nothing to Lose weder von dem unpassenden Titel, noch von dem ebenfalls unsinnigen und schrecklichen Cover der DVD abschrecken lassen, dann bekommt man nämlich einen absolut sehenswerten Film geboten. Ein echter Geheimtipp. |