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[...] "Amores" feels like the first classic of the new decade, with sequences that will probably make their way into history. [...] (zu Deutsch: [...] "Amores" scheint der erste Klassiker des neuen Jahrzehnts zu sein, mit Szenen, die wahrscheinlich in die Geschichte eingehen werden. [...]). So schrieb die große amerikanische Zeitung "New York Times" in einer ihrer Kritiken vom 05. Oktober 2000 über den mexikanischen Erstlingsfilm Amores Perros (was zu Deutsch so viel wie "Hundeliebe" bedeutet). Der Satz wurde prompt in den Trailer von Amores Perros aufgenommen und von nahezu jedem Kritiker bestätigend wieder aufgegriffen, der sich mit dem Werk beschäftigt hat. Wer nach über zweieinhalb Stunden aus diesem, mit über 35 internationalen Festival- und Kritikerpreisen (und auch mit einer Oscar-Nominierung als bestem ausländischem Film) dekorierten Film hinausgeht und die gemütliche Wärme des Kinosaales mit der kalten Winterluft tauscht, wünscht sich unweigerlich, dass dieser Film mindestens vier Stunden dauern würde, so umgarnt ist man noch von den Charakteren, so sehr kreisen die Gedanken noch um die Handlung.
Um sein gewaltiges Drama um drei Menschenschicksale im modernen Sodom namens Mexico City so eindringlich wie möglich zu gestalten, bedient sich Regisseur Alejandro González Inárritu einer komplexen, episodenhaften Erzählstruktur, die mehrere Ebenen überlagert, und sich kaum den zeitlichen Konventionen des filmischen Berichtens unterwirft. So setzt Inárritu einen Autounfall auf einer der vielen überfüllten Straßen der 21-Millionen-Metropole als Zentralpunkt der gesamten Handlung und mit großem Geschick lässt er sich hieran die einzelnen Handlungsstränge entwickeln: Direkt verwickelt in den Unfall sind der junge Octavio und das Model Valeria.
Octavio, den ersten Part der Geschichte bildend, der zusammen mit einem Freund seinen Hund an brutalen Hundekämpfen teilnehmen lässt, um sich somit das Geld zu verdienen, das er benötigt, um mit seiner gepeinigten, hochschwangeren Schwägerin durchzubrennen, repräsentiert nicht nur die gebeutelte Unterschicht der Megastadt, sondern ist auch Inbegriff einer gewissen Ambivalenz, die sich im Betrügen seines Bruders und der Gewalt aber auch in der Aufopferung und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausdrückt. So schreckt Octavio zwar nicht davor zurück, für sein Geld auch zu töten, tut dies aber letztlich doch nur in seiner hoffnungsvollen Naivität und wird letztlich das Opfer seiner eigenen Tagträume. Valeria, deren Leben in der zweiten Episode geschildert wird, hingegen lebt auf der Sonnenseite des Daseins, ist ein reiches Model, hat eine fantastische Wohnung und einen sie umsorgenden Freund. Ihr Wagen kollidiert aus einem Zufall heraus mit dem von Octavio als dieser zusammen mit seinem Freund und dem von einem Konkurrenten angeschossenen Hund vor selbigem in wilder Fahrt flüchtet. Für Valeria hat der Unfall tragische Folgen: Ihr rechtes Bein wird so schwer verletzt, dass sie vorerst an den Rollstuhl gefesselt ist, unfähig, ihrem Beruf nachzugehen. Vorerst kommt sie mit dem Problem recht gut klar und ist zuversichtlich, bald wieder normal leben zu können, aber als dann auch noch ihr über alles geliebter Hund in einem aufgerissenen Loch im Parkettfußboden ihrer Wohnung verschwindet, bricht für sie die Welt zusammen und sie steigert sich dermaßen in die Begebenheit mit ihrem Hund hinein, dass es sie praktisch in die vollkommene Verzweiflung führt.
Als dritter Part des Filmes wird die wahrscheinlich interessanteste, komplexeste aber auch schwierigste Figur des Filmes behandelt: El Chivo. Ein alter Mann, ein früherer Revolutionär, der, fernab jeglicher idealistischer Illusion, zusammen mit seinen Hunden auf der Straße lebt und als Auftragskiller das Geld verdient, das er für sich und vor allem für seine Tiere braucht. In einem Subplot wird deutlich, dass er seinen ganzen Lebensmut an einem treffen mit seiner Tochter festmacht, die von ihrer Mutter in den Glauben versetzt wurde, er sei schon längst tot. So setzt er all seinen Mut daran, einmal nur mit ihr sprechen zu können und so den omnipräsenten Tod seiner Alltagswelt abschütteln zu können, was in einer unglaublich ergreifenden, unspektakulär genialen Szene gipfelt. El Chivo ist das Symbol der fast verlorenen Hoffnung, die Kulmination und finale Entwicklung der beiden ersten Erzählparts und die letzte Instanz einer kontinuierlichen dramaturgischen Steigerung.
Wie wohl bereits aufgefallen ist, ziehen sich die Hunde als roter Faden durch alle drei Episoden und Alejandro González Inárritu setzt sie auf wundersame Weise als brillante Allegorie zu ihren Begleitern, den Geschichten und den im Trailer genannten Aspekten "Liebe ist Hoffnung", "Liebe ist Schmerz" und "Liebe ist Angst" ein. Diese episodenhafte Art des Erzählens brachte dem Film schnell einen Vergleich mit Quentin Tarantinos Pulp Fiction ein, was in meinen Augen vollkommen aus der Luft gegriffen ist. Wirklich das einzige, was beide Werke gemein haben, ist die exzellente Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge und die Überlagerung von Zeit- und Erzählebenen. Ansonsten ist Amores Perros der viel ernstere, finsterere und tiefgründigere Film: In Amores Perros gibt es keine gekünstelte Coolness und auch keine parodistisch-humoristischen Züge, sondern dieser Film ist ein atemberaubend vielschichtiges, darstellerisch vorzüglich glaubwürdig vorgetragenes, inszenatorisch vollkommen überzeugendes, komplex metaphorisch strukturiertes Gesellschafts- und Menschenportrait, dessen Hintergründigkeit und Intelligenz heute nur noch selten zu finden ist und so zuletzt nur in Edward Yangs Geniestreich Yi Yi zu bewundern war. Amores Perros spielt eindringlich auf der Klaviatur der Emotionen, bleibt trotz Anflügen von leicht erhelltem Dur überwiegend im treffendsten, melancholischsten und sogar schönsten Moll in all seinen Variationen und spielt alle Sätze von "Liebe ist Hoffnung" bis 2Liebe ist Tod" in einer erstaunlichen Vollkommenheit, die Amores Perros zu einem genialen Meisterwerk und einem potenziellen Klassiker des Weltkinos machen! |