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Plastic Planet

(Plastic Planet, 2009)

Dt.Start: 25. Februar 2010 Premiere: 10. Februar 2009 (Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 95 min Land: Deutschland, Österreich
Darsteller: Werner Boote, John Taylor, Felice Casson, Beatrice Bortolozzo, Manfred Zahora, Hermann Bicherl, Susan Jobling, Hiroshi Sagae, Vicky Zhang, Patricia Hunt, Scott Belcher, Fred Vom Saal, Theo Colborn, Frederic H. Corbin, Jeff Harris
Regie: Werner Boote
Drehbuch: Werner Boote


Inhalt

Plastik ist eines der kontroversesten und faszinierendsten Materialen dieser Welt. Inzwischen taucht es in nahezu allen Facetten in unserem täglichen Leben auf. Der Film nimmt uns mit auf eine Reise rund um den Globus, um den triumphalen Siegeszug des Plastiks zu verfolgen und präsentiert uns, was für eine unerwartete Bedeutung das vielseitige Material für unsere Welt hat.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Plastic Planet hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 85%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Plastic Planet hat eine Wertung von 85%
Kaum eine Substanz ist so verbreitet und wird derart unaufgeregt alltäglich benutzt. Kein Gedanke daran verschwendet, mit was wir uns einlassen oder wie und woraus es produziert wurde. Wir verlassen uns darauf, dass die Industrie nichts Schädliches produziert und lassen Babys munter daran nuckeln. Kunststoffe bestehen aber aus vielen komplexen Verbindungen und kaum einer kann genau sagen, was passiert, wenn sie in unseren Körper gelangen. Plastic Planet liefert ernüchternde und schockierende Einblicke und offenbart, mit welcher Naivität mit Kunststoffen umgegangen wird. Ein längst überfälliger Film.

Bild aus Plastic Planet Jede Epoche hat ihren dominierenden Werkstoff, ohne den kein Fortschritt möglich wäre. Stahl war unabdingbar für die Industrialisierung und Technisierung der Welt. Ohne Stahl wäre aber auch nicht die Kriegsmaschinerie denkbar, die zwei verheerende Weltkriege und eine Vielzahl lokaler Konflikte über die Erde toben ließ. In den 1980ern revolutionierte Silizium die Mikroelektronik und machte eine vernetzte Welt erst möglich. Unsere Abhängigkeit davon ist heutzutage gravierend: In den "Hi-Tech-Nationen" würden nahezu alle Kreisläufe und Informationskanäle zusammenbrechen, wenn Satelliten, Digitaltechnik sowie Internet und die mobilen Kommunikationsanwendungen plötzlich wegfallen würden. Jeder Fortschritt scheint also eine Schattenseite zu besitzen. Noch vor der Computerisierung feierte allerdings eine andere Substanz ihren Siegeszug: der Kunststoff in all seinen mannigfaltigen Erscheinungsformen, ganz banal auch "Plastik" genannt.

Seine Entstehungsgeschichte geht auf das 17. und 18. Jahrhundert zurück. Damals gewann man aus milchigen Baumsäften eine Substanz, die man Kautschuk taufte. Daraus wurden später durch Zugabe von Schwefel die ersten formbaren Hartkunststoffe (Ebonit). Dennoch gingen all diese Werkstoffe noch auf Natursubstanzen zurück. Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts begann man aber synthetische Kunststoffe auf der Basis erdölgewonnener, langkettiger Kohlenwasserstoffe (Polymere) herzustellen; und mit Beginn des 20. Jahrhunderts kam der erste industriell und in Masse gefertigte Kunststoff auf dem Markt (Bakelit). Heute finden sich Kunststoffe nahezu überall: Sie dominieren nicht nur als Verpackungsmaterialien. Sie sind aus der Automobilindustrie, dem Flugzeugbau, der Raumfahrt und als Hi-Tech-Verbundstoffe nicht mehr wegdenkbar, ebenso wie sie sich in allerlei Alltagsgegenständen wiederfinden. Und da der Grundstoff Erdöl ist, sind sie ebenfalls nicht aus der Pharma- und Kosmetikindustrie fortzudenken: ein globaler Multi-Milliarden-Markt.

Über zehn Jahre recherchierte Filmemacher Werner Boote, dessen eigener Großvater ein Pionier der Plastikindustrie war, die Wege, welche diese moderne Errungenschaft geht. Das Resultat ist alles andere als eine Lobeshymne auf seine Produzenten und die Substanz an sich. Anders als oft behauptet, ist Plastik nicht unzersetzbar: Auch Plastik zerfällt, selbst wenn es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauert. Nicht schlimm genug, dass wir unsere Welt sichtbar mit Plastik vollgemüllt haben (Boote unterlegt seine Behauptungen stets mit eindrucksvollen und kontrastierten Bildern; ob in der Sahara oder auf dem Himalaja: Plastik ist allgegenwärtig). In den Weltmeeren treibt heute schon bis zu sechs mal mehr Plastik als Plankton, und die Menge des bis dato produzierten Kunststoffs würde glatt ausreichen, die Erde ein halbes Dutzend mal komplett in Verpackungsmaterial einzuwickeln.

Viel schlimmer aber noch die Tatsache, dass bei der Zersetzung von Kunststoffen Moleküle in die Umwelt gelangen, die toxisch, krebserregend und erbgutschädigend sind. Diese verbinden sich mit anderen Elementen und zirkulieren eine unabwägbar lange Zeit in den ökologischen Kreisläufen; diverse Zusatzstoffe können obendrein das Hormonsystem schädigen oder lösen Allergien aus, und diese Substanzen gehen sogar früh auf ihre Reise: Nur scheinbar sind sie in den uns alltäglich umgebenden Produkten auf ewig eingeschlossen. Ob Silberscheibe für Musik und Film, Luftballon, Kinderspielzeug oder Butterbrotdose: Wir ahnen nicht, mit was für Krankmachern wir es zu tun haben.

Mit beharrlichem investigativem Gespür geht Boote diesen besorgniserregenden Tatsachen nach; spricht dabei sowohl mit Vertretern der Plastikindustrie als auch mit Wissenschaftlern. Er dokumentiert wie aus dem Segen eines nahezu universell einsetzbaren Werkstoffs, eine globale Geisel wurde. Die Beweise sind stichhaltig und vieles deutet darauf hin, dass die Herren in den Chefetagen der "Plastikkonzerne", die jährlich etwa 800 Milliarden Euro umsetzen, sehr wohl um diese Zusammenhänge wissen, sie diese geflissentlich ignorieren. Viele der Informationen dieser facettenreichen Dokumentation mögen im Einzelnen oder in Teilen sogar bekannt sein; die globalen Zusammenhänge aber derart vorgeführt zu bekommen, sorgt für mehr als bloßes Unbehagen.

Werner Boote liefert mit Plastic Planet ein buntes Potpourri, das kaum etwas auslässt und in seiner beinahe fröhlichen Machart ein stetig irritiert-schockiertes Kopfschütteln über die unglaubliche Abhängigkeit, in der wir uns von diesem Stoff befinden, auslösen wird. Und einen Ausblick auf die Zukunft liefert der Film auch: Neue wissenschaftliche Ansätze verheißen möglicherweise "nebenwirkungsfreie" rein pflanzlich gewonnene Kunststoffe, beispielsweise aus Maisstärke. Diese würden sich sogar kompostieren lassen. Noch ist das aber ferne Zukunftsmusik, bis dahin scheint Nachdenken, Reduktion und dort wo es möglich ist, Verzicht, die beste Alternative. Nach Plastic Planet wird es jedenfalls reichlich Gesprächsstoff geben und sicher wird nur eines sein: Ein solch nüchtern-offenbarender Film war schon lange überfällig.



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