Das Jahrhundert der Globalisierung kennt nur noch Menschen, die daran nutznießen und profitieren und solche, welche die Rechnung dafür zu zahlen haben. Die beiden Protagonisten in Mammut gehören sicherlich zur ersteren Kategorie, aber natürlich haben auch die Eliten ihre kleinen und größeren Nöte; mitunter reichen diese auch bereits aus, um wirkliches Leid ausblenden zu können, wenn es nur weit genug weg ist. Mammut formuliert eine wichtige Botschaft mit plakativen Bildern und gleichförmiger Gefühlstonlage. Das lässt den Film aber insgesamt leider allzu kraftlos wirken.
Die Schrecken der Globalisierung treffen die ganz unten immer am härtesten. Im reichen Westen erlebt man dieses ganze Elend, trotz internationaler Wirtschaftkrise, eher aus der sicheren Distanz, als Bilderbogen im heimischen TV; was immer auch fernab oder rundum auf der Welt passiert und wie furchtbar das Leid dort sein mag, wir können - wenn wir es wollen - einfach den Kanal wechseln und mit der Tagesordnung weitermachen.
Mammut versucht diese Mentalität im Stile von Babel einzufangen. In Kontrasten spiegelt er, wie es sich mit den Problemen der Gewinner im Vergleich zu den Sorgen und Nöten der Verlierer der Globalisierung verhält. Leo (Gael Garcia Bernal) betreibt eine Website, ein boomendes Spielportal, das ihn millionschwer gemacht hat. Seine Frau Ellen (Michelle Williams) arbeitet als Chirurgin in der Ambulanz einer New Yorker Klinik, in der Stadt, in der auch beide in einem wunderschönen Apartment zusammenleben. Es hat den Eindruck, die zwei wären vom Glück und Erfolg verwöhnt. Ein perfektes Paar: jung, attraktiv, talentiert, erfolgreich und obendrein mit einer reizenden Tochter gesegnet.
Hinter der perfekten Fassade hadern die beiden mit allerlei Problemchen: Leo ist ein Kindskopf, der trotz rasanter Kariere nicht recht erwachsen werden möchte, und Ellen ist eigentlich viel zu sensibel für ihren Job. Das Schicksal der Menschen, deren Leben oft an einem seidenen Faden hängt, geht ihr häufig viel zu nahe. Darüber hinaus leidet sie an Schlafstörungen und ihre kleine Tochter Jackie (Sophie Nyweide) verbringt die meiste Zeit mit dem philippinischen Kindermädchen Gloria (Marife Necesito), so dass sie zu ihr inzwischen ein innigeres Verhältnis entwickelt hat, als zur eigenen Mutter.
Als Leo nach Thailand zu Verahndlungen mit Investoren fliegt, ist Ellen, allein mit sich, gezwungen, sich intensiver mit dem Entfremdungsprozess der eigenen Tochter auseinanderzusetzen. Leo hingegen beginnt, als die Verhandlungen sich zäh hinziehen, sich schnell zu langweilen und macht außerhalb Bangkoks Urlaub. Dort begegnet ihm die bildhübsche Prostituierte Cookie (Runsrini Kornchot). Zuerst verhält sich Leo noch wie die Idealvorstellung vom guten Westler, der nicht vom Elend dieser jungen Frauen nutznießen will; er schenkt Coockie sogar Geld und bietet ihr an, ihr einen guten Job in Bangkok zu besorgen, damit sie sich nicht mehr prostituieren muss. Leo kann aber auf Dauer der süßen Verlockung nicht widerstehen. Er gibt sich dem Augenblick hin und schwelgt in Phantasien von einem neuen unbeschwerten Leben.
Über die Hälfte seiner Spielzeit von knapp über zwei Stunden sind vergangen, bis der Streifen beginnt, zumindest eine Art Geschichte erzählen zu wollen. Die Zeit bis dahin wurde aufgewendet, die Charaktere einzuführen und zu erzählen, dass Ellen Ärztin ist, Leo stinkreicher Internetgewinner, dass sie eine gemeinsame Tochter haben und ein Kindermädchen beschäftigen, dessen eigene Kinder in den Philippinen bei der Großmutter leben. Inhaltsarm dümpelte ansonsten episodenhaft - ohne im eigentlichen Sinne Episodenfilm sein zu wollen - die Handlung dahin und verlagert den Erzählmittelpunkt mal hierhin und mal dorthin.
Von Beginn an offensichtlich aber, dass die Probleme des Protagonistenpaars eine Art Witz darstellen; es sind überwiegend selbstproduzierte Luxussorgen - und im Vergleich zu dem, was sich sonst in der Welt ereignet, regelrechte Belanglosigkeiten. Als Antithese zum Leben als Überprivilegierte im angesagtesten Stadtteil New Yorks, in Soho, skizziert Mammut das Dasein in den Philippinen und Thailand. Die Brücken dorthin schlagen einerseits das Kindermädchen, das in den USA arbeitet, um ihren Kindern eine menschenwürdige Existenz in den Philippinen zu ermöglichen, und Leos Trip, der einen flüchtigen Einblick in die thailändische Prostitutionswelt gewährt.
Erzählerisch ist das aber fast inhaltslos und satirisch bissig oder durchzogen von triefendem Zynismus ist der Film auch nicht - obschon so was durchaus in die Inszenierung passen würde. Im Bilderbuchstil wird stattdessen plakativ eine Welt mit Wohlstandsproblemchen gegen eine mit wirklichen Untiefen aufgewogen. In welche Richtung sich das Lot neigt, braucht nicht verwundern. Und genau das ist auch der Zweck von Mammut: Ob nun eine bildhübsche Frau, die im Westen allein schon mit ihrem Aussehen weit kommen würde, sich in Thailand aber prostituieren muss oder Kinder in den Philippinen, die auf Müllhalden nach etwas Essbarem suchen oder sich pädophilen Touristen für ein paar Dollar für eine Nacht anbieten: Die Motive wirken, als wären sie aus einem UNESCO-Spendenkalender abgepinselt; nicht, dass dies alles nicht existiert, nur wird es in Mammut regelrecht mit Ansage, des Effekt willens, eingesetzt. Und es braucht überdies sehr lange, bis damit überhaupt Wirkung erzielt wird.
Der Streifen entwickelt überhaupt nicht die Ambition, ernstlich tief in das Geschehen eintauchen zu wollen. Sinnbildlich mag das für die emotionale Distanz der Protagonisten stehen, die damit sicherlich keinen Sympathiepreis gewinnen würden. Stoisch, mammutgleich nehmen sie das Leid zwar zur Kenntnis, ein echtes Engagement dieses abzumildern oder individuell, dort wo es möglich wäre, es gar zu beseitigen, bleibt aber aus. Die Aussage, dass die Reichen im Grunde leidlich unberührt vom Schicksal der Menschen am unteren sozialen Ende weiter ihre Bahnen ziehen, drängt sich somit regelrecht auf, schafft es aber weder tief zu berühren, noch einen Weckrufcharakter zu entwickeln. Viel zu beiläufig plätschert das Geschehen die meiste Zeit dahin und allzu gleichförmig nivelliert ist dafür auch der emotionale Ton des Films.