Miniportrait der großen Queen Victoria, die ihre Nation zu nie gekannten Höhen führte. Der Film beschränkt sich auf einen ganz kurzen Lebensausschnitt und macht sich gar nicht erst die Mühe, sie charakterlich vollständig abbilden zu wollen. Außer viel Politgewirre und einer angestaubten Liebesgeschichte hat Young Victoria ohnehin kaum etwas zu erzählen. Und selbst als Geschichtsstunde ist der Film nur sehr beschränkt zu gebrauchen. Am besten eignet sich der Streifen vermutlich, um während sanfter TV-Berieselung ein Nickerchen zu machen.
Kein englischer Monarch oder Monarchin saß länger auf dem britischen Thron, als Queen Victoria. Nicht einmal die derzeit regierende Queen Elisabeth II. hat diesen einsamen Rekord (bisher) getoppt. Victoria saß aber nicht nur länger als jeder andere auf dem Thron, während ihrer Regierungszeit erlebte das britische Empire den Aufstieg zur Supermacht schlechthin. Victoria herrschte zu dieser Zeit als Königin des vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland sowie ab 1876 ebenfalls als Kaiserin von Indien über mehr als ein Fünftel der Erde und ein Drittel der Weltbevölkerung.
Genug gute Gründe, um dieser bemerkenswerten Frau und absoluten Person der Zeitgeschichte ein ordentliches Biopic zu spendieren. Allerdings ist es mit filmischen Portraits so eine Sache. Vor allem dann, wenn sich die Macher möglicherweise zum Ziel gesetzt hatten, die portraitierte Person eher sympathisch als historisch korrekt abzubilden. Im Falle von Queen Victoria wurde sich damit beholfen, dass man sich auf das Jahr vor ihrer Thronbesteigung und die unmittelbare Zeit danach beschränkte, da sie in späteren Jahren nicht gerade die Königin der Herzen war.
Victoria (Emily Blunt) ist noch nicht ganz 18 Jahre und muss sich schon mit allerlei Problemen rumschlagen. Der regierende König, ihr Onkel und älterer Bruder ihres verstorbenen Vaters, blieb kinderlos. Damit ist sie die rechtmäßige Erbin des Throns; allerdings nur, wenn der König, der sich nicht allzu guter Gesundheit erfreut, solange durchhält, bis sie volljährig ist. Sonst müsste ein Regent gewählt werden, der anstelle des minderjährigen Monarchen regiert, bis dieser volljährig wird. Möglicherweise wäre das Victorias Mutter, eine Gebürtige von Sachsen-Coburg-Saalfeld aus dem deutschen Königshaus Hannover. Leider steht sie aber extrem unter dem Einfluss ihres neuen Gatten, Victorias Stiefvater, der seine Stunde gekommen sieht: Sitzt Victorias Mutter erstmal als Regentin auf dem Thron, herrscht er indirekt über das Land. Und vielleicht stellt sich auch heraus, dass man sogar besser wartet, bis Victoria 21 ist, bevor man sie krönt.
Während diese schmutzigen Intrigen und Politränkeleien im Halbverborgenen laufen, versucht sich Victoria ein wenig um ihr nichtvorhandenes Liebesleben zu kümmern. Aus Deutschland reißt zur Begutachtung Prinz Albert von Sachsen-Coburg an, ein Verwandter ihrer Mutter und ihr Cousin. Bei diesem hölzernen royalen Date - ganz nach den damaligen Sittsamkeitsvorstellungen - werden beide davon überrumpelt, dass sie sich gegenseitig richtiggehend sympathisch finden. Der Prinz war ursprünglich nicht der romantischen Liebe wegen angereist: Das Königshaus Hannover hat ein vitales Interesse daran, seinen Einfluss am britischen Hof zu bewahren. Nun wird Victoria aber zu seiner Herzensangelegenheit.
Nebst opulentem Geschichtsspektakel und Kostümorgie, wofür es auch einen Oscar dieses Jahr gab, ist Young Victoria deutlich mehr Coming-of-Age-Story als echtes Portrait oder gar Historiendrama. Aber derart lahm umgesetzt, dass man schon ausgesprochen gutes Sitzfleisch braucht. Abgesehen von dem endlosen Politgeplapper, das teilweise zur saftlosen Lehrstunde über höfische Intrigen gerät, ist es vor allem der absolut lustlos wirkenden Inszenierung zu verdanken, dass der Film wie eine schulische Pflichtveranstaltung wirkt. Und weder Emily Blunt, die zuletzt in Wolfman zu sehen war oder Rupert Friend, der letztes Jahr an der Seite von Michelle Pfeiffer in Cheri seinen Auftritt hatte, vermögen daran etwas zu ändern.
Die Stocksteifen Liebeseinlagen der beiden sind nicht annähernd in der Lage, diesem Streifen in irgendeiner Form Charme zu verpassen. Völlig gleichförmig plätschert die Geschichte höhepunktarm dahin und würde sich bestenfalls als Geschichtsstunde eignen, wenn nicht auch hier geschlampt worden wäre: So heiratete Victoria Prinz Albert in der Realität erst rund drei Jahre nach ihrer Thronbesteigung. Vermutlich wurden aber zugunsten romantischer Plattitüden die historischen Tatsachen der gewünschten Filmrealität "angepasst". Überdies erfährt man als eines der Resümees am Ende des Films, dass England unter Victoria eine nie gekannte wirtschaftliche Blüte erlebte. Das ist soweit auch richtig, wenn man ausklammert, dass dies vor allem für die Mittel- und Oberschicht galt - diese prekäre Information fällt einfach mal untern Tisch - ebenso wie nahezu alles aus ihrem späteren Leben.
Obwohl das Empire unter Queen Victoria stark wie noch nie war und sogar eine ganze Geschichtsepoche in England nach ihr benannt wurde, war sie in späteren Zeiten nicht unumstritten. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie immer schrulliger und launischer. Und auch ihr Gerechtigkeitssinn galt als sehr verschroben. Nicht zuletzt deshalb widmete ihr Lewis Carroll ein Pamphlet, in dem er sie als Queen of the Hearts in seinem Buch Alice's Adventures in Wonderland verballhornte. In der aktuellen Filmadaption Alice im Wunderland von Kultregisseur Tim Burton blieb davon allerdings wenig übrig. Dort heißt sie kurzerhand Rote Königin.
Young Victoria ist als historisches Streiflicht so überflüssig wie sonst was. Der Informationsgehalt ist minimal und hätte locker Platz in einem 30 Sekunden Spot. Unterhaltungswert gibt es kaum oder er beschränkt sich auf ein paar sehr britische Pointen. Bleibt festzuhalten, dass Queen Victoria fast 64 Jahre auf dem Thron saß und mit ihren Nachkommen nahezu alle europäischen Königshäuser mit Nachwuchs versorgte. Doch das lässt sich auch ohne einschläfernden Kinobesuch in Erfahrung bringen.