Ganze Prozessionen im Rollstuhl Sitzender und Sterbenskranker pilgern zu dem Ort, der vermeintlich die Kraft hat, jedes Gebrechen und jede Krankheit zu kurieren. Millionen haben Lourdes bereits besucht, um möglicherweise zu den wenigen Auserwählten zu gehören, die geheilt wurden. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Und eben dieser Umgang mit den Sehnsüchten und die Absurdität im Entscheid des Schicksals, worin der Gläubige den Ratsschluss Gottes zu sehen vermag, steht im Mittelpunkt dieses dokumentationsartigen Spielfilms, der sich mit seinem scharfen satirischen Blickwinkel nicht ausschließlich Freunde machen wird.
Das kleine, in der französischen Gascogne gelegene, Städtchen Lourdes gehört zu den bedeutendsten katholischen Wallfahrtsorten. Über sechs Millionen Pilger reisen jedes Jahr dorthin. Gleichzeitig bildet der etwa 16.000 Einwohner zählende Ort einen zentralen Ausgangspunkt für den Tourismus in den Pyrenäen. Somit umfasst das Hotelangebot rund um Lourdes etwa 30.000 Betten. Um die gewaltigen Pilgerströme zu organisieren und zu kanalisieren ist aber auch eine aufwendige Logistik notwendig, die eine Vielzahl Festangestellter wie ehrenamtlicher Helfer mit einschließt: 300 Festangestellte, 120 Saisonarbeiter und rund 7000 ehrenamtliche Helfer arbeiten allein am Wallfahrtsort selbst; weitere 100.000 ehrenamtliche Mitarbeiter finden sich zusätzlich in den sogenannten Hospitalités.
Solch ein Betrieb stellt auch eine immense Kostenquelle dar. Die Vermarktung von religiösen Devotionalien kennt kaum kreative Grenzen. Auf dem Weg zur Grotte ist die heilige Jungfrau omnipräsent: Mal liegt sie als weiß-blaues Plastikfläschchen mit Schraubverschluss in Körben auf der Straße, mal steht sie als Statue in einem Regal oder lächelt als aufgedrucktes Bildchen von einer Kerze. Vor den Souvenir-Shops herrscht immer reger Hochbetrieb. Für die einst von Schweinezucht geprägte Kleinstadt ist der Pilgertourismus längst zur wichtigsten Einnahmequelle geworden. Industrie existiert kaum. Stattdessen versuchen die Einwohner mit Hotels, Cafés und Andenkenläden ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber die Saison ist kurz und der Kampf hart, um die schmalen Geldbörsen der mitunter nicht eben wohlhabenden Pilger; jeder versucht sein Stück vom Kuchen zu ergattern.
Grund für diesen nicht enden wollenden Strom Gläubiger ist eine Marienerscheinung, welche die Müllerstochter Bernadette im Jahre 1858 gehabt haben soll. Insgesamt 18-mal soll die Jungfrau Maria der jungen Frau erschienen sein und sogar zu ihr gesprochen haben: Trinkt an der Quelle und wascht euch darin. Millionen von Gläubigen mit unterschiedlich schweren körperlichen wie seelischen Gebrechen und viele Tausende Sterbenskranke reisen seither aufgrund dieser religiösen Offenbarung an diesen Ort und erhoffen sich Besserung, vielleicht Heilung oder zumindest eine außergewöhnliche spirituelle Erfahrung. Tatsächlich wurden in den letzten 120 Jahren etwa 7.000 Genesungen verzeichnet. Als "wunderähnliche" außergewöhnliche Heilungen wurden aber bis heute lediglich 67 von der Katholischen Kirche anerkannt. Doch selbst großzügig mit der Zahl von 7.000 gerechnet, ergibt das auf die Gesamtzahl der Pilger hochgerechnet, eine Heilungsquote wie sie beispielsweise bei der natürlichen Spontanremission (vollständige körpereigene Genesung) Krebskranker zu beobachten ist (20-30 auf 100.000).
Jessica Hausners (Drehbuch und Regie) filmisches Statement zur kollektiven Hoffnung- und Heilsvermarktung, jeder potenziell Geheilte lockt schließlich Abertausende neuer Pilger an diese Stätte, ist ein zynisches wie boshaftes Märchen. Vom Format her am besten als Fiktion-Doku zu charakterisieren, entwickelt sich eine Geschichte, die sich gleichermaßen um die Sehnsüchte der Menschen wie die Willkür des Schicksals dreht. Vordergründig sakral, führt der Film die anonymisierte Durchschleusung Sterbenskranker zwischen Hoffnung und Resignation vor; zur Bedienung einer Geldmachmaschinerie, die von dem Leid und dem Glauben der Kranken angetrieben wird. Im Fokus der Satire wird aber nicht der Pilger vorgeführt, vielmehr wie mit ihm umgegangen wird und wie das Hamsterrad funktioniert, in das er sich in seiner Verzweiflung begeben hat.
Aus dem Blickwinkel der gelähmten Pilgerin Christine (Sylvie Testud) erlebt man das Geschehen im Wallfahrtsort. In welch bevormundender Weise mit den Kranken umgegangen wird, die Hoffnungen, welche die Menschen in sich tragen, die Verzweiflung angesichts der Tatsache, dass vielleicht jemand anders "erwählt und geheilt wurde" und man selber nicht. Die Frage, warum ein gütiger Gott so handeln mag? Und plattitüdenhafte Antworten, welche die Seelsorger auf die Fragen bereit halten, warum Ich? Die Antworten, die ein Priester zu geben vermag, mögen zwar endlich sein, aber mitzuerleben, wie Schwerstkranken gesagt wird: Du musst deine Krankheit und Schicksal annehmen, einen Sinn darin entdecken und das Positive darin sehen, da es "Sein Wille" ist und "Er" allein weiß warum dir dieses aufgebürdet wurde., gleicht einem Schlag ins Gesicht; welch maßlose Arroganz, Impertinenz und Anmaßung von einem völlig Gesunden gesagt zu bekommen: Glaubst du, dein Leben wäre glücklicher, wenn deine Beine funktionieren würden?
Die filmische Umsetzung dieser unterschwellig vor Sarkasmus durchzogenen Inszenierung unter der Käseglocke dieses spirituellen Hot-Spots wirkt altbacken, puristisch und manchmal regelrecht steril. Die grundlegend skurrile bis leicht surreale Atmosphäre erinnert mitunter sogar an tschechische Filmklassiker wie Die Märchenbraut. Manchmal wartet man regelrecht darauf, dass der böse Hexer Rumborak mit seinem Zauberring um die Ecke kommt und beginnt die Realität zu verändern. Und gewissermaßen wird dieses Motiv auch wirklich angewendet: Christine gesundet - urplötzlich ist ihr alles möglich, was bisher anderen vorbehalten war. Anstatt bloß davon zu träumen, einen Partner zu finden, das Leben zu genießen und eine Familie zu gründen und die anderen sehnsuchtsvoll aus der Ferne zu beobachten, für die das alles selbstverständlich ist, befindet sie sich nun in der privilegierten Situation, es selbst tun zu können. Wenn das Wunder bloß von Dauer ist. Was wäre das aber für ein Gott, der ihr dieses Geschenk macht und dann wieder raubt? Wäre es möglich auch darin einen Sinn und etwas Positives zu erkennen?
Man könnte der österreichischen Filmmacherin Hausner mangelnde Spiritualität vorwerfen, den Blickwinkel einer Zweiflerin oder gar Atheistin. Es wäre möglich ihr zu unterstellen, diesen "heiligen Ort" als Bühne zu missbrauchen, um einem Antikatholizismus zu frönen; damit die Stätte an sich zu entweihen. Fakt ist, dass die Ambivalenz aus Hoffnung geben und Kommerz huldigen solcher Wallfahrtsorte eindeutig herausgearbeitet wurde und die Frage gesetzt, nach welchem Kriterienkatalog wohl manch einer und ein anderer nicht "in Gnade fällt"? Das Drama des Sterbenden bekommt an solch einem Ort - und in Angesicht eines scheinbar willkürlich agierenden Gottes - einen besonders makaberen Touch. Unabhängig also von der persönlichen religiösen Tendenz der Regisseurin, entlarven sich solch Heilsstätten regelrecht von selber - als spirituelle Super-Placebos, die überteuert über die Ladentheke gehen. Den Gläubigen mag das aber völlig unbeeindruckt lassen, und letzten Endes gestaltet es sich sehr schwierig, etwas im Absoluten in Frage zu stellen, dass einem Sterbenden Trost und Hoffnung zu spenden vermag.