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Die Friseuse

(Die Friseuse, 2010)

Dt.Start: 18. Februar 2010 Premiere: Februar 2010 (Deutschland)
FSK: o.A. Genre: Komödie
Länge: 108 min Land: Deutschland
Darsteller: Gabriela Maria Schmeide (Kathi), Natascha Lawiszus (Julia), Ill-Young Kim (Tien), Christina Große (Silke), Rolf Zacher (Joe), Maria Happel (Centerleiterin), Maren Kroymann (Frau Krieger), Matthias Freihof (Micha)
Regie: Doris Dörrie
Drehbuch: Laila Stieler


Inhalt

Eigentlich wollte die arbeitslose Friseuse Kathi König, die mit ihrer Tochter in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Marzahn lebt, nur endlich wieder in ihrem Traumberuf arbeiten. Als sie sich jedoch im nahegelegenen Einkaufszentrum für ihren neuen Job als Filialleiterin eines Friseurgeschäfts vorstellt, weist man sie wegen ihrer Körperfülle ab. Denn Kathi ist ziemlich dick. Frustriert aber trotzig setzt sie fortan alles daran, im leerstehenden Asia-Imbiss gleich nebenan einen Konkurrenzsalon zu eröffnen, doch das klingt einfacher, als es wirklich ist.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Die Friseuse hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 62%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Die Friseuse hat eine Wertung von 62%
Nicht alle Menschen haben im Leben die selben Startvorgaben. Für Kathi hielt das Leben bisher wenig positive Zeiten bereit. Sie trägt nicht nur an ihren überzähligen Pfunden schwer, auch sonst plagen sie viele Sorgen. Dennoch verfolgt sie hartnäckig ihren Traum von einem eigenen Frisörsalon. Doris Dörries neuestes Kabinettsstückchen ist gleichermaßen kurioser wie furioser Trip in eine überdrehte Realität am Rand der Gesellschaft. Gleich in mehrfacher Hinsicht erinnert der Blick der Regisseurin dabei an eine feinanatomische Studie, die, als Gegenpol zur starken Überzeichnung, der Story Glaubwürdigkeit zu verleihen vermag.

Bild aus Die Friseuse Passend zur fünften Jahreszeit, die gerne überaus närrisch im Rheinland begangen wird, stimmt die kölsche Karnevals-Combo Die Höhner immer wieder ein ganz bestimmtes Lied an. Es ist sozusagen die Ode an die Rubensfrau schlechthin, deren Refrain lautet: Dicke Mädchen haben schöne Namen. Heißen Tosca, Rosa, oder Carmen. Dicke Mädchen machen mich verrückt. Dicke Mädchen hat der Himmel geschickt! Außer der kölner Band hat offensichtlich noch jemand anders aktuell einen Narren an den wohlproportionierten Damen gefressen.

Erfolgsregisseurin Doris Dörrie (Männer, Kirschblüten - Hanami) siedelt die Geschichte ihrer schwergewichtigen Protagonistin im Berliner Bezirk Marzahn an. Zu Comedy-Ehren ist dieser soziale Hot-Spot durch die "Rosa Bombe" Cindy aus Marzahn gekommen; ganz so lustig geht es in diesem von Arbeitslosigkeit geplagten Stadtteil indes nicht zu. Kathi (Gabriela Maria Schmeide), eine überaus opulente Dame, die das Frisörhandwerk noch in der ehemaligen DDR erlernte und bemüht ist, stets allem eine positive Seite abzugewinnen, hat es im Leben nicht leicht: Ihre Scheidung hat äußerlich wie im Inneren Spuren hinterlassen, sie hat derzeit keinen Job und das Verhältnis zu ihrer fast erwachsenen Tochter Julia (Natascha Lawiszus), die noch bei ihr lebt, ist mehr als angespannt.

Die lebenslustige Wuchtbrumme lässt sich aber davon nicht unterkriegen. Als ihr das Jobcenter ein Vorstellungsgespräch in einem Frisörsalon in einem Einkaufszentrum vermittelt, ist sie gleich Feuer und Flamme. Kathi ist nicht nur voller Tatendrang, sie hat auch immer eine Menge kreativer Ideen. Ein Blick auf das Haupthaar eines potenziellen Kunden und schon sieht sie mannigfaltige Möglichkeiten, das zu optimieren. Mit ihrem übersprudelnden Elan und offenherzigem Wesen überrollt sie aber schon mal ihr Gegenüber. Beim Vorstellungsgespräch kann sie jedenfalls nicht punkten. Der Salonchefin ist vor allem ihre körperliche Präsenz ein Dorn im Auge. Sie sagt ihr in aller Deutlichkeit, dass sie einfach nicht den ästhetischen Anforderungen des Berufes genügt.

Kathi ist anfänglich vor den Kopf gestoßen, es braucht aber nur Minuten bis sie Plan B aus dem Hut zaubert: gegenüber dem Salon, in dem sie eine Abfuhr erntete, hat unlängst ein asiatischer Imbiss geschlossen und genau dort schwebt ihr nun vor, einen eigenen Salon zu eröffnen. Bleibt das Problem der Finanzierung, das nicht nur zu einem behördlichen Akt gerät, sondern Kathi sogar bis in die Niederungen organisierter Menschenschleuser-Banden führt. Das verschafft dem Begriff "Wagniskapital" gleich eine völlig neue Bedeutungsdimension.

Der Film liefert einen schrillen, illustren und überdrehten Blick nach unten - in die sozialen Niederungen und an die Ränder unserer Gesellschaft. Dass das Treiben sich dabei ausgesprochen spaßig darstellt, macht oft vergessen, dass es im Grunde eine eher traurige Geschichte ist. Kathi wird immer wieder (auch völlig unverschuldet) vom Schicksal gebeutelt. Es ließe sich vielleicht argumentieren, das sei eben das pralle Leben - in sich weder gut noch schlecht; es passiert lediglich, und die Protagonistin lässt sich trotz aller Tiefschläge nicht niederkämpfen. Dazu gehören nicht nur ausgesprochene Nehmerqualitäten, sondern auch ein enormer Mut, um sich dem Pech immer wieder entgegenzustemmen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist der Film eine bravourös gelungene Ode an die mutige Frau, die trotz schlechter Startvorgaben und entgegen aller Widerstände ihre Träume voller Idealismus verfolgt.

Es fehlen nur oft die Zwischentöne. Doris Dörrie begleitet jeden stapfenden Gang der Heldin zum Amt oder einem wichtigen Termin mit elefantösem Trompeten; treppauf, treppab wird die Szenerie mit enervierender instrumentaler Musik unterlegt. Wenn die Protagonistin der Regisseurin derart am Herzen liegt, stellt sich unweigerlich die Frage, warum sie diese stets zur Karikatur degradiert? Auffälligerweise trifft diese ausufernde Überzeichnung auf die meisten der auftauchenden Figuren zu. Die einzige Person, die wirklich geerdet scheint, ist Kathis Tochter. In dieser überdrehten Groteske gehören ihr alle wesentlichen emotionalen Augenblicke; etwas was der Hauptfigur bestimmt auch zuträglich gewesen wäre. Deren melancholische Anwandlungen gehen meist in penetranter Fröhlichkeit unter oder müssen aus den Bildern (mühsam) zusammengestückelt werden.

Die Friseuse ist eine ebenso bitter-süße wie tragisch-komische Geschichte (mit eindeutiger Übergewichtung der komischen Seite), die über weite Strecken mitzureißen vermag. Nach der Hälfte geht dem Fanfaren-lastigen Spektakel aber etwas die Puste aus, da sich erzählerisch alles ausschließlich um den Frisörsalon dreht. Lokalkolorit und parodistische Zeichnungen des Beamtenapparates sind lediglich Beiwerk, das auf dem Weg mitgenommen wird. Um das Abflauen der Spannung aber nicht allzu deutlich spürbar zu machen, wird ein etwas bizarrer Nebenplot eingebaut, der nicht ausgesprochen glaubwürdig wirkt und zudem zu sehr ausgewalzt wurde. Damit bleiben letzten Endes gewisse Längen nicht aus. Insgesamt ist der Film aber durchaus unterhaltsam, was vor allem der überzeugenden Leistung Gabriela Maria Schmeides geschuldet ist. Im Nachhinein könnte man sich aber durchaus fragen, welche "Moral" oder welche Botschaft diese Geschichte eigentlich beherbergen sollte?



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