Marc Rensing setzt in seinem Spielfilmdebüt auf die spektakuläre Sportart Parkour, bei der Menschen schier unüberwindbare Hindernisse einfach hinter sich lassen und sich akrobatisch von einem Ort zum anderen bewegen. Leider schöpft er das optische Potential, das hierin gelegen und den Film gerade am Anfang deutlich spannender gestaltet hätte, nicht ganz aus. Auch die Kerngeschichte um den Gerüstbauer Richie braucht ihre Zeit, bis sie den Zuschauer vollends gepackt hat. Ist es dann aber einmal so weit, entspinnt sich ein Psychogramm eines jungen Menschen, der seine Zwänge nicht so einfach überwinden kann wie Häuserwände und gipfelt in einem mutigen, aber grandiosen Ende.
Die Sportart Parkour stammt aus Frankreich und verlangt den "Athleten" alles ab. Akrobatisch werden Hindernisse übersprungen und Mauern hochgeklettert. Das Ziel ist dabei immer, auf dem direkten Weg von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Für den Sportler ist es eine enorme Herausforderung, die jahrelanges Training verlangt, für den Zuschauer ein beeindruckendes Spektakel, das immer wieder in Erstaunen versetzt. So erwartet man sich bei einem Film, der diesen Namen trägt, eigentlich nichts anderes als pure Energie und atemberaubende Sequenzen. Leider wird man von diesem Aspekt des Spielfilmdebüts von Marc Rensing ein wenig enttäuscht. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Drama, doch kokettiert der Film schon im Trailer mit seiner sportlichen Seite und schürt somit die Erwartungen in die falsche Richtung. Die Sportart Parkour spielt zwar durchaus eine große Rolle und wird von den Schauspielern auch solide gemeistert, doch hätte man sich noch mehr spektakuläre Szenen erhofft.
Gerade in der ersten Hälfte des Filmes fällt dies negativ auf. Zwar startet der Film absolut vielversprechend mit den drei Freunden Richie, Nonne und Paule, die auf ihrem Weg zum Schwimmbad so manch ein Hindernis hinter sich lassen, doch folgt im weiteren Verlauf zu wenig. Anfangs schwächelt der Film zudem in der Geschichte, da der Zuschauer noch weit weg von den Personen und deren Beweggründen ist. Hier hätten ein paar weitere akrobatische und gut geschnittene Sequenzen sicherlich einiges gerettet.
Im Kern jedoch ist Parkour kein Sportfilm oder etwas derartiges, sondern ein Drama, das sich mit der psychischen Verfassung des Gerüstbauers Richie beschäftigt. Dieser hat sich mit seinen beiden Kollegen Frankie und Janko den Ruf der schnellsten Gerüstbauer erarbeitet und hofft nun auf viele Aufträge. Doch es läuft nicht alles so, wie geplant. Sein Auftraggeber Lehmann verweigert ihm die Zahlung und Richie weiß nicht weiter. Da passiert auch noch ein schreckliches Unglück: Janko fällt aus enormer Höhe vom Gerüst, weil er nicht gesichert war, und Richie ist Schuld. Zu allem Überfluss plagen Richie auch noch starke Gefühle der Eifersucht bezüglich seiner Freundin Hannah. Die lernt gerade auf ihre Abiturprüfungen und lässt sich von Nonne Nachhilfe in Mathe geben. Obwohl es anfangs Richies Idee war, Nonne zu fragen, hat er nun den Verdacht, sein Kumpel könnte ihn hintergehen und mit Hannah noch ganz andere Dinge tun. Lediglich beim Parkour erfährt Richie noch Erfolge und kann sich motivieren. Doch das reicht irgendwann nicht mehr als Kompensation.
In Parkour wurden einige sehr gute Ansätze verarbeitet, die ein gutes Psycho-Drama ausmachen. Das ist vor allem der Leistung Christoph Letkowskis zu verdanken, dem man die Entwicklung vom gut trainierten Sportler zum psychischen Frack nicht nur äußerlich deutlich anmerkt. So kann man am Ende des Films den Charakter Richie absolut verstehen und leidet fast schon mit ihm. Auch die Schlusssequenz ist einmalig gewählt. Sie wird zwar für gespaltene Meinungen sorgen, ist aber konsequenterweise die einzige Möglichkeit, den Film enden zu lassen. Leider schwächelt das Werk aber an einigen Stellen enorm, so dass gerade am Anfang keine wirkliche Intensität aufkommt. Es braucht eine gewisse Zeit, bis man Zugang zur Figur Richie erhält und sich über die Geschehnisse, die vor allem im Inneren des jungen Mannes vorgehen, im Klaren ist. Auch bleiben die Nebenfiguren, wie beispielsweise Nonne, zu wenig beleuchtet, um sie wirklich richtig einschätzen zu können. Erst zum Ende hin lichtet sich das Dunkel ein wenig, so dass man sich ein Gesamtbild schaffen kann. Das verlangt dem Zuschauer Geduld und auch Aufmerksamkeit ab, die am Ende allerdings belohnt wird.
Der Film ist sicherlich nicht für jeden Kinogänger geeignet. Ist man beispielsweise auf actionreiche Parkour-Szenen aus, so sollte man lieber auf andere Machwerke, beispielsweise von Altmeister Luc Besson, zurückgreifen, da man bei Parkour nicht das finden wird, was man sucht. Auch Mainstream-Fans werden keine Freude haben, die sich vielleicht ein Psycho-Drama ala Hollywood erhoffen. Wer aber im Kino nicht nur berieselt werden möchte und über kleinere Schwächen in der Inszenierung hinwegsehen kann, der wird am Ende mit einem guten Gefühl den Kinosaal verlassen.