Eine ebenso intensive wie beklemmende Reise in die bizarre Gangrealität Lateinamerikas liefert Sin Nombre. Fesselnd, faszinierend und erschreckend zugleich sind die Einblicke, die in diese Lebewelten weitab unserer Normalität gewährt werden und zugleich vorhersehbar schreitet die Handlung ab einem bestimmten Zeitpunkt voran. Grundsätzlich kann die Kombination aus Thriller, Roadmovie und Liebesgeschichte als gelungen angesehen werden. Und auch die konsequent fatalistische Haltung ist glaubwürdig, nur die dramaturgische Balance, die nicht ganz hinhaut, verhindert schlussendlich, dass Sin Nombre zum Meisterwerk gerät.
Migrations- und Ethnodramen sind derzeit sehr populär. Das kann schon mal zum kunterbunten klamaukhaften Potpourri ausarten, in Tragik und Pathos ausufern oder gar zu klischeehaft geraten, wie in Salami Aleikum, Min Dit: Die Kinder von Diyarbakir oder Crossing Over. Einen ganz anderen Weg geht Sin Nombre: Nebst seinen Migrationsmotiven und dem durchgängigen Ethnokolorit ist dieser Film zugleich Roadmovie, Unterwelt-Thriller und fragile Liebesgeschichte. Sein zudem epischer Erzählbogen und die poetische Bildsprache, der er sich bedient, verleihen ihm eine Dimension, die ihn beinahe überragend macht.
Der Erzählgehalt ist dabei im Grunde nicht einmal besonders hoch. Casper (Edgar Flores) ist Mitglied eines regionalen Ablegers, der ebenso brutalen wie berühmt-berüchtigten mexikanischen Mara Salvatrucha, der größten und gefährlichsten Gang der Welt. Einmal dabei, gibt es nur noch einen Weg diese Brüderschaft wieder zu verlassen. Respekt, Treue, unbedingte Loyalität bis in den Tod und die Bereitschaft jeden Feind der Mara bis aufs Blut zu bekämpfen, gehören zum Codex. Die Mitglieder empfinden es als Privileg, dabei sein zu dürfen, und stellen stolz ihre zahlreichen Tätowierungen zur Schau, die sie als zugehörig kennzeichnen.
Die Mitglieder der Mara stehen sich aber nicht nur bedingungslos zur Seite, sie teilen auch alles miteinander. Als Casper die Regeln der Gang beugt, indem er seine Freundin verschweigt, die er in einem Bezirk außerhalb des Territoriums der Mara hat, gerät er in Schwierigkeiten. Was für ihn immens viel Ärger bedeutet, entwickelt sich für seine Freundin aber verheerend. Das ist der Augenblick, indem Casper innerlich den Dienst bei der Mara quittiert. Er muss nur noch den richtigen Zeitpunkt finden, sich abzusetzen.
Wenig später ist er mit dem Gang-Boss Lil' Magos (Tenoch Huerta Mejia) unterwegs, dem Mann, der für den Tod seiner Freundin verantwortlich ist. Er hat vor, Flüchtlinge aus Süd- und Mittelamerika, die illegal auf Güterzügen in Richtung USA reisen, auszurauben; mit dabei ist auch der zwölfjährige Smiley (Kristyan Ferrer), den Casper selbst in die Gang einführte und den er wie einen Bruder liebt. Als sich Lil' Magos auf die junge Honduranerin Sayra (Paulina Gaitan) stürzt, die mit ein paar Verwandten unterwegs ist, schreitet Casper ein. Da es nun für ihn kein Zurück mehr gibt, reist er einfach auf dem Zug mit. Sayra fühlt sich zu dem Unbekannten hingezogen, der ihr höchstwahrscheinlich das Leben rettete. Sie ist auf dem Weg zu ihren Angehörigen in die USA. Zusammen reisen sie nun ihrem jeweiligen Ziel entgegen, aber nur Casper kennt genau den Ausgang seiner Reise. Jetzt, da die Mara die Hatz auf ihn eröffnen wird, ist sein Schicksal besiegelt.
Es dauert nur wenige Augenblicke bis Sin Nombre zupackt. Das Regiedebüt von Gary Fukanaga hat alles, was ein großer Film braucht: er ist handwerklich grundsolide durchinszeniert; die Spannung entsteht ohne künstliches Zutun aus sich heraus; es gelingt ihm, eine spürbare Präsenz von Gefahr aufzubauen; die Gangklischees wirken jede Sekunde glaubwürdig; und es gelingt ihm, in eine der absonderlichsten Lebewelten, die man sich nur vorstellen kann, zu entführen. Trotz vieler fruchtbarer Dinge, die auch hierzulande passieren mögen, reicht kaum etwas an die Ebenen organisierter krimineller Menschenleben-verachtender Subkultur heran, wie sie in Sin Nombre skizziert werden. Dieses Eintauchen in die Realität lateinamerikanischer Unterweltmilieus kennzeichnet zwar nicht den ganzen Film, sorgt aber durch die Eindringlichkeit der Schilderung, die aus einer alltäglichen Selbstverständlichkeit heraus entsteht und durch die fatalistische Unvermeidbarkeit der Ereignisse, für Intensität und Beklemmung.
Dass Sin Nombre trotz dieser Ansätze nicht zum Debütanten-Meisterwerk gerät, liegt daran, dass die Handlung im Verlauf schwächelt: Anstatt die Spannung immer weiter aufzubauen und dem Film ein furioses Finale zu bescheren, wie das Gangster-Epen vom Heat-Format tun, verzettelt sich der Streifen zusehends. Und auch die Romanze, die an sich schon etwas genötigt wirkte, produziert Wendungen, die zu vorhersehbar wirken. Diese Defizite hätten durchaus aufgefangen werden können, wenn dem starken Nebenplot mehr Akzente zugebilligt und die Dramaturgie besser ausbalanciert worden wäre: Bezieht Sin Nombre einen gehörigen Teil seiner Bedeutungsschwere doch draus, dass eins der Gangmitglieder, die auf Casper gnadenlose Hatz machen, sein brüderlicher Zögling Smiley ist. Genau damit wird aber die Chance verschenkt, den Figuren Vielschichtigkeit und Komplexität zu verleihen.
So vermittelt der Film schlussendlich einerseits den Eindruck, ein abgründiges Beinahe-Meisterwerk und anderseits nicht mehr als ein etwas groteskes Allerwelts-Gangstermovie kombiniert mit ein paar Ethno-Romeo-und-Julia-Plattitüden zu sein. Am Ersteren schrammt Sin Nombre tatsächlich knapp vorbei, Letzteres gerät nicht penetrant genug, um den Film verderben zu können. Damit bleibt unterm Strich immer noch genug Gehalt, um den Film weit über das Durchschnittliche zu erheben und ihn zu einer außergewöhnlichen Erfahrung zu machen.