Eine kleine Reise in die spirituellen Höhen von Rudolf Steiners Anthroposophie liefert die Dokumentation von Filmemacher Christian Labhart. Wer eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dieser religionsähnlichen Weltanschauung erwartet, wird aber enttäuscht werden. Ein gut bekömmliches buntes Potpourri aus der Vielfalt dieses Systems wird dargeboten. Berieselnd, ja! Aber alles andere als ernstlich hinterfragend oder gar polarisierend. Etwas, was die Anthroposophie aber durchaus leistet, gibt es doch glühende Anhänger wie harsche Kritiker des Systems.
Vom "Göttlichen" existieren bestimmt ebenso viele Vorstellungen, wie es auch Menschen gibt. Nicht jeder entwickelt daraus aber gleich eine eigene Philosophie, Heilslehre und pädagogisches System, ganzheitliche spirituelle Weltanschauung, landwirtschaftliche Methode, Bewegungskunst und vieles mehr. Rudolf Steiner (1861-1925) schon: Der österreichische Philosoph und Esoteriker entwickelte aus verschiedenen Weltanschauungen und Denkschulen wie dem Deutschen Idealismus, der im Wesentlichen auf Immanuel Kant (1724-1804) zurückgeht, Elementen der Philosophie Goethes (1749-1832), der Gnosis, einer Art mystischen Geheimwissens der ersten nachchristlichen Jahrhunderte und fernöstlichen Anteilen seine Anthroposophie.
Diese wilde Mischung der unterschiedlichsten Geistes- und Wissensrichtungen zeigt bereits im Ansatz, dass die Anthroposophie als abgegrenztes System schwer skizzierbar ist. Der Begriff an sich leitet sich aus dem Griechischen ab: Anthropos bedeutet Mensch und Sophie beschreibt schlichtweg die Weisheit an sich. Zusammengesetzt ist die Anthroposophie also die Weisheit vom Menschen (was immer das genau bedeuten soll). Auf jeden Fall stellt sie einen komplexen und schillernden spirituellen Kosmos dar, der sich aber nur dem Eingeweihten entschlüsselt. Vielleicht behaupten deshalb die Anhänger, es wäre eben nicht intellektuell erfahrbar, sondern nur fühlbar und erlebbar. Die Gegner dieser Bewegung - und die gibt es reichlich - sehen diese Lehre indes in einem anderen Licht.
Filmemacher Christian Labhart nimmt auf eine Reise mit, die versucht einige Aspekte des großen Spektrums der Anthroposophie vorurteilsfrei darzustellen, aber auch den Raum für kritische Töne zu eröffnen - und sei es selbst Steiner, der von seinen Anhängern gurugleich verehrt wird, infrage zustellen. Exemplarisch richtet Labhart sein Augenmerk auf die Betrachtung einer Schulklasse einer Waldorfschule und der dort unterrichtenden Lehrerin; er stellt den Aufbau und die Struktur eines biodynamischen Hofs vor, spannt den Bogen zu einer anthroposophischen Farm in Ägypten, lässt Künstler zu Wort kommen, die an ebensolchen Lehranstalten ausgebildet wurden und besinnt sich schlussendlich, auch unangenehme Fragen stellen zu lassen.
Eine der wesentlichen darunter, die nach der Durchsetzungsfähigkeit junger Menschen, nachdem sie die anthroposophischen Lehranstalten verlassen haben und von dieser sehr behüteten Welt, in der Wesens- und Charakterbildung sowie die künstlerische Erziehung des Menschen im Mittelpunkt stehen, in die sogenannte harte Realität wechseln. Hier wird leider aber nur eine Stimme geliefert, die sich ernstlich kritisch äußert, und auch bei der zweiten bedeutenden Frage, nach Steiners rassischer Weltanschauung, gibt es nur die Allgemeinphrase zu vernehmen, dass er, als Produkt seiner Zeit, diese Dinge ebenso wie seine Zeitgenossen sah (und irrte). Hier verpasst die Doku die Gelegenheit, tiefer einzusteigen und auf diesen unangenehmen Pfaden eine Zeitlang zu wandeln.
Aber auch so erweckt dieses System in den dargestellten Beispielen den Anschein einer künstlich gezimmerten Welt, die sich willentlich aus dem "Wettbewerb" ausnimmt. Aus heiltherapeutischer Sicht ist prinzipiell und für eine gewisse Zeit, nichts dagegen einzuwenden; aber zur kompletten Charakterentwicklung gehört auch der adäquate Umgang mit Konflikten. Die frühkindliche künstlerische Förderung ist bestimmt auch nicht verkehrt, aber auch das kann man ohne ein spirituelles Korsett haben.
Bei alldem ist Dreh- und Angelpunkt der Doku, von der Regisseur Labhart selber sagt, sie könne nicht mehr als ein Streiflicht der Vielfalt sein, das Goetheanum, ein monumentaler Prachtbau auf einer Bergkuppe in der Schweiz, der nach dem deutschen Dichter benannt wurde. Die Monstrosität mit ihren fließenden Formen und Strukturen (es gibt nahezu keine rechten Winkel) beherbergt den Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der sogenannten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Bedrohlich thront der Kuppelbau über dem Tal und wüsste man es nicht besser, er könnte glatt auch für manch einen Dreh eines Horrorfilms herhalten. Ein Symbol für Steiners Überzeugung, dass der Anthroposoph über den Dingen der gemeinen Welt weilt.
Trotzdem gelingt es Labhart auch dieser Facette neutral bis wohlwollend gegenüberzustehen. Das im Vorhinein selbstgesteckte Ziel, Ambivalenzen auszuarbeiten und kritisch an das System der Anthroposophie heranzugehen, scheint damit nicht wirklich erreicht. Und es stellt sich auch generell die Frage, ob jemand, dessen eigene Kinder ganze 14 Jahre eine anthroposophische Schule besuchten (woraus Labhart aber kein Geheimnis macht), völlig unbefangen ein Bild dieses Systems skizzieren kann. Doch wie dem auch sei: tiefgreifende Einsichten werden ohnehin nicht geliefert. Wer sich ernstlich für diese Weltanschauung interessiert, wird nach dem Film Bedarf nach mehr und tiefschürfenderer Information verspüren.