Geisteswissenschaften studieren - vielleicht anschließend promovieren - und das ganze Leben steht einem offen. Mit einem Doktortitel in Philosophie und der Auszeichnung "cum laude" in der Tasche wird sich schon die angemessen honorierte Stelle finden. Martha, Mitte 20 und attraktiv, stellt fest, wie sehr man sich irren kann und wie unsinnig es im Leben manchmal ist, Pläne zu machen. Das ganze Leben liegt vor dir ist ein wilder Ritt mit reichlich Persiflage-Elementen, der es dem Zuschauer nicht immer leicht macht, dem Geschehen zu folgen, aber vor Vitalität regelrecht übersprüht und damit einfach bezaubert.
Martha (Isabella Ragonese) hat gerade in Philosophie promoviert und hofft auf eine gute Jobgelegenheit. Sie muss aber bald feststellen, dass das Leben nicht auf eine weitere Geisteswissenschaftlerin gewartet hat. Mit ihren Bemühungen um Arbeit hat sie jedenfalls erstmal Pech. Doch Geld für Essen und Miete müssen her, also wird sich nach irgendeinem Brotjob umgeschaut. Eine gleichermaßen flüchtige wie wundersame Begegnung kommt ihr da zur Hilfe: In einem Bus gibt ihr ein kleines Mädchen einen Zettel mit einer Telefonnummer. Als sie später mehr aus Neugier anruft, stellt sich heraus, dass die Mutter der Kleinen, Sonia (Micaela Ramazzotti), gerade eine Babysitterin sucht. So stolpert Martha mit abgeschlossenem Philosophiestudium in eine Nanny-Stelle. Der Verdienst dort reicht aber nicht zum Leben aus und Martha nutzt Sonias Angebot, ihr im selben Callcenter, in dem sie beschäftigt ist, eine Stelle zu besorgen.
Der Job im Callcenter, in dem unnütze Wasseraufbereiter per Telemarketing verscherbelt werden, sagt Martha anfangs gar nicht zu. Lächerliche Motivationsmeetings und jeden Morgen gemeinsam den Erfolgssong trällern - das hat beinahe was von einer Sekte. Das ist nicht das Italien, das Martha kennt und liebt; es ist eine Art surreale Anderswelt mit amerikanischem Hire-and-Fire-Diktat, in der nur derjenige überlebt, der auch zum Profit beiträgt. Erstaunlicherweise kommen Martha aber genau dort ihre im Studium erworbenen Fähigkeiten zunutze: Sie versteht die menschliche Seele besser als ihre Kolleginnen, weiß genau, wie sie Vertrauen generieren kann, und stellt sich auf jeden Kunden ein, indem es ihr gelingt, blitzschnell seine emotionale Situation zu erraten, damit auch seine Bedürfnisse zu spiegeln. Das macht sie in der Chefetage schnell beliebt, doch zu welchem Preis? Kann es sein, dass sie an diesem Ort des Ausverkaufs nicht nur ihre Jugend verschwendet, sondern auch ihre Seele zu Markte trägt?!
Das ganze Leben liegt vor dir ist gewissermaßen alles: das pralle Leben in all seinen Facetten. Nur eben schneller, quirliger, chaotischer, lustiger und trauriger zugleich. Der Film ist ganz schön schrill, schnell und überdreht. Persifliert wird dabei so ziemlich alles, was vor die Flinte gerät: die da oben (in der Gesellschaft), die unten, das alte Italien und das neue medienverseuchte auch; kurz das Italien, welches amerikanischer zu sein versucht, als Amerika selbst. Das Callcenter ist erwartungsgemäß der Ort, an dem sich der Wahnsinn kumuliert. Die Menschen gleichgeschaltet, müssen sich passgenau in den "Corporate Behavior" und die Philosophie des Unternehmens einfügen - die Karikatur einer modernen vermarktungsorientierten Welt.
Martha steht zum Teil synonym für eine ganze Genration. Für viele junge Menschen, die während ihres Studium meist in einer recht behüteten Welt mit eigenen Regeln leben: Studieren, Partymachen und über Gott- und die Welt Philosophieren. Gerade die Geisteswissenschaftler wandeln während des Studiums durch wenig geerdete Sphären - haben die Vorstellung nach dem Abschluss die Welt verbessern zu können - und erleben mitunter, oft denkbar schlecht für den alltäglichen Überlebenskampf gerüstet, eine unsanfte Landung, wenn sie tatsächlich mit dem "prallen Leben" konfrontiert werden. Auch diese Ambivalenz steckt im Film; allerdings ebenfalls der positive Ansatz, wie man mit dem Erlernten ganz neue kreative Pfade beschreiten kann und damit letzten Endes vielleicht doch ein wenig die Welt (zum Besseren) verändert.
Inszenatorisch ist dem Film kein Stilmittel zu krude, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. In Bollywood-look-alike-Manier gibt es bizarre Tanz- und Gesangseinlagen, viele Figuren wirken glatt wie aus einem Comic ausgestanzt und in den Film verfrachtet. Und es gibt auch einfach reichlich Momente, die wie aus einem Woody-Allen-Film wirken. Auf der anderen Seite findet sich aber eine bitter-süße wie tragik-komische Seite, voll Besinnlichkeit und Melancholie und mit einer finalen Portion Rückbesinnung, auf das worauf es im Leben wirklich ankommt.
Bei allem Lob, und das schließt die Darsteller mit ein, die diesem wilden Potpourri erst den endgültigen Pfiff verleihen, ist die zeitweise schrille Machart, gleich einem surrealen Musical, bestimmt nicht jedermanns Sache. Dass manch einer angenervt den Kinosaal verlassen könnte, braucht nicht zu verwundern. Erzählerisch besitzt Das ganze Leben liegt vor dir überdies eigentlich kaum nennenswerten Inhalt. Es fällt auch schwer aus diesem Wirrwarr und Chaos-Stilmix einen echten Plot herauszufiltern, sieht man vielleicht von dem Kernelement einer "Late-Coming-of-Age-Story" ab. Und dennoch vermag der Film insgesamt durchaus zu bezirzen. Es muss wohl tatsächlich Kunst sein und die muss nicht immer zwangsläufig auch etwas wollen oder in den Augen aller Sinn ergeben. Manchmal reicht es schlichtweg aus, sich vor etwas Wundersames zu stellen und es einfach atemlos zu bestaunen.