Schon sieben Jahre befinden sich die amerikanischen Streitkräfte im Irak. Aus einer "Suche nach Massenvernichtungswaffen" und dem Wunsch, den Diktator Hussein dingfest zu machen, wurde ein Daueraufenthalt. Die USA mögen kriegsmüde sein, die ganze Nation den Abzug ersehnen, aber selbst nach der Wahl eines weniger kriegstreibenden Präsidenten scheint eine Befriedung kaum mehr, als pures Wunschdenken. Waffenstillstand beschreibt die Geschehnisse an einem Tag der Waffenruhe, während eines "Polizeieinsatzes" der US-Streitkräfte im Jahr 2004. Ein Versuch aus deutschen Landen, das Thema Irakkrieg aufzuarbeiten, aber eben nicht mehr als das.
Trotz der immer noch brisanten Situation im Irak ist das mediale Interesse stark zurückgegangen. Mag sein, dass es an den fast täglich hereinkommenden politischen Beinahe-Bankrotterklärungen unserer Regierung betreffend Afghanistan liegt; oder es ist schlichtweg Angesichts der Aufstockung der deutschen Truppen am Hindukusch und der allgemeinen Diskussion um Auslandseinsätze der Bundeswehr eine völlig normale Entwicklung, dass sich der Fokus der Berichterstattung verschiebt. In die Nachrichten gelangt der Irak jedenfalls im Augenblick nur noch, wenn wieder mal eine Autobombe explodiert oder die sinnentleerte Tat eines Selbstmordattentäters abermals Opfer fordert.
Aber auch ohne im Brennpunkt des medialen Interesses zu stehen, bleibt das Land weiterhin ein Pulverfass und die Geschehnisse dort sind verschiedenster filmischer Auseinandersetzungen durchaus würdig. Nicht umsonst geht Tödliches Kommando - The Hurt Locker ebenso wie Avatar - Aufbruch nach Pandora mit neun Academy-Award-Nominierungen in das Oscar-Rennen 2010. Und Green Zone, der diesjährig bei der Berlinale gezeigt wurde, riskiert einen Blick in die politischen Niederungen um die Geheimdienst-Ränkespielchen, die unter der Oberfläche der amerikanischen Befriedungsmission laufen.
Wenn sich deutsche Filmmacher den Kriegswirren im Irak annehmen, hat das aber irgendwie einen merkwürdigen Beigeschmack: Hierzulande wird sich des Themas Krieg eben grundsätzlich eher dann angenommen, wenn es sich um den handelt, für den Deutschland leider ursächlich führend wie auslösend verantwortlich war. Zwangsläufig schließt sich somit die Frage an, welche sinnige Geschichte aus deutscher Sicht überhaupt über Ereignisse im Irak zu erzählen wäre - es sei denn, man scheut nicht davor, eine hanebüchene Story aus dem Zylinder zu Zaubern.
Waffenstillstand rückt zwei deutsche Journalisten, die 2004 während der amerikanischen Faludscha-Offensive im Irak sind, sowie die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation und einen Arzt in den Mittelpunkt der Geschichte. Der junge und karrierehungrige TV-Journalist Oliver (Max von Putendorf) möchte endlich eine spektakuläre Story, die ihm erlaubt, zu einer Top-Sendezeit über den Äther zu gehen. Er hat Wind bekommen, dass der Arzt Alain Laroche (Matthias Habich) und die Logistik-Chefin einer Hilfsorganisation Kim (Thekla Reuten) beabsichtigen, mit einer Lieferung an Hilfsgütern und Medikamenten in das umkämpfte Faludscha zu fahren. Kim ist der Meinung, das Risiko sei vertretbar, denn ihr war zu Ohren gekommen, dass zwischen den amerikanischen Truppen und den aufständischen Irakis ein inoffizieller eintägiger Waffenstillstand vereinbart wurde. Bei den Behörden ist sie mit dem Ersuchen um eine Passiergenehmigung aber abgeblitzt.
Die beiden Journalisten sollen diesen nun gewissermaßen ersetzen. Als ausländische Korrespondenten dürfen sie sich - auf eigenes Risiko - im Krisengebiet bewegen. Die beiden Reporter befinden sich aber ihrerseits im Glauben, dass Kim den Passierschein bekommen hat. Von der Aktion trotzdem wenig begeistert, zeigt sich aber Olivers Kameramann Ralf (Hannes Jaenicke); er hält sie sogar für blanken Selbstmord und den ominösen Waffenstillstand für ein Hirngespinst. Seit 20 Jahren betreibt er das Geschäft mit den Bildern rund um den Globus und befand sich schon auf manch einem heißen Pflaster. Doch diese Aktion ist ihm mehr als suspekt. So verschachtelt der Beginn der Story auf den ersten Blick aussehen mag, dienen diese kleinen dramaturgischen Verschachtlungen aber kaum zu mehr, als den nachfolgenden Ereignissen überhaupt eine Art Plausibilitäts-Legitimation zu verleihen.
In Stile eines halbdokumentarischen Roadmovies begibt sich die illustre Truppe in einem rumpeligen Transporter auf die Reise, und während draußen die wüstenähnliche Einöde am Fenster vorbeizieht, sollen plakative Dialoge dazu dienen, den Charakteren etwas wie ein Innenleben zu verpassen. Dieser Versuch Psychogramme zu zeichnen, mündet aber alsbald in vier überaus lächerliche Stereotypen: der desillusionierte Arzt, der körperlich wie geistig über die jahrzehntelange Arbeit in Kriegsgebieten zu einem drogensüchtigen Wrack wurde; die Idealistin, der kein Opfer zu groß scheint, um Notleidenden zu helfen; der karrieregeile Reporter, der für eine gute Story alles tun würde; und schlussendlich der Mahner und Nörgler, der das alles für einen furchtbaren Fehler hält. Selten wurden Figuren derart eindimensional skizziert und damit beauftragt, die ganze Zeit kaum mehr zu tun, als die Stereotype fortwährend zu bedienen. Beispielsweise der endzynische Drogie-Arzt, der ständig mit einer Nadel im Arm ertappt wird - oder sollte das eine Art "Running Gag" sein?
Hätten sich die Macher aber damit begnügt, es bei Waffenstillstand zumindest mit dem Roadmovie allein gut sein zu lassen, wäre das alles noch halbwegs erträglich; es eröffnete sich sogar die Chance, Impressionen en passant einzufangen und damit eine ganze Palette an Eindrücken jenseits der unmittelbaren Kampfeslinie wiederzugeben. Doch die Ambition wurde höher gelegt: Als die Truppe nach Faludscha gelangt, gerät der Film plötzlich zu einer Art groteskem Kammerspiel. Die überbordende Theatralik mit der versucht wird, aus einer klaustrophoben Situation Dramatik zu quetschen - als sich nachts alle in einem Hinterhof verstecken, während um sie herum Kampfeslärm zu vernehmen ist - erinnert von der Qualität an die Darbietung eines Laientheaters. Das lässt beinahe manch eine absurde Wendung vorher vergessen, welche die Geschichte überhaupt erst an diesen Punkt führte.
Wie einfallslos diese Zelluloid-Kopfgeburt aber in der Summe ist, zeigt sich bereits darin, dass dem Streifen eigentlich nur ein einziger Kniff zur Spannungserzeugung zur Verfügung steht. Aus: Wie gelangen wir heil nach Faludscha? wird dabei: Wie überstehen wir die Nacht im Hinterhof? und schlussendlich: Wie kommen wir bloß wieder heil aus Faludscha heraus? Was immer Waffenstillstand im Wesen sein will: Spielfilmdoku, Roadmovie, Portrait einer zerbombten Nation, die nicht zur Ruhe kommt, Anklageschrift gegen amerikanische Säuberungen mit verheerenden Kollateralschäden oder schlichtweg Kriegsdrama; es reicht einfach nicht, Genreversatzstücke aneinanderzukleistern, um einen guten Film zu produzieren. Die Summe der Teile vermag zwar durchaus größer zu sein, als die einzelnen Teile, aber sie müssen auch irgendwie zusammenpassen und Sinn ergeben.