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Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen

(Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen, 2010)

Dt.Start: 25. März 2010 Premiere: 25. März 2010 (Deutschland)
FSK: o.A. Genre: Dokumentation
Länge: 89 min Land: Deutschland, Schweiz
Darsteller: Vater Afrayem Elorashalimy (Äthiopischer Mönch), Bruder Jayaseelan (Indischer Franziskaner Mönch), Vater Samuel Aghoyan (Armenischer Mönch), Abuna Gebreselassie Tesfa (Ägyptischer Mönch), Patriarch Theophilos III. (Griechischer Mönch), Pater Robert Jauch (Franziskaner aus d. Rheinland), Wajeeh Y. Nusseibeh (Muslimischer Türwächter)
Regie: Hajo Schomerus
Drehbuch: Hajo Schomerus


Inhalt

Auf die Grabeskirche in Jerusalem erheben gleich sechs christliche Konfessionen Anspruch und jedem gehört ein kleines Stückchen, das gegen die "Andersgläubigen" verteidigt werden muss. Griechisch-orthodoxe Christen, römisch-lateinische Franziskaner, syrische Christen, armenische Christen, äthiopische Abessinier und ägyptische Kopten, alle unter einem Dach; und eine muslimische Familie verwahrt den Schlüssel. Kein Wunder, dass dabei die Gläubigen der verschiedenen Konfessionen ab und an einmal aneinander geraten.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 70%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen hat eine Wertung von 70%
Am heiligsten Ort des christlichen Glaubens, in Jerusalem, ist man sich uneins. Gleich sechs christliche Konfessionen ringen um Rechte und Privilegien in der Grabeskirche; dem Ort, an dem Jesus nach seiner Kreuzigung beigesetzt wurde und nach drei Tagen auferstanden sein soll. Die Dokumentation Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen fängt dieses Treiben ein, das zuweilen kurios ist; mitunter sogar blanke Verständnislosigkeit auslösen kann. Eine sehr schöne journalistische Arbeit, die mit ein paar Längen aufwartet und durchaus auch im heimischen TV funktioniert hätte.

Bild aus Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen Jerusalem zählt aus vielerlei Gründen zu einem der bedeutendsten Orte unseres Planeten. Die Stadt hat nicht nur eine viele Jahrhunderte zählende, sehr bewegte Geschichte; sie ist darüber hinaus für die drei großen monotheistischen Weltreligionen eine heilige Stätte. Für alle Christen sogar ganz besonders: Dort starb Jesus von Nazareth, Gottes Sohn, am Kreuz und nahm durch seine Leiden die Sünden der Welt auf sich. Durch ihn wurde damit ein neues Band zwischen Mensch und Schöpfer geknüpft.

Spirituelles Zentrum innerhalb der Stadt ist für die Gläubigen die sogenannte Grabeskirche. Das ist der Ort, an dem Jesus, nachdem er am Kreuze starb, beigesetzt wurde und gemäß dem christlichen Dogma nach drei Tagen wiederauferstand. Als dieser besondere Platz als das Grab Jesu identifiziert wurde, haben die Christen eine Kirche darauf errichtet. Doch Christ sein, ist nicht gleich Christ sein. Sechs Konfessionen teilen sich den Zugang und die Rechte, um an diesem Ort verweilen zu dürfen: griechisch-orthodoxe Christen, römisch-lateinische Franziskaner, syrische Christen, armenische Christen, äthiopische Abessinier und ägyptische Kopten.

Von außen erinnert das Kirchengebäude an architektonischen Wildwuchs. Der ursprüngliche Bau stammt aus dem Jahr 326 nach Christi. Das Grab selber befand sich unter den Ruinen eines römischen Tempels aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Seit dieser Zeit wurde die Kirche oft um- oder nach Zerstörung wiederaufgebaut, renoviert und natürlich auch erweitert. Heute wachen die einzelnen christlichen Konfessionen verbissen über die ihnen zugeteilten Anteile und beobachten eifersüchtig die anderen.

Die abessinischen Christen, die ihren Platz innerhalb der eigentlichen Kirche verloren haben, quartierten sich kurzerhand auf dem Dach der Kapelle ein; die koptischen Christen, die den Haupteingang des Grabes nicht benutzen dürfen, bauten sich einfach ein kleine eigene Kapelle an der Rückseite der Grabkammer; und ebenso rigoros wie beinahe arrogant wachen die Griechisch-Orthodoxen über ihre Vorherrschaft. Im Inneren tobt nicht nur ein ausgesprochener Machtkampf, es erinnert auch an ein Labyrinth, mit Passierrechten und absonderlichen räumlichen wie zeitlichen Privilegien.

Die ausgesprochene Stärke des Films ist, dass er niemanden vorführen will, sondern sich aufs Vorführen beschränkt. Er lässt die Bilder für sich sprechen und den Rest erledigen die Protagonisten selber - zum Teil im Interview. Aber schon die Eingangsszene spricht Bände: Eine Gruppe junger israelischer Soldatinnen auf einer Art Kulturexkursion nehmen die Grabeskirche in Augenschein. Trotz des grundsätzlichen Respekts, den sie an den Tag legen, wird sofort offenbar, dass für die Frauen die christliche Form des Glaubens mit all ihren Diversitäten ein Kuriosum darstellt. Mag uns das Judentum mit all seinen Ritualen und Traditionen überaus mystisch vorkommen, ist es für Juden nur schwer verständlich, wie unterschiedlich und uneins das Christentum in sich sein kann. Ihre Religion ist im Vergleich dazu viel konsistenter und einheitlicher.

Es herrscht tatsächlich oft ein echtes Tohuwabohu in der Grabeskirche. Zwar haben sich alle prinzipiell darauf verständigt, ihre Messen so zu legen, dass die Zeremonien der anderen nicht gestört werden. Doch immer geht das nicht. Und so mutet dieser heilige Ort zu manchen Zeiten wie eine babylonische Sprachverwirrung an: Alle zelebrieren ihre Messen in ihren Muttersprachen, parallel dazu begleiten die Franziskaner ihre Zeremonie mit Orgelmusik und von den Orthodoxen vernimmt man byzantinische Gesänge. Dieses Chaos artet manchmal sogar in regelrechte Boxkämpfe zwischen den Mönchen aus. Nächstenliebe auf die handgreifliche Art. Es ist wie bei einer Mietskaserne: Viele Parteien bewohnen den Bau und so richtig grün ist man sich nicht.

Ein sehr merkwürdiges Bild wirft das alles auf den abendländischen Glauben. Dieselbe Religion, aber ein Gebaren wie Hund und Katz. Die O-Töne in den Interviews verstärken diesen Eindruck noch. Jeder pocht auf seine Rechte. Besonders die Katholiken und Orthodoxen spielen sich als Hüter des Glaubens mit Alleinvertretungsanspruch auf. Manch einer - wie der griechisch-orthodoxe Patriarch - ist sogar der Meinung, man müsse, wenn die lieben Schäflein nicht von sich aus (blind) glauben wollen, diesem durch ein klein wenig wundersame Taschenspielerei nachhelfen; ein sympathischer Zeitgenosse.

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen ist keine Religionssatire. Also weit von plakativen (aber unterhaltsamen) Filmen wie Religulous entfernt. Wer hier dennoch schlecht abschneidet, hat das sich selber anzukreiden. Filmemacher Hajo Schomerus wertet nicht, sondern ist Beobachter eines bunten und zuweilen furiosen Treibens innerhalb des christlichen Glaubens. Trotz des hohen Schauwertes und vieler interessanter Facetten, die in der Form nicht jedem bekannt sein dürften, geriet die Doku aber ein wenig zu lang. Zudem stellt sich die Frage, ob sie zwingend als Kinoformat umgesetzt werden musste? 60 knackige Minuten im Fernsehen hätten es vermutlich auch getan.



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